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Werte

Jawohl, Werte Werte Werte. Das Wort WERT steht auf den Tastaturen schon fertig da, drum wird es wohl so häufig verwendet. Zweite Reihe, komischerweise links oben und nicht rechts außen. Noch nie waren Werte so wichtig wie jetzt. Schauen wir einmal nach, was Menschen, die nach Österreich kommen, so alles lernen müssen könnten. Entwarnung gleich am Anfang: Es handelt sich laut eines Experten um keine Anleitung zur Assimilation. Allerdings wird quasi im selben Atemzug bzw. Mittagsjournal zur Pflicht zur Integration aufgerufen.

Was an Werten nämlich einerseits vermittelt wird und schließlich im echten Leben umgesetzt, das alles ist ständig zu sehen und zu hören und lesen, in allen Medien. Vor allem bemühen sich immer schon - in den letzten Jahren aber gefühlt noch intensiver - Menschen aus Politik und Wirtschaft, Werte nicht nur zu vermitteln, sondern auch zu vergrößern, was in unzähligen Gerichtsverhandlungen besprochen wird, weil die Wertvorstellungen dann doch sehr unterschiedlich ausfallen. Es macht neugierig, welche Leitlinien gerne erklärt werden würden, wenn Flüchtlinge erst einmal eine ausreichende Sprachkenntnis erlangt haben, um sich diesen Dingen zu widmen.

Fangen wir bei den grundsätzlichen Dingen an, bei der Familie am besten. Die Familie hat einen hohen Stellenwert. Hier wird zum Beispiel von der Gleichheit der Geschlechter gesprochen. Genau da können wir bereits mit bestem Beispiel vorangehen: Hier in Österreich werden Frauen wesentlich geringere Gehälter ausbezahlt, damit sich das Arbeiten mitunter einerseits gar nicht mehr auszahlt, wenn der Papa genug verdient und die Mama daheimbleibt bei den Kindern. Und jene die Familie sabotierenden Alleinerzieherinnen, die böse, hinterhältig und aus Jux und Tollerei meist Partner und Ehegatten verlassen, spüren am Kontoauszug wenigstens, was es heißt, wenn leichtfertig das Sakrament der Ehe zerstört wird. Anfang Oktober haben Frauen im Vergleich zu Männern schon fertigverdient, arbeiten müssen sie aber bis zum Jahreswechsel, um das einmal vor Augen zu führen. Prinzipiell hat in den meisten Gegenden der Welt die Familie durchaus einen hohen Stellenwert. Was also lehren wir unsere neuen Mitbürgerinnen und- bürger? Männer an die Arbeit, Frauen bleibt zu Hause. Ich denke, dass das einigen bereits ein Begriff ist.

Womit wir gleich beim nächsten Thema sind, bei der Arbeit. Wir hören, dass die Hälfte des Geldes gestrichen wird, wenn kein Wille zur Arbeit erkennbar ist. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob sich irgendwer von den gerade verantwortlichen Personen von politischer Seite tatsächlich schon einmal unter immigrierendes Volk gemischt hat. Dort hätten sie nämlich bemerkt, dass nach dem ziemlich weit verbreiteten ausgeprägten Wunsch nach Arbeit in Österreich - oder wo immer sie ankommen - viele gar nicht wissen, dass es so etwas wie eine finanzielle Grundsicherung gibt einerseits. Und andererseits wäre es angebracht, über einen vorhandenen oder nicht vorhandenen Arbeitswillen solange einfach die Klappe zu halten, bis ein offizieller und legaler Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglicht und gesichert ist: Das ist nicht der Fall. Diese Aussagen zeichnen nicht nur den Esel, der mit der Karotte an der Angel vom Reiter zum Gehen geködert wird, sondern gleichzeitig werden dem Esel die Beine gefesselt.

Ganz nebenbei wird vorgeschlagen, dass das Arbeitsmarktservice für jeden einzelnen Flüchtling einen individuellen Integrationsplan entwickelt. Das klingt total super! Sonst ist alles in Ordnung? Gerade waren Österreich und ganz Europa Mitte des Jahres 2015 überrascht worden von einem Flüchtlingsstrom aus Gebieten, in denen ein satter Bürgerkrieg ins fünfte Jahr geht. Dort stehen viele Menschen nämlich in dem sagenhaften Dilemma, von gleich zwei Seiten bedroht zu werden, von der Regierung und dazu vom Terror des IS; in vielen Nachbarländern Syriens ist es nicht wesentlich kuscheliger. Nun werden Pläne ausgesprochen, die leider wirklich nur Kopfschütteln hervorrufen können, mit Verlaub: Es ist ja wirklich nett gemeint, dass um jeden Menschen gekümmert werden möchte, aber vorher sollten vielleicht einmal ein paar ungeklärte Dinge auf die Reihe gebracht werden wie Unterkünfte und Quotenerfüllungen in den Bundesländern zur Unterbringung von Flüchtlingen, sonst haben sie nämlich nicht einmal ein Dach überm Kopf, von welchem aus sie einen Arbeitsmarktservice ansteuern könnten.

Das Allheilmittel bei möglicher Integrationsverweigerung von Jugendlichen in Schulen, wo viele ohnehin noch nicht angekommen sind, haben unsere Integrations- und Erziehungsexperten auch schon parat: Sollte es Anzeichen einer eventuellen Radikalisierung geben, werden diese Schüler am Nachmittag nachsitzen. Das hat jemand, der eine solche Idee hat, bestimmt nie ausgefasst, ich aber sehr wohl, und folgendes darf ich ins Stammbuch schreiben: Nachsitzen musste ich nicht, weil ich mich irgendwie fürchterlich benommen habe oder sonst etwas schwerwiegendes, sondern weil ich einfach meine Klappe gelegentlich aufgemacht habe, und aus keinem unfreiwillig in der Schule verbrachten Nachmittag bin ich als anderer Mensch nach Hause gekommen, im Gegenteil, es hat mich eher noch bestärkt, mir einfach nichts gefallen zu lassen, was mir als ungerecht erschien. Wenn also jemand glaubt, dass Nachsitzen als Maßnahme wofür oder wogegen auch immer zieht, ist in seinen pädagogischen Vorstellungen über die fünfziger Jahre nicht hinausgekommen.

Eine Sprache gibt es auch noch, die erlernt werden sollte, bin ich natürlich einverstanden damit. Aber den Kurs bekommen nicht alle, da könnte ja jeder kommen! Menschen aus Syrien bekommen natürlich eine Kurs, während dem Kosovaren keiner zusteht. Anscheinend hat da jemand alle Asylanträge aus dem Kosovo mit dem magischen Auge des Superman gescannt und festgestellt, dass das wahrscheinlich nur Wirtschaftsflüchtlinge sind. Und wo kommen wir denn das hin, wenn da jeder Unqualifizierte so mir nichts dir nichts unsere Sprache kassiert. Wenigstens sollte man ihnen den Begriff „Wert“ vermitteln, damit dieser nicht mit Füßen getreten wird.

Zur Sprache passt auch das Credo zur Religionsgleichheit, nämlich dass keine Religion über einer anderen steht. Zunächst würde man sich wünschen, dass gar keine Religion irgendeine Wichtigkeit erlangt, und wenn ich mich recht erinnere, hat sich eine Fraktion vor gar nicht langer Zeit den exotischen Wunsch erlaubt, wenn möglich nur Christen aus den Krisengebieten hier herein zu lassen. Überraschenderweise hat das nicht so richtig funktioniert. Ein Spielfelder Geschäftsmann hat vor vielen Jahren neben seinem Geschäft eine Gebetsstube errichtet, damit türkische Gastarbeiter auf dem Weg von und in die Türkei dort beten können, und natürlich einkaufen. Er ist tatsächlich enttäuscht, dass von den Flüchtlingen niemand betet. Unvorstellbar offenbar, dass sie ein wenig anderweitig beschäftigt sind.

Zu guter letzt wird noch eine Garantie ausgesprochen, adressiert an alle Österreicher, die angesichts der Flüchtlinge offenbar schon obdachlos und hungernd geworden sind: Es ist klar, dass Asylberechtigte nicht besser gestellt werden als Österreicher. Da müssen wir uns bestimmt keine Sorgen machen, au contraire: Hätte sich unser Außenminister für einen Job im Bereich Migration beworben, hätte er aufgrund seines Wissens- und Ausbildungsstatus eher wenig Chancen gehabt, überhaupt in eine engere Auswahl zu kommen, deshalb hat ihm irgendjemand gleich das Ministeramt für u.a. Integration beschert. Und es ist davon auszugehen, dass niemand aus dem Ausland bevorteilt worden ist.

Ob diese ganzen Aus- und Ansagen zufällig exakt am Welttoilettentag an die Öffentlichkeit gelangt sind, weiß niemand, jedenfalls sind sie am Häusl wohl am besten aufgehoben, Spülung betätigen, runter damit, in einer Kläranlage reinigen und es kann von vorne losgehen, und ein Vorschlag: Nachdenken ist nicht verboten, es muss nicht immer schon beim Denken gesprochen werden! Ich werde weiterhin gelegentlich, wenn es die Zeit erlaubt, ins Zelt gehen, um den flüchtenden Menschen Tee und Essen in die Hand zu drücken, mit den Kindern ein paar Faxen machen, mit manchen Menschen reden, die es gerne möchten. Dort mutiert eine anonyme Masse ganz schnell zu Menschen mit Identitäten. Wirklich!


Bildrechte: Elnathan Wert von John Jackson ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

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[Kolumne/Walter Schaidinger/03.12.2015]







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