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Presselandschaft Österreich

Ganz unverblümt darf man feststellen, dass bei regelmäßigem Konsum von deutschen Tageszeitungen sich jener von österreichischen erübrigt. Hin und wieder guckt man doch hinein, damit nicht in Vergessenheit gerät, wo wir uns befinden. Und gelegentlich stolpert man über Kommentare, die unter Umständen von Interesse sein könnten. Die Überschrift eines Kommentars in der lachsrosa Zeitung lautete gerade "Warum Kurz die kleinen Selbständigen zulaufen".



Bevor der Artikel näher betrachtet wird, stellt sich einmal die Frage, wie der Autor auf diese Idee kommt und wen aller er nicht befragt hat, gilt doch im Journalismus die berühmte Formel von "Check - Re-Check - Double-Check"; auch für einen Kommentar könnte ein bisschen was davon dabei sein. In diesem Fall wurde offenbar keiner der drei Begriffe wahrgenommen, ein leiser Hauch von zarter Vermutung kann hier höchstens als Hintergrund genannt werden. Hübsch verpackt geht es hier zuallererst um Kritik an den Roten. Vorweg: Der Pensionswahnsinn, der von großen Koalitionen eingerichtet wurde, ist definitiv vorgestrig, Privilegien und Doppel- und Mehrfachbezüge nicht nachvollziehbar. Das hat aber noch immer nichts damit zu tun, dass der neue türkise Stern am schwarzen Himmel irgendeine Idee bisher formuliert hat, die, ja wem nun eigentlich irgendwelche Erleichterungen bescheren würde? Angeblich den kleinen Unternehmern, sagt der Kommentator, voll auf schwarzer Parteilinie. Denn diese Parteilinie hat bis jetzt noch nicht begriffen, dass es Unternehmen gibt, die aus einer Person bestehen und täglich ums Überleben kämpfen. Den kleinen Unternehmern geht es vor allem darum, das kleine Geld, dass sie verdienen, nicht gleich im Voraus wieder für den eventuellen nächsten Verdienst investieren müssen. So ist es aber. Es gilt die Unschuldsvermutung für den Kommentator, da er von seinem Dienstverhältnis her höchstwahrscheinlich als Angestellter bei besagter Tageszeitung von selbständigem Broterwerb keine Ahnung haben. Aber nur dafür. Für den Inhalt dieses Artikels als Journalist gilt die absolute Schuldvermutung, einfach aus dem Bauchgefühl heraus einen totalen Nonsens aufgeschrieben zu haben, der jeglicher Realität Hohn spricht.



Es wird von zahlreichen Spenden erzählt, die Kurz von den kleinen Unternehmern lukrieren würde. Von den ganz kleinen Unternehmern traue ich mich ganz entspannt zu behaupten, dass kein einziger dabei ist. So geht das nämlich nicht, dass ein in zwei Ministerien angelernter Student der Rechtswissenschaften bei allen Begeisterung auslöst, nur weil er eine Filiale der so genannten Wirtschaftspartei neu lackiert und dabei vorgaukelt, er hätte mit der Mutterpartei zwar peripher zu tun, aber er selbst denkt alles neu. Dafür sind sehr viele ganz kleine Unternehmer zu wenig blöd.



Dort wird nämlich mitunter kritisch gedacht und das eine oder andere hinterfragt. Viele Unternehmer denken nachhaltig. Viele würden gerne klein bleiben, weil sie einfach mit einem unter dem Durchschnitt liegenden Verdienst das Auslangen finden, aber das ist ein Kunststück in Anbetracht des Fahrwassers des ständigen und in Wahrheit vollkommen unsinnigen, weil nicht Ziel führenden Wirtschaftswachstums, in das ein Kleinstunternehmer gerät, sollte ihm passieren, einmal etwas zu viel zu verdienen. Dann geht nämlich die Reise los, die Flüge klingen verlockend und schön, nur sind die Flughafentaxen ungefähr so hoch, dass sich viele - mitunter zu spät - nichts sehnlicher wünschen als zu Hause geblieben zu sein. Da bleibt nämlich ganz flink gar nichts mehr über, ausser dem Druck, die anrollenden Kosten, die anfallen, mit neuen Aufträgen zu bewältigen. Willkommen im Hamsterrad.



Kleinunternehmer denken auch ökologisch, ganz viele sogar und ganz echt. Zwar ist die Verhaberung der Autoindustrie mit der CDU ein deutsches Phänomen, aber hierzulande ist es auch transparent genug, wenn ein Motorradhersteller eine sechsstellige Summe mit mindestens einem Dreier voran als Parteispende an das türkise Polithologramm überreichen möchte. Der erwartet sich bestimmt gar nichts... Damit identifizieren sich gar nicht wenige Menschen überhaupt nicht. Wenn wir nun zum Inhalt des rosa Kommentators zurückkehren, ist der Zweck aber ohnehin, sich an der SPÖ zu reiben, und nicht, um eine gute neue Idee des frisch gestrichenen konservativen Tochterunternehmens wiederzugeben. Die gibt es wahrscheinlich noch gar nicht. Zumindest wird nichts zitiert oder angeführt, was der neue Shootingstar inhaltlich geboten hätte, sondern lediglich das, was er am politischen Gegner anprangert. Das verwundert auch nicht: Die Gründung des (Wirtschafts-)Liberalen Forums ließ den Kommentator jubeln, schrecklich muss die Enttäuschung bei dessen schnellem Ende gewesen sein. Die NEOs gaben neue Hoffnung, kommen aber auch nicht wirklich in die Gänge. Vielleicht möchte einfach eine weitere Enttäuschung erspart werden, und ein bisschen mag er das junge Gesicht auf dem mittelalterlichen Kahn schon, das ist nicht zu leugnen. Wir spüren seine Hoffnung.



Und so machen wir die Zeitung wieder zu und befürchten, dass sich offenbar das Niveau der Presselandschaft an jenes der momentanen Politik dramatisch anpasst. Wenn wir schon an der Verhaberung von Politik und Industrie sind: Es ist ein bemerkenswertes Bild, wenn die Chefs von mehreren deutschen Automobilkonzernen nebeneinander bei einer Pressekonferenz stehen und irgendetwas von gemeinsamen Lösungen labern ohne knallrot zu werden. Gemeinsam haben sie möglicherweise über viele Jahre den gesamten Markt betrogen. Möglicherweise wurden Preise abgesprochen. Ganz sicher haben sie jahrelang niedrige Schadstoffwerte angepriesen, die falsch sind. Das ist zumindest einmal Betrug, am Kunden und nicht zuletzt an der Umwelt. Diese ist der Menschheit aber ohnehin nicht einmal mehr einen Pfifferling wert.



Ein wesentlicher Werbeeffekt für das Auto wird schließlich vom direkten Konkurrenten beigetragen: Von der Eisenbahn nämlich. Ganz kurz die Erfahrungen der letzten Tage diesbezüglich: Ein Fahrscheinautomat spuckt ein Ticket nach Villach für einen Dreizehnjährigen aus. Erste Information im ersten Reiseabschnitt: Mit diesem Ticket kannst Du nicht fahren, außer du zahlst ein paar Euro auf. Das Ticket wäre für eine Reise mit Zug/Bus/Zug vorgesehen, auf der anderen Route mit Zug/Zug/Zug ist es teurer. Aha. Weiterreise von Villach nach Wolfsberg: Drei Stunden mit zwei oder drei Mal umsteigen (Autoreisezeit: Eine Stunde). Nebenbei: Würde ich als Besitzer einer Family Card mit bis zu vier Kindern reisen, kostete es ein (!) Erwachsenenticket zum Halbpreis, der Rest wäre als Familienbegleitung kostenfrei, das ist schön. Fährt ein Dreizehnjähriger in den Ferien mit der Bahn, kostet es - genau, ein Ticket zum Halbpreis. Allein verreist also ein Kind zum gleichen Preis wie bis zu fünf Personen. Bestrafung der Rabeneltern, die ihr Kind alleine verschicken.



So schließen sich die Kreise. Ist man als Unternehmer erfolgreich oder waren es die Generationen davor und es durfte übernommen werden, ist es schön und möglich, mit einigen Mitarbeitern eine Reise anzutreten oder fortzusetzen. Es gibt eben aber auch jene Form des Unternehmens, dass einfach nur allein funktioniert. Mit dem Wachstum sieht es also aus substanziellen Gründen nicht gut aus, wenn auf eigene Formen und Ideen nicht verzichtet werden kann und will. Es gibt interessanterweise Richtung aufwärts eine Höchstgrenze bei den Sozialversicherungen, nach unten wird es aber nicht angepasst. Die Beiträge der Kleinstverdiener sind also im Verhältnis um eine Vielfaches größer als der Großverdiener. Die Beiträge bei der Wirtschaftskammer sind für alle gleich. Um eine Rechtsberatung für einen Einzelunternehmer gegen einen Betrieb mit 250 Mitarbeitern habe ich einmal angefragt: Soviel heiße Luft kam durchs Telefon, dass ich einen Ballon hätte füllen können, wäre schön gewesen für eine Reise, aber Entschuldigung, wer ist jetzt wichtiger, einer oder 250? Eben.

 

Und so verhält sich also das Verreisen mit der Eisenbahn ähnlich wie das Selbständigsein: Allein ist einfach alles teurer, und trotzdem erscheinen die Reaktionen paradox, einmal in der Phantasie, einmal ganz in echt. Die Zeitung meint, dass einer von Leuten gewählt wird, die es gar nicht gibt und dass Wirtschaftsinteressen für alle vertreten werden. Ich selbst werde trotzdem weiterhin mit der Bahn fahren, weil es, genau, weil es umweltverträglicher ist. Verrückt, nicht?


Bildrechte: (c) Walter Schaidinger

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[Artikel/Walter Schaidinger/08.08.2017]







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    Artikel - Walter Schaidinger


    05.10.2017 Enttäuscht II

    07.09.2017 Enttäuschung

    08.08.2017 Presselandschaft Österreich

    07.07.2017 Arnulf Rainer

    01.06.2017 Schablonen

    09.05.2017 Dünne Luft

    28.03.2017 Und niemals nicht vergessen!

    14.02.2017 Der Weltraum

    19.10.2016 Reicht es?

    31.08.2016 Folgen

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    26.04.2016 ?

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    16.03.2016 The sixth sense

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    18.05.2015 Österreich

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    24.11.2014 Schubumkehr

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    04.12.2012 Achtung: Zug hält nur bei Bedarf!

    25.10.2012 Organscreening

    03.10.2012 Rücktrittskultur

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    21.08.2012 SCHILDA GRAZ

    16.07.2012 In der Mitte liegt gar nichts mehr

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