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Heisse Luft und Nächstenliebe

Ich lag leider krank im Bett, als am 26. September die üblichen Verdächtigen der steirischen Kulturbetriebs-Lumpenburgeoisie nebsamt einigen solidarischen Gästen des heurigen "steirischen herbstes" auf die ebenso üblichen, unhaltbar depperten Zustände hier und anderswo hinzuweisen sich bemühten. Über die "Occupy-Vandalen", die "das Kunsthaus Graz besudel[te]n" (ö24.at), über "eine[n] der amerikanischen Rädelsführer - er nennt sich laut Polizei selbst Reverend Billy" (steiermark.orf.at) weiß ich folglich nix zu sagen, was die p.t. KiG!-LeserInnenschaft, die alte VandalInnenhorde, nicht mutmaßlich besser weiß. Nett bloß, dass uns aus diesem Anlass auch zu Gehör kam, wie "konkret" (Lenin) die "Wahrheit" (Hegel) des heurigen steirischen herbstes wirklich "ist" (Groucho Marx), denn: "Die rund 50 Aktionisten hatten sich vom internationalen „Marathon Camp“ des „steirischen herbstes“ in Bewegung gesetzt. (...) allerdings: „Es war keine Veranstaltung des Festivals“, betonte man am Donnerstag beim „steirischen herbst“." (erneut steiermark.orf.at) Nochmal: Da lag ich krank im Bett, und mehr als Spötteln ist nicht drin. Sehr Sorry, Amen, Hallelujah Brothers!

Die so plötzlich ausgebrochene Sorge um die Integrität von Kunsthaus und -betrieb seitens der Presse bzw. um den guten Ruf des "herbstes" seitens des "herbstes" - sie ist zum Glück nicht die einzige Blase aus heisser Luft und scheinheiligen Vokabeln, die aktuell durch den Diskursraum schwebt. Auch die Erz- und Urbrutstätte derlei pfäffischen Gesempers selber - die allzeit alleinseligmachende römisch-katholische Kirche - ließ sich nicht lumpen in den letzten Tagen. Franz Küberl, als ORF-Publikumsrat und Caritas-Präsident noch einer der relativen Sympathieträger innerhalb der Una Sancta, durfte dem staunenden Publikum vor Augen führen, was für ein zynisches Gesindel was mit dem Wort "Caritas" nochmal genau gemeint ist. Bzw. durfte das jenem Teil des Publikums vorführen, den's überhaupt noch interessiert UND der noch nicht hinreichend beauskunftet ist, wenn man hinzufügt, Küberl sei ausserdem noch "Mann des Jahres 2009" laut dem Wirtschaftsmagazin "trend".

Ach Caritas, du kleinster gemeinsamer Nenner von Kultur- und Glaubenskatholen! Du erstes Argument, dass aus der Schublade geholt wird, wenn vom Kirchenaustritt ab- und die Kirchensteuerzahlung angeraten werden soll! Du Feigenblatt, das den eitrigen Ausschlag (Opus Dei) und die Furunkel auf dem Leib der Braut Christi nur notdürftig verdeckt! Du Haupt voll Blut und... äh. Egal. Über die Caritas, im Gegensatz zu Kunstbetrieb und Aktionismus, lässt sichs auch schreiben, wenn man schwitzt und leidet. Weil: Da machen Profis die Pressesprecherei, nicht hungernde Dauerpraktikanten-zwischen-zwanzig-Jobs, da kann man recht verlässlich Wahrheitsgehalte und Tendenzen ausrechnen zu dem, was in der Zeitung landet. Für den berufsmässigen Meinungsabsonderer (mich) kein geringer Quell der Freuden. Jetzt nicht grade seligmachend, aber immerhin.

Wenn also diesem besagten Herrn Küberl laut Standard vom 27.09. die Entlohnung für das freiwillige Sozialjahr, wie Sozialminister Hundstorfer sie vorschlägt, viel zu hoch ist, und ihm da auch "der soziale Gedanke" fehlt in dem Entwurf, was sagt uns (also: mir, im Bett, nix besseres zu tun) das dann? Wenn Küberl also - denn "Wahrheit" (Ratzinger) ist immer "konkret" (Gremliza) - 1.380,- € brutto im Monat für idealistische junge Menschen, die sich freiwillig den Arsch aufreissen wollen, zu viel ist, und er vorschlägt, diese Hoffnungsträger des künftigen Miteinander statt dessen nach der Mindestpension (814,82 €) zu bezahlen - an welchem Prunkportal ist er da ang'rennt? Lesen wir weiter im Standard:

"Die Kernfrage ist, ist dieser Dienst von jungen Menschen zunächst ein Dienst an der Gesellschaft und an Menschen, die das brauchen, oder ist es ein Dienst an Organisationen?", sagte der Caritas-Präsident. Mit der geringeren Entlohnung würde deutlicher werden, dass jene, die das Sozialjahr absolvieren, "das auch machen, weil es ihnen selbst für ihr Leben und für die Gesellschaft wichtig ist".

Womit dem Manne dankenswerterweise entfleucht ist, was er wirklich denkt. Und ich meine da jetzt nicht dieses pragmatische Dings, mit dem Küberl ggf. sogar Recht hätte, wenn er es denn sagen wollte: Den Hinweis, dass manche durchaus nützliche Institutionen im Sozialbereich, ausgehungert von den unsichtbaren und den öffentlichen Händen, wie sie sind, sich richtige Gehälter nach echten Arbeitsverträgen halt nicht leisten werden können. Und dichtzumachen drohen, wenn sie das pecken müssen, was Hundstorfer vorschlägt. Woraufhin ein neuer Schwall von Iwankas und Olgas unter noch unzumutbareren Bedingungen... Aber sowas sagt der Küberl nicht. Das wär zu rational. Oh, sicher kann Küberl rechnen. Aber das Errechnete, die kalte Zahl, die - sagen wir mal - Wirklichkeit, gilt ihm als das schwächere Argument.

Denn der Kathole als solcher, wie keine geringere Instanz als Mutter Theresa weiland wissen ließ, liebt an der Armut und am Elend die Gelegenheit zu Altruismus, Unterordnung und Teilhabe-an-Jesu-Werk, die sie ihm bieten. Das Lebensschulenhafte, Seelenbildende. also nochmal: "...weil es ihnen selbst für ihr Leben und für die Gesellschaft wichtig ist."

Ob Küberl dieses rethorische Weihrauchküberl nur abbrennt, um sich und die geneigte LeserInnenschar höherer Weihen für die genannte Kosten-Nutzen-Kalkulation zu versichern; oder ob er das wirklich und allen Ernstes glaubt, ist dann auch schon wurscht. Denn was er da "konkret" (Kaupp-Hasler) sagt, ist, dass es bei der Caritas ("tätige Nächstenliebe") nicht primär um den Anspruch ihrer Klienten auf state-of-the-art-Betreuung durch motiviertes, fähiges Personal geht, sondern darum, dass das Personal "fürs Leben lerne". Nicht, dass das System gerecht eingerichtet sei, ist da das Ziel, sondern dass die Profiteure des Systems sich gut fühlen können, haben sie doch in der Jugend Armenärsche gewischt; und dass die Leider-nicht-ganz-so-Profiteure zumindest anhand des Sozialjahrs lernen, irgendwie Freude aus der Aufopferung zu ziehen. "Näher, Jesus, zu dir", bzw. was man halt braucht für ein Leben zwischen Arbeitsamt und Baumarktlager.  

Eine so ausgerichtete Soziallehre ist sicherlich langfristig tragfähiger als die protestantische Leistungsethik. Toll finden muss man sie deshalb nicht. Und irgendwie wären weihrauchfreie Argumente wünschenswert, wenn es um die Finanzierung des Sozialsystems geht. Sonst bleibt uns allen nichts übrig, als das Leiden lieben zu lernen. Oder eben, im Geiste des "Rädelsführers" Rev. Billy, Exorzismen am Kultur- wie am Sozialsystem durchzuführen.


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[Kolumne/S.Schmitzer/09.10.2012]







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