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Erkenntnisse

Nicht nur in Schulen, auch in Kindergärten wird immer öfter am Computer „gearbeitet“. Ich erinnere mich an die Kindergartenzeit meines Sohnes, der dort im letzten Jahr ein Mal pro Woche am Bildschirm sitzen durfte. Eine Kindergartenpädagogin erklärte an einem Elternabend, so wurde mir erzählt, dass das Betätigen einer Computermaus unter anderem die Auge-Hand-Koordination fördere. Meiner Einschätzung nach tun das auch Tätigkeiten wie Klettern auf einen Baum oder ein Gerüst, das verbraucht keinen Strom und ist vermutlich für die Augen besser. ´Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr´ gilt ebenso nicht, Jimi Hendrix hat mit 13 Jahren eine einseitige Ukulele bekommen und trotz dieses fortgeschrittenen Alters noch ein wenig Gitarrespielen gelernt, und unsere Generation hat auch postpubertär einer Maus den Schneid abgekauft und trotzdem eine weitgehend funktionierend Auge-Hand-Koordination zusammengebracht. Die Kindergartenpädagogin und ich wären wohl nicht als Freunde aus diesem Abend gegangen, meine Abwesenheit hat also Sinn gemacht. Zusammengefasst meinen kritische Expert_innen, dass die Arbeit am Computer das Lernen nicht verbessert, sondern lediglich verändert. Heftige Wellen schlägt die finnische Idee, die Schreibschrift nicht mehr zu unterrichten. Fragt sich tatsächlich wofür, gibt es doch auch bereits Studien, dass mit handschriftlichen Notizen einem Vortrag wesentlich besser gefolgt werden kann als zum Beispiel mit Notizen auf einem I-Pad oder Notebook. Bestimmte Erkenntnisse werden demnach durchaus ignoriert, der höhere Stellenwert von wirtschaftlichen Interessen wird offenbar. Die Betonung eines Experten, der massive Kritik an der Abschaffung von Schreibschrift und an zu früher Tätigkeit von Kindern an Computern äußerte, lag darauf, dass diese Punkte, die er vertritt, keine private Meinung wären, sondern mit zahlreichen Studien belegbar sind. Dass Erkenntnisse nicht unmittelbar zu sinnvollen Reaktionen führen ist hinlänglich bekannt, als krassestes Beispiel sei unsere Umwelt genannt: Anstatt Emissionen zu verringern ist es Staaten möglich, größere Emissionsmengen käuflich zu erwerben, eine so blöde Idee muss man erst einmal haben. In den 60er und 70er Jahren hätte eine Idee eines Schülers von solcher Qualität im Unterricht einen Schauer Kopfnüsse folgen lassen.

Nun begab es sich, dass in der Zwischenzeit ein paar Leute eine ganze Redaktion einer Satirezeitschrift auslöschen wollten und ein paar andere welche umgebracht haben, weil sie einen falschen Glauben haben. Geht gar nicht. Gleichzeitig geht nicht, dass anderswo dauernd Leute umgebracht werden, anonym, geht auch nicht. Das ist kein Aber und keine Aufrechnung, nur eine Erinnerung. Eine Erkenntnis haben die überlebenden Redaktionsmitglieder sofort parat gehabt: Nicht mit uns. Und prompt weitergearbeitet, unbeirrt, ohne Kompromiss. Ich denke, dass man ihnen bedingungslos recht geben muss. Europa hat daraufhin eine hübsche Zusammengehörigkeit präsentiert, Arm in Arm. Da war noch der Schock spürbar. Gleichzeitig musste der Verdacht gehegt werden, dass im Anschluss an den ersten Schreck ein paar weniger gute Ideen folgen werden, von den vermeintlich beiden Seiten, von denen nun in der Schwarz-weiß-Presse zu lesen waren.

Die quasi andere Seite hat das einmal postwendend zu spüren bekommen, Menschen mit Kopftuch wurden attackiert und beschimpft. Weil es dazwischen für ganz viele nichts gibt. Wer ein Kopftuch trägt, trägt auch einen Sprengstoffgürtel, so einfach funktioniert die Welt. Da müssen wir gar keine Schreibschrift abschaffen, gesellschaftlicher und politischer Analphabetismus befindet sich auch so seit Langem in einer Hochblüte.

Die eine Seite: Was ist sie eigentlich? Wer sind wir und wer sind die? Die Täter von Frankreich waren durchwegs Franzosen. Die weise Erkenntnis daraus: Irgendetwas läuft gründlich falsch. Darauf sinnvolle Antworten zu finden wird lange dauern, bedauerliche Weise werden wahrscheinlich nicht die schlauesten Fragen gestellt. Jetzt wäre die Gelegenheit günstig, so fürchterlich der Anlass ist, das Thema Migration einmal gründlich umzugraben. Zu befürchten ist, dass weiterhin Wasser in einen erodierten Boden gegossen wird, in dem es einfach nur abrinnt, weil er im Grunde unbearbeitet bleibt. In Österreich wird gleich einmal rigoros festgestellt: Wer sich hier nicht entsprechend benimmt wird bestraft. Als würde das irgendjemandem nützen. Parallel dazu wird es Workshops geben, ganze 150.000 Euro sollen dafür aus dem Bildungsministerium parat gestellt werden. Hui! Wenn man sich überlegt, wie viel Geld - aber das wissen wir alle. Ein Vorschlag war Sozialdienst für Danebenbenehmen in der Schule, aus welcher Erkenntnis dieser Vorschlag vom Doppelfunktionär für Außenpolitik und Integration resultiert weiß nur er selbst.

Zwischendurch gab es sogar ein paar ganz gute Ideen, auch wenn man trotzdem immer das Gefühl nicht und nicht los wird, dass einfach keine Expert_innen am Wort sind. Es erhärtet sich der Eindruck, dass Menschen in Ministerien gestellt werden, wo sie erst einmal angelernt werden müssen, das bedeutet natürlich für die Glücklichen selbst anfangs eine ganze Menge von Erkenntnissen. Erkenntnisse, die tatsächliche Expert_innen aber längst wissen. Das sind die zu späten Erkenntnisse. Es wird also, anders kann es leider nicht bezeichnet werden, erkenntnismäßig immer hinterhergearbeitet. Der Vorschlag, „Integrationsverweigerer“ - was auch immer das sein soll - mit Verwaltungsstrafen zu versehen ist etwa gleich sinnvoll wie Schadstoffemissionsmengen zuzukaufen für eine saubere Umwelt. Die Erkenntnis, dass Strafe in sehr vielen Fällen einfach zu genau gar nichts führt, sollte sich durchgesprochen haben, möchte man glauben. Die Behauptung, dass die Pädagogik in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts fortgeschrittener war als jetzt, klingt plausibel. Der traurige Schluss, der sich hier vorsichtig andeutet, ist der, dass die Regierungsverantwortlichen die Gunst der Stunde nutzen, um vermeintlich begründet den Zeigefinger gegenüber Immigrant_innen zu erheben. Gleichzeitig kann dem rechten Rand, so die irrtümliche Annahme, ein wenig Wasser abgegraben werden mit diesen idiotischen Strafdrohungen bei Vergehen wogegen eigentlich? Glaubt irgendjemand, dass nach dem Verhängen einer Verwaltungsstrafe Jugendliche, die nur gelegentlich in der Schule vorbeischauen, plötzlich regelmäßig in der Klasse sitzen werden? Und gibt es von dieser Sorte Jugendlicher nicht auch welche, die genau gar keinen sogenannten Migrationshintergrund haben? Da sind wir wieder bei uns und den anderen: Es gibt Grauzonen, so gesehen ist das Thema Migration der November im Arbeitskalender eines Staates und seiner Gesellschaft. Ein Staat kann sich aber nicht erlauben, die Augen zuzumachen und den November so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Im März oder August wird migrationsmäßig immer noch November sein, wie es aussieht, der Nebel wird sich nicht auflösen.

Als wieder zu späte Erkenntnis werden die profitieren, die sich genüsslich anschauen, wie sich eine Regierung an einem Thema die Zähne ausbeißt, das ein rechter Rand als das seine betrachtet mit dem einzigen sinnentleerten und realitätsverweigernden Ziel, Migration abschaffen zu können, so erzählen sie es zumindest einer Wählerschaft, die teilweise die Machbarkeit eines solchen Quatschs auch noch glaubt. Weil diese Regierung schlicht zu feig, zu unprofessionell und informationsresistent arbeitet. Weil sie sich immer an anderen Ländern orientieren wird, egal wie sinnvoll oder sinnlos Ideen sind: Die Tatsache, dass keine eigenständigen Initiativen gesetzt werden, hängt nicht vom Nichtwollen, sondern Nichtkönnen und Nichtwissen ab. In eine progressive Richtung zu arbeiten wird verweigert, im reaktionären Sumpf kennt sich die große Opposition besser aus. Gäbe es Wahlen, stellte sich die Frage an diese Regierung: Gibt es einen Grund, warum ich Sie wählen sollte? Und die Antwort wäre wohl: Es gibt einen, aber den werden Sie um nichts auf der Welt aus uns herausbringen.

(c)  CC0 Public Domain / FAQ http://pixabay.com/de...




[Kolumne/Walter Schaidinger/06.02.2015]







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