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Guten Morgen Österreich

Ein Wecker läutet freundlich. Guter Dinge wird ein Frühstück eingenommen, frisches Gebäck, frischer Kaffee. Die Zeitung wird zur Hand genommen. Schlagzeile: „So nicht!“ Das kaum mehr wahrnehmbare Überbleibsel einer für grenzenlose Geschmacklosigkeit und Dummheit bekannten Partei dieses Landes hat einmal mehr gerülpst, wohlwissend, dass sie bereits schwer mit dem Überleben kämpft und um einen weiteren Aufenthalt in der österreichischen Politik bangen muss. Sie bekommt von den großteils ernst zu nehmenden anderen Parteien unisono mit den meisten Medien des Landes eine weitere rote Karte für Aussagen, die sich in den letzten Wochen vor und in einem vielleicht entscheidenden Wahlkampf gehäuft und diese Fraktion von einer ernsthaften politischen Konkurrenz zu einem elenden Häuflein trotzreaktionärer Gaukler schmelzen lassen haben. Zentrum der Argumentation in diesem bemerkenswerten Schulterschluss von Medien und Regierungsparteien: Schluss mit ausgrenzenden, diffamierenden, niederträchtigen und menschenverachtenden Parolen. Sie haben erkannt, dass es höchst an der Zeit ist, dem ewigem Geschichtsrevisionismus ein deutliches und spürbares Ende zu setzen. Es ist endlich Zeit, hört und liest man wie aus einem Munde, die Geschichte als gegeben anzunehmen, was bedeutet, dass dieses Land sich seiner Mittäterschaft zur Zeit des Nationalsozialismus bedingungslos bekennt, um daraus möglicherweise zu lernen, wie Radikalismus und Extremismus vermieden und bekämpft werden können und aus konstruktiver Auseinandersetzung und Analyse Erkenntnisse gewonnen werden, die auch künftigen Generationen als Werkzeuge in die Hand gegeben werden. Werkzeuge, um Meinungsverschiedenheiten, die in der Natur der Menschen liegen, auf tatsächlich demokratischem Weg zu bearbeiten und zu diskutieren.

Die sich zur Zeit im Amt befindlichen Regierungsparteien haben bereits vor geraumer Zeit ein unmissverständliches Nein zu einer Regierungsbeteiligung dieser merkwürdigen Gesellen abgegeben. Die andere Oppositionspartei hatte diesen Schritt längst gemacht, stand aber niemals in tatsächlichem Verdacht, für eine Regierungskooperation im Falle eines ausreichend erfolgreichen eigenen Wahlergebnisses mit der nun von der Bildfläche beinahe verschwundenen Fraktion auch nur ansatzweise bereit zu sein.

So weit, so gut. Nichts wesentlich Neues, was die Wahlprognosen betrifft, die sind diesmal kaum einschätzbar. Die Zeitung wird nun  aufgeschlagen, im Radio laufen gerade die Nachrichten. Kaffee Nummer zwei wird eingeschenkt. Die resche Semmel schmeckt zur einen Hälfte wunderbar mit der heurigen Marmelade aus extra süßen, sonnengereiften und diesmal besonders sattroten Erdbeeren, die andere Hälfte nicht weniger fein mit der dunklen Marmelade aus den kleinen, aber da von den Bergwäldern kommend sehr intensiv schmeckenden Heidelbeeren. Das herzhafte Frühstück animiert, zu Mittag endlich den gerade geschenkt bekommenen grünen Curry besonders scharf zuzubereiten, egal ob mit Gemüse oder Fleisch, was gerade da ist, gerne auch mit beidem. So viel zum Kulinarischen, zu dem ein so gelungenes Frühstück die Gedanken schweifen lässt, jetzt wieder Nachrichten und Zeitung. Mit Staunen und Interesse wird festgestellt, welch bemerkenswerte Ideen von den verschiedenen Parteien in diesem Wahlkampf präsentiert werden, nämlich auch von jenen Fraktionen, die einem ideologisch vielleicht nicht am nächsten stehen. Protestwähler haben nichts mehr zu protestieren, darum liegt die politische Reaktion am Boden. Stammwähler werden womöglich nicht zu Veränderungen in ihrem Wahlverhalten zu bewegen sein, wechselfreudige dagegen haben diesmal aber ein echtes Problem, könnte gesagt werden, und zwar ein richtig angenehmes. Weil viele verschiedene Angebote von allen Parteien gemacht werden, die erkannt haben, dass es die ausschließlich selbstständig oder in einem Angestelltenverhältnis sich befindliche Wahlklientel in der bisherigen Reinkultur nicht mehr gibt und ein Crossover an Bedürfnissen zur konstruktiven Veränderung zu verhandeln ist. Keine Spur mehr vom Aufzeigen der Defizite der politischen Gegner als einzige Wahlstrategie.
Schön zu vermerken ist auch die plötzliche Abweichung vom Mainstream die Umweltpolitik betreffend. Dass sich das Land nun endlich traut, erneuerbare Energien offensiv zu bewerben und Initiativen weg vom Auto und hin zu öffentlichen Verkehrsmitteln, vor allem zur ökologisch effizienten Eisenbahn, in die Wege geleitet hat. Dass sich dass Land darüber empört, dass in der Europäischen Union höhere Abgasemissionen zum Beispiel einfach eingekauft werden können und gleichzeitig konstruktive Vorschläge parat hat, wie eine gemeinsame Umweltpolitik zu bewerkstelligen sein könnte, anstatt als Trittbrettfahrer gemächlich zum eigenen Vorteil abzustauben. Weiters positiv zu vermerken: MigrantInnen und österreichische StaatsbürgerInnen nichtösterreichischer Herkunft werden nicht mehr als Sicherheitsrisiko betrachtet, sondern als gleichberechtigt begriffen und als Potential erkannt. Das ruft nach einem Espresso hinterher. Und dazu ein kleines Schokocroissant, warum denn auch nicht.

Umblättern. Da hat sich doch ein Bild eines Dummkopfparteisoldaten in diese Ausgabe geschummelt, soll so sein, noch sind sie ja vorhanden im Parlament und in den Landtagen, genehmigen wir ihnen ein sanftes mediales Fade out. Und blättern schnurstracks weiter zur nächsten Seite, noch eine Seite Innenpolitik. Schnell ein herzhafter Biss in das feine Croissant. Dieses will den erhofften zartbitteren Schokoladegeschmack nicht und nicht freigeben. In der Zeitung steht zu lesen: Alles bleibt besser. Das klingt bekannt, das hatten wir schon einmal. Ein Foto von einem braungebrannten Mann, dessen Name gemeinsam mit einem für ihn merkwürdigen Begriff auf einem Plakat prangt, lässt die Kunst der Fotobearbeitung hochleben, sein tatsächlicher Teint hat mit der Person sonst gleich viel gemeinsam wie der Begleitbegriff „sozial“. Da hätte seine eigentliche Gesichtsfarbe farblich besser gepasst, ein Widerspruch in sich ist es aber so oder so. Im Radio sind die Nachrichten zu Ende. Zum Erstaunen hören wir um diese Zeit Mandy und die Bambis.

Zurück zur Morgenzeitung, Inland. Zu lesen sind Überschriften von Gerichtsverhandlungen, deren Protagonisten sich beinahe ausschließlich aus Personen aus Politik und ihrem Dunstkreis zu rekrutieren scheinen. Ein kurzer Blick auf die Titelseite bestätigt, immer noch dieselbe Zeitung wie zu Beginn des Frühstücks in der Hand zu haben, allerdings hat sich das Format auf A7 verkleinert. Der kleine Schwarze mit dem rot verpackten Keks, zurechtgelegt für eine wirkliche Kaffeehausstimmung, schmeckt nicht wirklich, wonach er eigentlich schmecken sollte, trotz Zucker und einem Häubchen geschäumter Milch. Ins Morgengezwitscher der Vögel, die bis jetzt im Garten ein hörenswertes Konzert veranstalten, mischt sich von Weitem Kettensägengerassel. Die Schwellen einer aufgelassenen Eisenbahnlinie werden zersägt, auf die nun eine quasi schnurgerade vierspurige Schnellstrasse draufasfaltiert wird. Ein weiterer Biss ins Croissant, das gar nicht mehr wie eines aussieht, schockiert. Es ist vielmehr plötzlich ein vorvorgestriges Laugenstangerl, gefüllt mit abartig miefendem, weil abgelaufenem Powidl, das bereits erste Fäulnisspuren erkennen lässt. Als hastiger Reflex der Griff zur Tasse, ein Spülschluck, runter bis zum Boden. Weg damit. Zum Glück kann der Tasseninhalt rechtzeitig in hohem Bogen über den ganzen Frühstückstisch gleichmäßig nach dem Gießkannenprinzip wieder ausgespien werden. Am Grund der Tasse sind mit freiem Auge merkwürdige Zeichen zu erkennen. Eine Lupe und ein Lexikon helfen, diese als Runen zu entziffern. Im Bodensatz, einer Mischung aus brauner Schuhwichse und fauligem Lehm, steht geschrieben „So abärr auch nicht“. Zum Kettensägengerassel mischt sich das schneidende Geräusch einer Flex, die gerade dem Land entlang der Grenzen einen strammen rechten Winkel schleift. Die Funken sprühen durch die Ohren. Das unerträgliche Geräusch mutiert langsam zu einem unfreundlichen Läuten eines Weckers. Die letzte Erinnerung ist Mandys Stimme, „Es war ein Sommertraum“, Lied Nummer 10 auf dem Album „Melancholie“. So heißt auch Lied Nummer 7. Im September. Verzweiflung liegt näher.
...




[Kolumne/Walter Schaidinger/24.07.2013]







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    Kolumne - Walter Schaidinger


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