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"Unique Selling Position"


Und wieder einmal schreibe ich an dieser Stelle, worüber ich hier anscheinend jedesmal schreibe; und aufs Neue geht mir das Thema auf den Wecker; aufs Neue auch weiss ich mich sowas von nicht-allein damit, es geht ja eh in keinem Medium mehr um irgendetwas anderes. Die unhintergehbare Notwendigkeit, jenen Gegenstand durchzukauen, lässt mich speiben wollen, und die gleichzeitig evidente Nutzlosigkeit jedes noch so ggf. klugen Gedankens erschwert mir, bei der Sache zu bleiben. Bei welcher Sache also? -

- Na was glaubst, Hustinettenbär? Bei Xenophobie, Zerbröselung aller Nachkriegs-Wägbarkeiten hierzulande, galloppierender Verblödung, Faschisierung, Paranoisierung (ist das ein Wort?) der gesellschaftlichen Diskurse ... Mit anderen Worten, es geht erneut um Bumsti Strache, um seine mutwilligen Ermöglicher und um die sozialen Verhältnisse, auf denen er durchs Dorf reitet wie auf jenem Ochsen, als den wir uns seinen typischen Wähler vorstellen dürfeun ("impotent rage" und so): Unfähig, das Vieh zu lenken, schaut er gleichwohl triumphal auf uns herab von da oben, zwischen jenen mächtigen Schuterblatteln, weil ein jeder ihm Platz macht ...

Wir erinnern uns: Würde heute gewählt, wir könnten uns schon mal seelisch auf Bumstis Kanzlerschaft einstellen. In diesem Zusammenhang brachte die ZiB 2 kürzlich einen Beitrag darüber, wie die Häuptlinge der beiden ehemaligen Großparteien die lange wahlkampffreie Zeit bis zur Nationalratswahl 2017 nutzen wollen, um wieder aufzuholen. Das hörte man und freute sich dran in jenem zugegeben bescheidenen Maße, zu dem noch so integre, noch so wohltönende Stimmen aus jenen Echokammern des Schreckens Anlass zu geben im Stand sind.

"Parteireform!" hieß es da etwa, und man horchte auf. Was durfte man sich drunter vorstellen? Die Rückkehr zum ernstlichen Vertreten jener so widerstrebenden wie ernstzunehmenden Interessen der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, die die Parteien 2017 dann in Scharen wählen sollen; vereinfacht gesagt: HacklerInnen und GemeindebaubewohnerInnen im einen Fall, Bauern und Wirtschaftstypen im anderen? Standen Angebote an den eigenen Nachwuchs und an die diversen sozialen Randgruppen im Raum, Angebote, sich politisch zu organisieren, mitzuspielen, die Apparate aufzumischen? Am Ende gar vernünftige, oder zumindest auch vernunftorientierte, Politik?

All diese kleinlaut hoffenden Fragen, die das Aufhorchen vor dem Fernsehschirm begleiteten, wurden dann aber zu Nichte gemacht von einem einzigen Wort, nein, nur einem Kürzel, das aus dem Munde des Mitterlehners durch den Äther und in die Fernsehzimmer purzelte: "USP", weltmännisch-englisch ausgesprochen "Ju-Äss-Pie", kurz für "Unique Selling Point" oder "Position". Auf deutsch: "Verkaufsargument". Mit diesem Kürzel wurde (spätestens) klar, dass man es bei der Meldung von der "Parteireform" nicht mit einen jener raren Fälle zu tun hatte, da der Herr im Himmel Hirn aus selbigem hätte regnen lassen ... sondern um die übliche nutzlose Pseudo-Scheisse, um Aktivitäts-Plazebos zur Beruhigung der zurecht nervös gewordenen kleinen und mittleren ParteifunktionärInnen; um das ahnungs- und hilflose Nachplappern der Selbstrechtfertigungsphrasen jener Kaste von BeraterInnen und StrategInnen, die gut davon lebt, dass man in den Parteiapparaten persönliche Verantwortung scheut und Sachzwänge, vorgegaukelte wie echte, super findet - ersetzt die Orientierung an ihnen doch die Notwendigkeit weltanschaulicher Diskurse.

(Und sorry - Bandwurmsachverhalte brauchen Bandwurmsätze).

Wer von "Unique Selling Points" redet, gibt klar zu erkennen, dass er seine Aufgabe darin sieht, eine Ware zum Verkauf feilzubieten. Wer so denkt, denkt folgerichtig auch, dass es ein Markt ist, idealerweise ein "freier" Markt, auf dem er sich bewegt. Wer nun das politische Geschehen in solchen Bahnen beurteilt, gibt damit zu erkennen, dass er den Markt als Paradigma für eh alles akzeptiert hat; dass er sich keine Welt ausserhalb des Marktes denken kann und/oder will. Mit anderen Worten: Der kann den Status Quo nicht überwinden wollen, selbst, wenn er ihn als schlecht erkennt.

Weniger abstrakt gesagt: Wer Politik exklusiv als Marktschreierei betreibt, darf sich nicht wundern, wenn der "Kunde" demjenigen "Konkurrenten" den Vorzug gibt, dessen Ware am "billigsten" ist. Er darf sich auch nicht wundern, wenn er feststellt, dass er durch sein Handeln einen Teil der Öffentlichkeit in "rationale Subjekte" im Sinne der Volkswirtschaftslehre (also in Geiz-ist-Geil-Deppen) verwandelt hat, und den großen, großen Rest dazu gebracht hat, sich von jenem hirn- und würdelosen Schauspiel vollends abzuwenden (also: nicht mehr wählen zu gehen).

Und selbst, wenn sich die Parteien-PR deutlich verbessert, ist damit eben nur - die PR verbessert. An der Situation der Flüchtlinge an den Grenzen, am Erodieren des Sozialstaats, an dem immer deutlicheren Auseinanderklaffen der Einkommensschere, schlißlich auch an jenem Bündel von realen Schwierigkeiten, die in den Zeitungen unter der Rubrik "Integrationsdebatte" abgehandelt werden, ändert sich nichts. Da kann Faymann hundertmal die sprichwörtlich gewordene "Themenführerschaft in Sachen sozialer Gerechtigkeit" beanspruchen, und Mikl-Leitner, die würdige Erbin der Schottermitzi, kann hundertmal die Angstlust ihrer "Kundschaft" angesichts der "Ausländer" kitzeln. 

Solange die FPÖ die einzige Partei bleibt, die sich authentisch als "Bewegung" präsentiert statt als günstige Resterampe der politischen Hoffnungen, wird sie gewinnen. Da hilft auch der leicht erkennbare Umstand nichts, dass die Strategen in der zweiten und dritten Reihe hinter Strache sich genau des selben zynischen Politikbegriffs bedienen wie ihre "Mitbewerber". So. Ausgekotzt.


Bildrechte: "What is your Unique Selling Proposition?" von Walter Lim ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz....




[Kolumne/S.Schmitzer/16.11.2015]







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