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Und wieder mal: Das Wort zum Strache



    Liebes Tagebuch!

Eine Literaturveranstaltung in der Vorstadt. Charmantes Wirtshaus, wenig Publikum, wobei das unser eigener Fehler war: Der Flyer sei, wie mir einhellig die KollegInnen hinterm Tresen erklären, zu abschreckend "ernst" für die sonst so getreuen Stammgäste der Location gewesen. Das bisschen Publikum, das sich dann doch hierher verirrt hat, hat sich leidlich mit unserer Darbietung amüsiert. Ha! Volkes Stimme usw.

Nachher sitzt man, um einen Tisch verteilt, beisammen. Es geht nach wenigen Takten anderweitigen Geplauders, worum es immer geht in diesen Tagen, wenn Leute beisammen sitzen, die sich zwar nicht besonders gut kennen, aber ein Mindestmaß an Übereinstimmung miteinander in Habitus und Weltsicht zu erfühlen meinen: Um Politik; um die Unfähigkeit der Damen und Herren VolksvertreterInnen, mit der Flüchtlingskrise umzugehen; schließlich um die ganze Strache-Scheiße (und wie soll man sonst schon dazu sagen?).

Sagt ein Kollege: Er könne sich das nicht erklären, warum die Leut' alle dem Strache zulaufen, dem alten Rattenfänger, der ja nun mit freiem Auge als ein solcher erkennbar sei; er verstehe das nicht, weil ja selbst derjenige österreichische Arbeitnehmer, der absichtlich g'schissen zu den "Ausländern" sein wolle, mit einer Stimme für die Effen gegen seine Interessen handle, siehe Parteiprogramm, Flat-Tax, "Sozialschmarotzer"-Rhethorik et cetera pé pé.

Sagt eine Kollegin: Nein nein, ihr sei das überhaupt kein Rätsel, sie könne nachvollziehen, woher das komme, ohne die FPÖ jetzt toll zu finden oder so; sie wohne im Gemeindebau und könne alldort bestimmte Frustrationen (a) beobachten und (b) verstehen; ihr gehe mittlerweile die Überheblichkeit auf die Nerven, mit der in genau solchen Runden wie der unseren über das Phänomen gesprochen werde; sie, diese Überheblichkeit, gehöre zu den Gründen des Erfolgs der Kornblumenfraktion.

(Anm: Nein, dieses letztere Wort stammt nicht von der Kollegin, sondern vom Verfasser; wie überhaupt der Gang des Gesprächs nicht wörtlich, sondern sinngemäß hier widergegeben wird; Straffungen und eitle Schnörkel inklusive, auf dass das Thema nicht deprimierender sei als unbedingt nötig.)

Sagt der erste Kollege drauf: Aber es hätte die FPÖ doch, wie man wissen könnte, keinerlei Rezepte für irgendeines der realen Probleme...

Hierauf mische ich mich ein, und zwar auf Seiten der Kollegin: Um die realen Probleme der Leut' gehe es durchaus nicht. Worum es in my humble opinion dagegen gehe, sei, dass die FPÖ die einzige Partei sei, die es schaffe, so zu klingen, als nehme sie das Bedürfnis nach Absicherung und Abgrenzung ernst, das Leute mit realen Problemen verständlicherweise hätten; sie würde zwar völlig wahnhafte, im Detail lächerliche und in der ideologischen Ausrichtung vorvorgestrige Angebote machen, aber immerhin erstmal überhaupt: Angebote. Das sei mehr, als man von den anderen Parteien behaupten könne, auch und gerade von jenen, die wir, wie wir hier säßen, wohl bevorzugten.

Sagt die Kollegin zu mir (wie gesagt, sinngemäß): Ich habe Euch Intellektuelle so satt und will über das Thema eigentlich gar nicht reden.

Ich: Äh... Ich habe dir gerade recht gegeben, oder?

Sie: Es sei zum Beispiel nicht hinnehmbar, dass ein überwiegender Teil der "Ausländer" in den selben einzwei Stadtvierteln untergebracht werde, und zwar just dort, wo auch den meisten "Inländern" schon das Wasser bis zum Hals stehe. In ihrem Gemeindebau beispielsweise...

Ich: Das wäre tatsächlich so ein Beispiel für das mangelnde Interesse der anderen Parteien. Das könne man sich doch an den Fingern einer Hand ausrechnen, das es nicht gutgehen könne, wenn man mehrer Bevölkerungsgruppen zuerst zu "Problembären" stempelt und sie dann zusammensteckt, auf dass die Mittelschicht in den besseren Stadtteilen nicht überfordert oder verunsichert werde...

Sie: Das bringt alles nichts!

Ich: Was?

Sie: Dieses ewige reden, reden, reden über "die FPÖ-Wähler", "die Leute"... statt mit ihnen.

Ich: Eh. Wie gesagt: Du hast recht. Wobei ich jetzt nicht weiß, was z.B. wir hier für sinnvolle Gesprächsangebote an Eff-WählerInnen machen sollten...

Nun wollte die Kollegin scheints noch länger nicht so recht hören, dass ich ihr zustimme. Irgendwas an meiner Reaktion hatte ihren gerechten Zorn angestachelt; und sie breitete ihre - wie gesagt, mmn in Grundzügen korrekte - Analyse noch weiter aus:

Wenn zum Beispiel die Stadt einerseits behauptet, Gemeindewohnungen stünden nie länger als zwei Monate leer, man bemühe sich, die Wartelisten so kurz wie möglich zu halten; und andererseits stünden nun aber zwei Wohnungen in ihrem Haus seit einem Jahr leer... Egal, was das für sachliche Gründe habe: Solche Rhethorik verbunden mit einer solchen Sachlage, das produziere unter denen, die es mitbekommen würden, dann gleich wieder zweidrei Eff-Wähler mehr.

Man möchte natürlich einwenden, solches Wahlverhalten würde das Kind mit dem Bade ausschütten, würde an die Stelle gelegentlich inkompetenter gelegentlicher Schönfärber garantiert inkompetente garantierte Schönfärber setzen wollen - allein, der Einwand verhallt, denn: Wem gegenüber hätte ich ihn machen sollen, am Wirtshaustisch, nach der schlecht besuchten Lesung, in der Vorstadt?

Die Kollegin gab nur wider, was sie, Hand aufs Herz, so um sich herum beobachtete; auch zu ihrem Appell an die Sozialdemokraten und Kommunisten (der wohl vom Brennstoff wiederholter Frustrationen befeuert sein musste, sonst hätte er sich mit jener Verve nicht gerade an uns, gerade in jener Runde gerichtet), "sich zu kümmern", konnte ich nur hinzufügen, dass das Basisarbeit bedeuten würde, Mut zum gezielten Mitgliederfischen, zur Einbindung, mithin Rückkehr in die Parteienkultur der siebziger Jahre. ... Was wiederum von der Kollegin erneut als arrogantes "Über-die-Leute-Drüberfahren" gedeutet wurde.

Wir nehmen (erneut) zur Kenntnis: Im Gemeindebau brodelts; selbst nicht-FPÖ-Type können's nicht mehr hören, wenn "g'scheit g'redt" wird. Wenn irgendwas gegen die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft und den Aufstieg der Pappnasen helfen soll, dann ist das ein Ende der Inkompetenz in der Verwaltung; ein Ende des Weiterwurschtelns und der Betriebsblindheit in den Parteiapparaten. Da kommts auf die "Flüchtlingsfrage" gar nicht an.


Foto: Heinz-Christian Strache (FPÖ), 14.5.2009 von Manfred Werner
kann unter der Lizenz CC0 Lizenz (public domain) verwendet werden

...




[Artikel/S.Schmitzer/09.10.2015]







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