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SPIELFELD


Immer um diese Jahreszeit stößt einen die Kristallnacht an. Wenn wir uns die politische Verantwortungslosigkeit vor Augen führen, dann erkennen wir deutlich, dass das Merklsche “Wir schaffen das”, rasch in die andere Richtung umschlägt. Dublin II auszusetzen, dann wieder einzusetzen, als Pendelschlag von Alternative, - und dies alles während Asylunterkünfte in Flammen aufgehen. Jede Meldung ein Schuss, ein mediales Hagelgewitter um Schicksale, die kaum lösbarer werden, wenn nicht ein gemeinsamer Wille eben daran arbeitet. Die Schlagzeilen verdienen nun ihren Namen. Aber das Schicksal der Toten wird übernommen und vollzieht sich in Intervallen, die sich Geschichte nennen. Neben allen Warnungen und prophetischen Neigungen vor Destabilisierung und Krieg erscheint das Spielfeld als eine Zone, auf der man sich das ausspielen oder wechselseitig ausverhandeln kann. Zwischenstaatlich oder regional – es ist ersichtlich, dass die Politik gerade wieder wenig Lösungsansätze liefert. “Nicht Herr der Lage zu sein” ist ein bisserl wenig; und das im Angesicht des Wissens, wie viele Menschen gerade unterwegs sind. Man versucht über Vorurteile und Hetztiraden mediale Positionen zu übernehmen, weiß genau, wohin diese politische Verantwortungslosigkeit führen wird. Da braucht man nicht besonders hell sein. “In der Krise beweist sich der Charakter”, war ein Leitzitat des Deutschen Alt-Kanzlers Helmut Schmidt. Dieser Charakter fehlt über weite Strecken und kann über das künstlerische Schaffen nur geschliffen werden. Ob dabei Semmeln künstlerisch verarbeitet werden, wie in einer Aktion oder einem Film, ist nebensächlich. Hauptsache, man betrachtet die Umstände aus dem Blickwinkel des Arbeitsfeldes. 3400 Semmeln ist ein Film, der die aktuellen Flüchtlingswellen beobachtet und dabei verschiedenste Sets ausleuchtet: Protestcamp Paulustor, Euroshopping-Halle, Spielfeld, Schwarzl-Halle, Hafner Villa u.a. Aber schon während der Dreharbeiten wird klar, dass sich alles weiter verschärft und man auf keine erbauende Lösung zusteuert, sondern sich weiter mit restriktiven Verweigerungshaltungen und weiteren Angstszenarien beschäftigt ... sie nahezu heraufbeschwört. Ein 25 km langer Grenzzaun ist nur ein Teilaspekt neben einer verschärften Asylgesetzgebung, die einen Nachzug unterbindet und ein befristetes Asyl zementiert. Die Wahrheit ist grausam: Entweder wir brauchen Humanressourcen oder wir schauen zu, dass wir sie – die Flüchtlinge – wieder los werden. Die deutsche Kanzlerin Merkl spricht schon jetzt von einem möglichen Kriegsszenario am Balkan. Orbán igelt sich ein. Man beschwört alte abendländische Mythologien herauf, die sich mit Kriegsdämonen vermengen und übersieht dabei völlig, dass man auch diese Kriege und Flüchtlinge erzeugt hat. Ein Geschäft ist Krieg und Flucht allemal. Wieweit 3400 Semmeln sich eignen, dieses grausige Geschäft mit Menschen zu dokumentieren, kann ich während der Dreharbeiten nur offen lassen. Man begegnet Zweifeln und den Widerständen. Und bei allem ehrenhaften Engagement zeigen sich kaum Lösungen von brauchbarer nachhaltiger Natur; außer, dass jeder versucht transitmäßig zu schleusen, also die Menschenkolonnen raschest wieder loswerden will. Und dabei will man finanziell noch “gut aussteigen”. Die Menschen, ob sie gezielt gesteuert nach Europa kommen oder nicht, sind einfach einmal da. Das ist eine Realität, der wir uns nicht verweigern können. Und wenn wir Dublin II wieder einsetzen, dann schiebt jeder wieder jeden in die Richtung ab, eben aus der die Menschen kamen ... von Grenze, zu Grenze usw. Man will die Probleme der Welt aus Kerneuropa draußen halten. Welch erbärmliche Haltung nehmen wir da ein, wenn wir von technischen Barrieren reden. Wenn wir ein Schutzbedürfnis heraufbeschwören, dass unsere Rechtspopulisten längst zu Selbstjustizmaßnahmen greifen lässt. Wir können mit dieser Haltung nur eine reziproke Spaltung erzeugen und sämtliche Errungenschaften zunichte machen. Die Kunst ist gerade deshalb aufgefordert nicht anarchistisch und verdeckt-operativ zu agieren, sondern gerade jetzt offen aufzutreten. Ich bin mir nicht sicher, ob lautstarke Demonstrationen die richtigen Wegweiser für ein politisches System sind, das bei jeder Gelegenheit nur von “Chaos” spricht. Von Liebe wird ja nicht gesprochen. Nicht davon, dass Menschen mit Gefühlen ins Land kommen, dass diese Menschen eine Sexualität haben und dass diese Menschen grundlegende menschliche Bedürfnisse mitbringen, die gefördert werden müssen, ansonsten wir hier eine Generation von Halbwesen zeugen, die sich ihre eigene Welt zurechtleben – eine Welt, die wir aus amerikanischen Filmen kennen. Wenn wir nicht unmittelbar handeln und die Integration zu einem vorrangigen Ziel erheben, werden sich diese Menschen gegen die Gesellschaft wenden, die sie niemals zulassen wollte. Die Verhinderung bedingt das Ergebnis. Nur, dass der Staat sich nur über Restriktionen schutzsuchend erbärmlich genug einigelt und über 25 Jahre nach dem Mauerfall in Berlin neue Barrieren aufzieht. Gesetzte wie Maschen-Drahtwerk und elektronische Überwachung. Es wird kälter hier. Und das Spiel mit der Angst zeigt erste “Früchte”, die an eine Zeit erinnern die unserer Generation erspart blieb. Und trotzdem bleibt die Mahnung aufrecht. Alles andere macht uns nur unverhältnismäßig ohnmächtig. Gleichzeitig bleibt die ehrenamtliche Arbeit daran, künstlerisch Einfluss zu nehmen; über das Spielfeld hinaus zu sehen und nicht immer auf den eigensten Sieg bedacht zu sein. Es geht darum einen Sturm zu glätten, nachdem man ihn erzeugen musste. Ein Sturm wie ihn Hans Söllner besingt und wo die Asylfrage im Zentrum seiner Fragestellungen steht. Wir sind dafür mitverantwortlich in all unseren Handlungen und künstlerischen Formulierungen. Es geschieht um und durch uns – wir können uns nicht verstecken. Somit habe ich an die 40 Bands via Net zusammen getrommelt, die an einem Sampler SPIELFELD - music for refugees arbeiten. Der Erlös kommt der NGO border crossing spielfeld, zugute. Produzent ist nasaomusic. Und die Grafikerin sitzt gerade am Joshua Tree in der Mohawe Wüste. Und was auch schon wieder vergessen wurde, dass die kleine portugiesische Kolonie Macao einmal 60 000 Flüchtlinge bei einer Einwohnerzahl von 480 000 Menschen aufgenommen hatte. Ich denke ja nicht im Traum daran, dass alle Chinesen zu uns kommen wollen?, und gerade darum, weil wir unsere Schweine dorthin liefern.


Text: Norbert Prettenthaler
Bild: David Kranzelbinder


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[Kolumne/n.nagy/10.11.2015]







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    Kolumne - n.nagy


    06.11.2017 Flüchtig

    05.10.2017 Who can it be NOW?

    01.09.2017 Kurz oder Lang

    31.07.2017 Konzentriert Euch

    20.07.2017 Kunst: eine Verantwortung

    12.06.2017 Weisses Papier

    17.05.2017 Salz im Tanz

    04.04.2017 Es wurmst

    07.03.2017 Two for Twelve

    08.08.2016 Micro Galleries

    22.07.2016 Pubculture

    21.06.2016 Spiel und die Welt

    12.05.2016 Friendly Alien

    25.04.2016 Spielfelder

    04.03.2016 WE COME AS FRIENDS

    26.02.2016 Sound the beast

    09.02.2016 Free China

    13.12.2015 Happy?

    10.11.2015 SPIELFELD

    16.10.2015 Mein K(r)ampf

    14.10.2015 Die Revolution frisst - Vereine die gerne AGs wären

    13.07.2015 Der Fremde

    10.06.2015 Vagabunden

    20.03.2015 An-Statt-TV-Land

    20.02.2015 FPF Filmpionier Bernhard Frankfurter

    28.01.2015 Zabriskie Point: davor und danach

    12.12.2014 Xmas3

    14.11.2014 Klick it

    20.10.2014 herbstpartie-y

    23.09.2014 Dort – wo uns die Sprache erfindet

    27.08.2014 Zukunft war gerade – und jetzt!

    06.06.2014 Ein Sonntag im Mai

    29.04.2014 Damals - Zeiten der Unruhe

    24.03.2014 Krieg - Art

    14.02.2014 Cooperale

    11.11.2013 Straßennarben

    10.10.2013 Das blaue Wunder - eine Brücke

    05.09.2013 Belämmert mich - nicht.

    05.08.2013 Take Care – cam me free

    06.07.2013 Kunst-Aufwertung

    03.06.2013 Über Kinder der Iris

    13.05.2013 Grundlagen. Wer lehrte die Biene?

    27.03.2013 Venedig

    08.03.2013 HAARP - Harfenspieler

    29.01.2013 Keine Angst

    06.12.2012 Der Hofer wars ...

    29.11.2012 Sieben

    08.10.2012 Flashmobbing

    07.09.2012 Club-Subculture again

    02.08.2012 Keplerkoje - Gnadenlose Flut

    25.07.2012 Zuviel Hitze

    02.07.2012 Erdbeweger

    18.05.2012 LEND WIRBELT

    10.04.2012 Sturm - Kratzer am Meer

    27.03.2012 Aufruf des Erinnerns (Iden des März)

    16.02.2012 2nd Floor - stadtmuseum

    23.01.2012 Neue Heimat

    04.01.2012 Das verborgene Museum

    29.11.2011 Bleibt Papier geduldig?

    03.11.2011 Macht Platz

    19.09.2011 Much too Much . Zuviel ist Zuviel

    02.08.2011 Gries-Gardening

    18.07.2011 Eine „Annen4elfolge“

    29.06.2011 Arbeit macht über die Freiheit der Kunst freier

    26.04.2011 ...oder dem Tanz das Töten verging

    22.02.2011 3-25 ist -23

    10.01.2011 Minus 18-25

    06.12.2010 United - und eine Diagonale

    12.10.2010 “Better Together”

    24.08.2010 Smok-ie

    27.07.2010 Grauschleier „Sport und Brötchen statt Drogen“

    07.07.2010 Urbanes Verhandeln

    31.05.2010 Es gilt die Unschuldsvermutung

    30.03.2010 Black is Black

    02.03.2010 Alles Schweigen - Shining: Ein Schubhaftgefängnis - Lager - in Vordernberg?

    02.02.2010 "Jojo"

    14.01.2010 Hotel §5 MRK

    15.12.2009 Theater der Unterdrückten - das Weltforum-Theaterfestival aus Graz

    15.11.2009 Schatz des Arif

    30.10.2009 Mur-Boal

    30.09.2009 Hanedke

    13.09.2009 Daheimatlos

    08.08.2009 Parkland

    08.08.2009 Daheimatlos

    10.06.2009 Kunst sollte man auch kaufen

    05.05.2009 Einmal Arbeit genügt.

    14.04.2009 Akademie Ortlos

    09.03.2009 Frühlingsverfolgen

    02.12.2008 Transkaukasische U-Boote

    08.10.2008 Shanti-Kunstsitzen

    12.09.2008 BECAUSE

    10.07.2008 REGIONAL (e)

    27.06.2008 Frühsommerspiele

    08.04.2008 Nico will es wissen

    05.03.2008 Alles Schall und Rauch

    05.03.2008 Die üblichen Verdächtigen

    23.02.2007 Über fall?

    05.07.2006 Bürgerwehren, Bettler und Fremde I

    04.07.2005 Nicht jeder ist eine Minderheit?

    13.06.2005 Gugi TV

    31.03.2005 Frühlingserwachen

    09.03.2005 Alles Lug ..?

    25.02.2005 Frauen in die Küche – Keller unter Wasser

    31.01.2005 „Melodie“

    25.01.2005 Amen Dschijas

    10.11.2004 Mr. President

    05.10.2004 Zeit der Zigeuner Teil II

    04.10.2004 Zeit der Zigeuner (1. Teil)

    22.09.2004 Adieu Marius

    14.09.2004 He romare!

    09.09.2004 Vielleicht kalt duschen .....

    28.07.2004 GRAZ ERZÄHLT

    21.07.2004 Aufgabe: „Alavitien“

    24.06.2004 Wie du sagen „Kassa"

    09.06.2004 Kindermusiker oder der Bürgermeister, der Pfarrer und die Diva


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