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Kleine Parkgeschichten

Schattig. Fußball, Bankerltratsch, Sozialarbeit – ein Streifzug durch drei relativ unbekannte Grazer Parks.

„Man nennt mich den zweiten Ronaldinho“, erzählt der 16-jährige Enes stolz, bevor er sich den Fußball schnappt und kunstvoll zu gaberln beginnt. Der junge Türke kommt jeden Tag in den Oeverseepark, um seine Freunde zu treffen und Fußball zu spielen. Gerne würde er in einem Verein trainieren, doch dafür reicht das Geld seiner Familie nicht.
Zahlreiche Kinder und Jugendliche aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern verbringen in dem großflächigen Park hinter der Rösselmühle ihre Nachmittage. Hier können sie neben Fußball auch Basketball und Beachvolleyball spielen. „Das ist der beste Park für Kinder“, sagt eine junge Kurdin, die sich mit ihren Freundinnen im extra eingezäunten Spielplatz getroffen hat. Ein anderes Mädchen ruft dazwischen: „Das ist der Ausländerpark!“ Lautes Lachen der großen Mädchenrunde.

Outreach-Arbeit I.
„Leider kommen nur wenige Österreicher hier her“, so der gebürtige Nigerianer Maxwell Emioke. Der Sozialpädagoge und Jugendarbeiter betreut seit zehn Jahren die Jugendlichen im Oeverseepark. Früher hat er im Auftrag von Fratz Graz Spielsachen hierher gebracht, heute ist er für den Verein IKEMBA unterwegs. Das multikulturelle Team des Vereins berät MigrantInnen, will ihren Zugang zur Gesellschaft erleichtern und fungiert als Schnittstelle zu anderen Institutionen. Zu den Tätigkeiten gehört auch die sogenannten „Outreach-Arbeit“, bei der es darum geht, MigrantInnen-Communities in deren gewohnter Umgebung aufzusuchen. „So schaffen wir Vertrauen in unsere Arbeit“, betont Emioke und verteilt mehrsprachige Infobroschüren unter den Kids im Oeverseepark. Enes und seine Freunde haben sich interessiert um ihn geschart. „Wir organisieren jeden Montag ein Fußballtraining im Landessportzentrum“, erklärt ihnen Maxwell Emioke. „Schaut mal vorbei bei uns, dann können wir da was vermitteln.“ Mehr und mehr Kinder kommen hinzu, wollen auch eine Broschüre haben. Sie alle bedanken sich artig, bevor sie sich wieder an ihre Bälle machen. „Ich bin überrascht, dass hier immer noch so viele Leute sind“, sagt Emioka. „Viele Grazer kennen den Park gar nicht.“

Verjagt.
Weniger lebhaft geht es im Metahofpark unweit vom Grazer Hauptbahnhof zu. Drei Pensionistinnen sitzen auf einer der Parkbänke und beobachten eine Promenadenmischung dabei, wie sie angestrengt schnuppernd über die Wiese wuselt. Unter einem Gebüsch hat ein obdachloser Pole sein Lager aufgeschlagen. Eine blaue Decke und Weißwein aus dem Tetrapack sind sein einziges Hab und Gut. Einer seiner Kollegen habe eine Wohnung bekommen, ein anderer sei im Krankenhaus, erzählt er. Drei Nächte hat er bereits hier verbracht, alleine. „Da verjagt mich wenigstens niemand“, sagt er. „Und die Temperaturen sind normal, nicht kalt.“ Dann versucht er, einem vorbeiziehenden jungen Mann eine Zigarette abzuschnorren. Mit Erfolg.
Ein paar Meter weiter wird an einem Parktisch angeregt diskutiert und politisiert. Eine Gruppe arbeits- und obdachloser Österreicher hat sich hier versammelt. „Die Polizei hat uns vom Bahnhof verjagt. Saufts drüben im Park, haben sie g’sagt“, erzählt Robert Gratzer, der seit November vergangenen Jahres arbeitslos ist und mit 1. Mai auch noch seine Wohnung verloren hat. „Überall wird man bevormundet“, fährt er fort. „Wozu brauchen wir dann auch noch die Ordnungswache vom Bürgermeister Nagl?“ Sein Kollege neben ihm nickt zustimmend und übernimmt das Wort: „Letztens hab’ ich beobachtet, wie die Ordnungswache eine Gruppe Radfahrer im Park hier von ihren Rädern absteigen hat lassen.“ Robert Gratzer schüttelt den Kopf. „Das ist ja absurd“, sagt er. „Als nächstes kommen sie in deine Wohnung – wenn du eine hast – und sagen dir, wie du deine Bilder aufzuhängen hast.“ Er rückt seine Kappe zurecht und kramt Tabak und Zigarettenpapier aus seiner Jackentasche hervor. „Am Hauptplatz verjagt man uns ja auch. Dort darf man nicht mal mehr beim Erzherzog Johann sitzen und ein Bier trinken.“ Mit flinken Fingern dreht er sich eine Zigarette. „Hier im Metahofpark können wir in Ruhe tratschen, aber da braucht sich nur mal wer aufzuregen, dann ist das auch vorbei.“

Outreach-Arbeit II.
Im Fröbelpark im Bezirk Lend sorgt der Zustand der Wiese für Aufregung bei einer Pensionistin, die auf einer Bank die Sonnenstrahlen genießt. „Vor ein paar Tagen ist der Park so schön geputzt worden, dann kommen die Türken und überall liegen Zeitungspapier und Plastiksackerl herum“, sagt sie zur Dame neben ihr. Dass es hier immer wieder zu Konflikten zwischen Jugendlichen kommt, weiß Livinus Nwoha. Der gebürtige Nigerianer und Sozialpädagoge ist der Leiter von IKEMBA und zur „Outreach-Arbeit“ in den Fröbelpark gekommen. Mit Broschüren in der Hand und einem Lächeln im Gesicht durchstreift er den Park. Zekeriya Akdeue, der rauchend auf einer Parkbank sitzt, deutet ihm, dass er einen Folder haben möchte. Der gebürtige Türke sucht eine Lehrkraft für seine jüngste Tochter, die zusätzlich zum Unterricht in der Fröbelschule ihre Deutschkenntnisse aufbessern sollte. Die Direktion der Schule hat ihn hierfür an das Jugendamt verwiesen. „Dort war ich auch vor zwei Monaten und habe mein Anliegen vorgebracht“, erzählt er. „Seitdem warte ich auf einen Anruf.“ Livinus Nwoha schlägt ihm vor, ins Büro von IKEMBA zu kommen, dann geht er zum schattigen Spielplatz. Die vorwiegend türkischen Kinder klagen über ihre Probleme mit den größeren Jugendlichen: „Sie kommen immer am Abend und nehmen uns den Ball oder die Fahrräder weg.“ Nwoha hört ihnen geduldig zu. „Das ist ein kleiner, aber begehrter Park“, erklärt er. Dann wendet er sich zwei türkischen Müttern zu, die ihren Kleinen beim Spielen zusehen. „Wenn es ernsthafte Probleme gibt, melden Sie sich bei uns“, sagt er und reicht ihnen zwei Broschüren.
Ein paar Bänke weiter sitzt die Österreicherin Gabriela Bauer, die heute Nachmittag auf ihren Enkelsohn aufpasst. „Anfangs wollte ich nicht hierherkommen wegen der Probleme mit den ausländischen Jugendlichen“, erzählt sie. „Aber ich muss sagen, die allermeisten verhalten sich top.“ Leon, ihr Enkerl, habe schon einige Freundschaften geschlossen. „Mein Sohn sieht es gar nicht gerne, wenn wir in den Park gehen. Er ist ziemlich ausländerfeindlich. Aber ich selbst habe schon genügend mitgemacht im Leben, meine Tochter war drogenabhängig. Aus solchen Dingen lernt man, dass man jedem eine Chance geben muss.“

Text: Fritz Aigner, Fotos: Fritz Aigner und Christopher Mavric



INFO
Verein IKEMBA
Tag der offenen Tür, 17. Juni
T 0316 228113
Herrengasse 3/2, 8010 Graz
www.ikemba.at...




[Artikel/megaphon/05.07.2009]






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