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Die Herkunft der Killertomaten

APPETITZÜGLER Sein Lieblingsgemüse, die Paradeiser, wünscht sich der Österreicher das ganze Jahr über möglichst billig auf dem Teller. Was er nicht sehen will: die gravierenden Schäden für Mensch und Natur als Folge der Massenproduktion. Zum Beispiel in Südspanien.

Text: Eva Reithofer-Haidacher

Paradeis gleicht dem Paradies nur auf den ersten Blick. Denn vom Paradiesischen sind die Wege weit entfernt, die das Gemüse von der Pflanzung bis in unsere Supermärkte nimmt. Das Klingeln der Kassa bestimmt den vorläufigen Endpunkt einer langen Reise quer durch den Kontinent. Ein Drittel der hierzulande verkauften Tomaten stammt aus Spanien, fast ebenso viele aus Italien und immerhin zwölf Prozent aus den Niederlanden. Nur 17 Prozent der Früchte kommen aus heimischer Produktion, weiß das Verbrauchermagazin „Konsument“, das sich seit einigen Jahren auch mit der ethischen Seite von Produkten befasst. Und die sieht bei Paradeisern genauso wie bei Gurken, Paprika, Erdbeeren und Salaten in den Wintermonaten verheerend aus.

Im Plastikmeer. „Hier ist alles aus Plastik, ob zum Arbeiten, zum Schlafen oder zum Duschen. Wir verbringen unser ganzes Leben unter Plastik. Wir sind hierher gekommen, um unser Leben zu verändern, aber wir haben nirgendwo einen Platz zum Schlafen. Kein Spanier würde es hinnehmen, nur eine einzige Nacht hier zu verbringen“, erzählt ein marokkanischer Arbeiter aus Almeria. In der südspanischen Provinz leben rund 80.000 MigrantInnen aus Afrika, Osteuropa und Lateinamerika. Sie arbeiten unter übelsten Bedingungen in der industriellen Gemüseproduktion. Die Hälfte von ihnen ist illegal im Land, ohne Papiere, ohne Rechte. „Ich habe schon so oft ohne Lohn gearbeitet, dass ich es gar nicht zählen kann“, zitiert Corinna Milborn in ihrem Buch „Gestürmte Festung Europa“ Samba aus Mali, der in Almeria lebt und arbeitet. „Wir können ja nichts tun. Sollen wir etwa zur Polizei gehen? Das brächte uns nur Probleme – es gibt uns offiziell ja gar nicht.“
Corinna Milborn und die Aktivisten der andalusischen LandarbeiterInnengewerkschaft SOC, Dieter A. Behr und Spitou Mendy, berichteten in Graz im Rahmen des rotor-Projektes „Land of Human Rights“ von den Lebens- und Arbeitsbedingungen vor Ort. In Almeria werden auf 35.000 Hektar im Jahr mehr als drei Millionen Tonnen Gemüse für den europäischen Markt angebaut. In dieser weltweit größten Konzentration von Intensivkulturen unter Plastik wachsen 80 Prozent des gesamten spanischen Gemüseexports. Den Preis diktieren die wenigen Großhandelsketten, die den europäischen Markt beherrschen – und der ist nur mit billigsten Arbeitskräften zu halten. Der höchste Stundenlohn liegt hier bei 3,50 Euro, viele müssen sich mit 20 Euro für den gesamten Monat zufrieden geben.

Leben am Limit. Im Plastikmeer schuften die Landarbeiter nicht nur bei bis zu 50 Grad Hitze, hier wohnen sie auch. In weit mehr als der Hälfte der Unterkünfte gibt es weder Trinkwasser noch Bad und Toiletten, ein Drittel hat keinen elektrischen Strom. Viele Arbeiter hausen in selbst gebastelten Verschlägen aus Karton- oder Plastikresten. Andere leben in Lagerhallen neben den dort aufbewahrten Düngemittel- und Pestizidvorräten. Diese kommen in Almeria massenhaft zum Einsatz: 40 Kilogramm Pflanzengift pro Hektar verursachen immer wieder schwere Vergiftungen bei Arbeitern – bis hin zum Tod.
Dazu müssen sich die MigrantInnen immer wieder vor rassistischen Ausschreitungen schützen. Als Einheimische im Jahr 2000 mit Unterstützung von Polizei und Behörden auf Marokkaner einprügelnd durch die Straßen zogen, begann sich der Widerstand zu formieren. Unterstützung erhielten die ArbeiterInnen dabei vom Europäischen BürgerInnenforum. „Was es braucht, ist nicht nur kritischer Konsum, sondern Solidarität mit den LandarbeiterInnen. Wir wollen die SOC in Almeria dabei unterstützen, soziale Zentren in der Region aufzubauen. Sie stellen einen wichtigen Anfangspunkt im Prozess der Selbstorganisation der MigrantInnen dar. Nur so kann Widerstand von der Basis her aufgebaut werden“, sagt Dieter Behr. Die Gewerkschaft SOC hat bereits eine eigene von MigrantInnen geführte Sektion in Almeria eröffnet. 2007 wurde ein zweites soziales Zentrum mitten im Plastikmeer eröffnet. Der Senegalese Spitou Mendy ist dort beschäftigt. „Der Preisdruck von Discountern wird auf brutalste Weise auf die ArbeitsmigrantInnen in Südspanien abgewälzt“, betont er bei der rotor-Konferenz. Aber auch die Angestellten in den Supermarktketten werden häufig ausgebeutet. „Gemüse, das aus Almeria kommt, fußt auf Rassismus und Ausbeutung, es ist im Regelfall pestizidverseucht, wird in tausenden LKWs quer durch Europa gekarrt und schlussendlich bei einem Discounter verkauft, der die Rechte seiner Beschäftigten in seinen Filialen mit Füßen tritt“, resümiert Dieter Behr vom Europäischen BürgerInnenforum.

EU-Wahnsinn. Nicht zuletzt leiden die senegalesischen Bauern unter der Preispolitik der EU, die den ganzen Wahnsinn erst möglich mache, so Spitou Mendy. Die EU gibt sieben Prozent ihres gesamten Agrarhaushaltes für die Subventionen von Exporten aus. Damit werden Überschüsse der europäischen Landwirtschaft zu Dumpingpreisen in andere Länder verkauft. Erst die EU-Geldflüsse haben die Basis für das riesige Plastikmeer in Almeria, das man angeblich sogar vom Mond aus erkennen kann, geschaffen. Die Exportförderungen sind schuld daran, dass heute europäisches Gemüse am Markt der senegalesischen Hauptstadt Dakar billiger ist als das der einheimischen Bauern. „Also der senegalesische Bauer, auch wenn er 18 Stunden am Tag arbeitet unter brennender Sonne, mit letztem Einsatz, der hat überhaupt keine Chance mehr das Auskommen zu finden auf seinem eigenen Boden. Was muss er tun? Wenn er noch die Kraft hat, emigriert er unter Todesgefahr über die Meerstraße von Gibraltar und muss sich dann irgendwo in Südspanien oder als Straßenkehrer in Paris verdingen zu unmenschlichen Bedingungen“, erklärt UN-Sonderberichterstatter Jean Ziegler im Film „We feed the world“ die unglückselige Spirale.

Rettich statt Tomaten. Mittendrin: der Konsument, der auch im Winter auf seinem Tomatensalat besteht. Also treten die Paradeiser die 3000 Kilometer weite Reise im LKW durch Europa an. Die im Vergleich zum Energieverbrauch viel zu niedrigen Transportkosten betragen ein Prozent des Regalpreises.
Was tun? Ein Ausweichen auf Tomaten aus anderen Regionen Europas ist für jene, die mit gutem Gewissen genießen wollen, keine Lösung. In den süditalienischen Regionen Apulien und Sizilien herrschen ähnliche Zustände wie in Almeria. In den Niederlanden mögen zwar die sozialen Bedingungen etwas besser sein, in den dortigen High-Tech-Gewächshäusern wird im Schnitt jedoch zehnmal umweltschädlicher gearbeitet als in der entsprechenden Freilandproduktion.
Der einzige Ausweg für jene, die sozial und ökologisch verträglich konsumieren möchten, ist der Weg zum regionalen Bauernmarkt. Sauerkraut und Rettich statt Tomaten und Paprika. Warum nicht?

Zum Weiterlesen:
„Bittere Ernte“, Die moderne Sklaverei in der industriellen Landwirtschaft Europas, herausgegeben vom Europäischen BürgerInnenforum CEDRI, 128 Seiten, 14 Euro inkl. Versand, T: 04238/87 05, Mail: austria at civic-forum.org

Corinna Milborn, „Gestürmte Festung Europa“, Einwanderung zwischen Stacheldraht und Ghetto, Styria, 248 Seiten, 19,90 Euro

Konsument 7/2006,
www.konsument.at
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[Artikel/megaphon/17.01.2008]






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