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Notizen über ein paar neue Formate und ihre Implikationen


Von der Bewusstseinsproduktion im Kleinbetriebsverband. Vierter und letzter Teil einer Netz-Rundschau.

    Eine Frage, eine Enttäuschung

Am Anfang dieser Webrundschau stand die Feststellung, es habe sich durch das Internet fundamental und unumkehrbar was geändert in der Art, wie wir mit Information umgehen; und die Frage, was das für die Produktion von kreativem Content bedeutet (wobei schon der Begriff "kreativer Content" Teil des geänderten Paradigmas wäre). Zu diesem Zweck wurden allerhand Outlets von un- und von bewegten Bildern im Netz begutachtet, denen gemeinsam war: Dass der eigentliche Content gratis rumliegt, dass aber dennoch die ProduzentInnen in verschiedener Weise an genug Geld für ihre Arbeit kommen, um sie hauptberuflich machen zu können.

Als die drei zu diesem Zweck angewandten Methoden fanden wir vor: Spenden, Merchandise und Werbung. Und leider: So sehr der kunsttechnokratische Utopist, der diese Zeilen schreibt, darauf gehofft hatte, ein eindeutiges Primat der Spendenwirtschaft vorzufinden - woraufhin er das Kreativgewusel im Netz als Avantgarde der globalen Wirtschaftsweise verkündet hätte, die da kommen soll - so sehr wurde er (dh. ich) enttäuscht. Es scheinen die drei Finanzierungsweisen in etwa gleich bedeutend zu sein.

    Was ausgelassen wurde

Zweierlei wurde jedoch bis hier ignoriert: Erstens diese Hybridform aus altem und neuem Umgang mit Content, welche einen Großteil der professionell erstellten Textinhalte im Netz ermöglicht, und welcher sich z.B. auch der vorliegende Beitrag verdankt - bezahlte Beiträgerei zu online- und Papier-Zeitschriften (die ihrerseits wieder über Werbung, käufliche Artefakte und Spenden finanziert werden). Zweitens die ganze Welt der Blogs incl. tumblr.com, der neben selbstreferenziellem re-re-re-gebloggten Kinkerlitzchen auch so manch Spannendes angehört.

Wenn im Folgenden also als Abschluss dieser Serie noch zwei exemplarische Netztext-Schauplätze vorgestellt werden, geschieht dies nicht, um Neues über neue Vertriebsformen zu lernen. es soll bloß noch, im Sinne des Servicegedankens und der Vollständigkeit, die geneigte LeserInnenschaft darüber zu informieren, was es da draussen noch alles zum geneigten Lesen gäbe...

    Georg Seeßlen: Was das Schönste an Deutschland ist

Georg Seeßlen schreibt film-, kunst- und gesellschaftskritische Beiträge für allerhand Medien, und er ist als würdevolles altes Schlachtross kritischer Kulturschreibrei und -publizistik in Deutschland dankenswerterweise in einer Position, in der er relativ unbekümmert machen zu können scheint, was ihn gerade interessiert. Das Buch "Blödmaschinen. Die Fabrikation der Stupidität", das er kürzlich zusammen mit Markus Metz für Suhrkamp geschrieben hat, diene mitsamt seiner Rezeption durch die Presse als Beispiel für Seeßlens Stellenwert in der noch-papierenen Diskurswelt.

Wie die schon in dieser Rundschau erwähnten Video-Review-Produzenten SFDebris und Confusedmatthew nimmt Seeßlen das Medium Film sowie die ganze Unterhaltungskultursphäre tödlich ernst. Anders als die genannten steht er noch in jener Tradition, die kulturelle Produktionszusammenhänge auch anders lesen und kritisieren kann als aus der Warte des Konsums. Kritik an der wirtschaftlichen Transformation der EU in einen Wirtschaftsraum, der von Deutschland hegemonial dominiert wird - Seeßlen spricht ohne Koketterie von "Postdemokratie" - und Kritik an den filmischen und textlichen Hervorbringungen dieser Hegemonialmacht sind bei ihm eingebettet in das gemeinsame Referenzsystem einer (...nun ja, nennen wir sie...) "kritischen Theorie". Er gehört somit einer Generation und einem Diskursraum an, für die bzw. für den diese zentrale Prämisse aller hier bisher vorgestellten ProduzentInnen nicht gilt: Dass "Überblick behalten" gar nicht mehr ginge, und gar nicht das Ziel sein könne, wo doch das Spiel des Bastelns mit dem Content viel produktiver wäre. Sein Blog - "Das Schönste an Deutschland ist die Autobahn" - bildet mithin eine Meerenge zwischen dem Diskurskontinent "1968" und dem Archipel der "memes"...

    Cracked.com: Die Teddy Roosevelt Appreciation Society

...wobei die Kontinentalmetapher nicht viel hergibt. Angewandt z.B. auf die englischsprachige Comedy-Website Cracked.com versagt sie schon. Denn die hat sowas von nix mit der Seeßlen'schen  Kulturkritik zu tun, dass man sich schwertut, sie auf dem selben metaphorischen Globus unterzubringen - nicht mal als Antipoden.

Cracked ist ein Online-Comedy-Magazin im engstmöglichen Sinn des Wortes: "Satire" oder "Parodie" ist definitiv nicht gemeint. Cracked wird von unterschiedlichen Autoren beliefert und hält hohe "production values" ebenso hoch wie den Fokus auf zwei distinktive Artikelformen: Nämlich erstens die Listenform - "5 Movies That Accidentally Killed Innocent Characters", "6 Albums By Rock Legends That Were Thinly Veiled 'F#@k You's", "The 5 Most Unintentionally Creepy Gifts Given to Presidents" etc.; und zweitens die "Photoplasty Contests" - Wettbewerbe im Userforum, bei denen Photoshop-Montagen zu Themen wie "Everyday life if one crime was suddenly legal", "If movie posters were sarcastic" u.dgl. erstellt werden, mit Slideshows der Sieger auf der Hauptseite.

Überraschend an diesem zugegeben wenig originellen, an Papierzeitschriften wie dem "MAD Magazine" orientierten Format ("Mad" war nicht zufällig in grauer Vorzeit die Muttercompany von Cracked.com) ist hauptsächlich, dass es auch bei täglichem Vorbeisurfen meist Neues bietet und kontinuierlich ein Bedürfnis befriedigt, das offensichtlich auch bei z.B. mir vorhanden ist: In etwa jenes Bedürfnis, das in einer weniger globalisierten Welt gut geschriebene Regionalteile in Zeitungen abzudecken wussten bzw. wüssten.

Unangenehm aus der Fülle der Artikel heraus stechen bloß die gelegentlichen Ausflüge in den Bereich der "Lebenshilfekolumne" und die penetrant gerade in solchen Artikeln auftretende Beschäftigung mancher BeiträgerInnen mit dem Thema "Juhu, ich kann vom Schreiben leben!" Wobei zugestanden sei, dass auch diese Artikel unterhaltsam geschrieben sind und halt leider, was die Prämisse betrifft, nicht an Zeug heranreichen wie "6 Abandoned Places That Will Make Awesome Supervillain Lairs".

Und "Juhu, man kann von Internet-Content leben!" war ja auch irgendwie Thema dieser Webrundschau. Die hiermit zuende ist. Damit ich mich recht bald, dem Hufescharren des KiG!-Teams entsprechend, wieder unmittelbar regional relevanten Themen zuwenden kann...

    Links:

Der Seeßlen-Blog: http://www.seesslen-blog.de/
Blödmaschinen: http://www.suhrkamp.de/buecher/bloedmaschinen-markus_metz_12609.html
Cracked: www.cracked.com

...




[Kolumne/S.Schmitzer/02.04.2012]







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    Kolumne - S.Schmitzer


    03.10.2017 gesamtsituation: tausend jahre fuffziger.

    30.05.2017 Mehr Beton!

    27.04.2017 Fronkreisch! Fronkreisch!

    23.03.2017 Autorität und Kleinganoventum. Eine Übersicht

    08.02.2017 Wahl und Kraftwerk und so weiter

    28.10.2016 Das Ding mit Marcellus Wallace's Soul

    19.08.2016 Zur Ehrenrettung der zweiten Staffel von "True Detective”

    06.07.2016 Richtig echt blöd

    02.05.2016 Ein Sendschreiben ins Jenseits

    23.03.2016 MACHT MEDIEN!

    18.01.2016 Pläpotenz, Identität und tapfere Krieger

    16.11.2015 "Unique Selling Position"

    09.10.2015 Und wieder mal: Das Wort zum Strache

    01.09.2015 Racism or not? Insufficient data.

    22.05.2015 Expropriieren! Expropriieren!

    09.03.2015 Was ist da los?

    19.01.2015 Lob des Grauens

    09.04.2014 Schon wieder ein Text vom Schmitzer über die Öffis

    10.03.2014 Ein Wunschkonzert für klingende Schienen

    31.10.2013 Wie man es machen soll. Ein Text zum Abfeiern des tortuga-zine.

    12.09.2013 Eine Werbedurchsage, durchaus ernstgemeint, zu Gunsten von ICORN

    30.07.2013 Vom Gesindel

    10.07.2013 Steireranzug-Blues

    13.06.2013 Der ORF und die Alchemie

    23.01.2013 Sheriff Mario reitet!

    20.12.2012 Survivor's Guilt und T(r)ollwut

    12.11.2012 Ponies, Kröten, Katastrophen

    09.10.2012 Heisse Luft und Nächstenliebe

    31.07.2012 Vom Atmosphärischen

    12.06.2012 Ein schwarz-grüner Geschenkvorschlag

    17.05.2012 Diskussions-Kultur

    02.04.2012 Notizen über ein paar neue Formate und ihre Implikationen

    08.02.2012 Notizen über ein paar neue Formate und ihre Implikationen

    12.12.2011 Notizen über ein paar neue Formate und ihre Implikationen

    15.10.2011 Notizen über ein paar neue Formate und ihre Implikationen

    10.05.2011 Schnee von Gestern III - Der Grasserstrasser

    29.03.2011 Schnee von Gestern II

    08.03.2011 Dem Josef Pröll seine Ehe und der Fluch der Dialektik

    19.01.2011 Meine Oma und das Weihnachtsgeschäft 2012


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