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Alles in Ooooordnuuuuuuung!

Alles in Ooooordnuuuuuuung!


Verbringt man Urlaub ernsthaft, dann kann auch das Tagesgeschehen vergessen werden. Keine Zeitung, keine Medien überhaupt, da bemerkt man erst richtig, dass sich die Welt immer noch dreht. Also ganz ohne Politik. Eine fantastische Zeit. Zurück aus dem Urlaub, setzt sich dieser medienmäßig fort. Die österreichische Welt reduziert sich wie üblich auch in diesem Urlaubsfall auf den Mikrokosmos Österreich und in einem konkreten Anlass auf den verhassten Nachbarn, der uns nicht nur vor ein paar Jahren hinterrücks überrumpelt hat - noch dazu mit einem Legionär aus Oberösterreich - sondern nun auch noch Geld dafür haben will, wenn wir über seine Autobahn fahren wollen. Ein Skandal und eine massive Belastung für die hunderttausenden Deutschland-, Frankreich- und Skandinavienurlauber aus Österreich, die Jahr für Jahr die deutschen Strassen überqueren. Noch dazu zahlen die Deutschen selbst weniger als Nichtdeutsche, da hört sich der Spass wirklich auf. Und höchstwahrscheinlich ist das alles nicht EU-konform, wie gemutmaßt wird: Diskriminierung! Weltmeister sind sie auch noch. Weiters in diesen Kurznachrichten im Fernsehen: Metrounglück in Moskau, WM-Feier in Berlin, schweres Artilleriefeuer in Israel. Bei uns scheint also alles in Ordnung zu sein. Ein Sommermärchen. Allerdings ist diese Regierung kein Dornröschen, sondern eine Ansammlung von Beamten in kafkaesker Tradition, die nicht von einem Prinzen wachgeküsst, sondern von den regierten Beamten kafkaesker Tradition wahltechnisch wachgeprügelt werden in absehbarer Zeit, wobei sich mutmaßen lässt, dass ein Teil der regierenden Beamten einmal mehr kein Problem haben wird, einen Teil der Oppositionsbeamten, Abteilung rechts außen und frei von Inhalten, wieder ins Regierungsbeamtenboot zu holen, das hat bereits einmal schlecht funktioniert und ist also ein bewährtes Mittel zur Machterhaltung oder -wiedererlangung. 


Am schönsten war der heimische Opportunismus kürzlich beim WM-Halbfinale zwischen Deutschland und den Niederlanden in einem Gasthaus zu beobachten. Etwa zwanzigjährige Jungopportunisten, möglicherweise mit Universitätsnähe und leicht besoffen, hielten für die Niederlande, weil sie die einzigen wären, die Deutschland in einem Finale schlagen könnten, soweit die besonders intelligente Begründung. Es wurde laut und für Deutsche, wie wir einen an unserem Tisch hatten, auch beleidigend, dass eine Bitte nach etwas Beruhigung und weniger Blödheit erwartungsgemäß noch lauter und dümmer quittiert wurde. Als das Spiel vorbei war, brüllten sie laut „Argentinien“, weil dieses Land nun die übriggebliebene Hoffnung war, um Deutschland zu schlagen. In Österreich ist im Nachhinein der Nationalsozialismus nicht nur wunderbar vorstellbar, sondern die einzig logische Konsequenz aus den Gemütszuständen der Menschen hier, und das Land ist weit davon entfernt, daraus klüger zu werden, sondern am besten Wege dorthin zurück, auch wenn solch eine Dimension wohl hoffentlich nie mehr funktionieren wird.


Beim Finale war alles schlagartig anders: Geschaut wurde in einem Lokal, in welchem vorrangig  arabisch gesprochen wurde. Es war knallvoll, alle Plätze besetzt, inklusive Gastgarten. Ein paar Deutsche waren auch zu vernehmen. Alle zusammen haben sie für Deutschland gehalten, nach Schlusspfiff begannen einige Frauen, in deutsche Fahnen gehüllt zu arabischer Musik zu tanzen. In Berlin. In einem sogenannten bürgerlichen Bezirk. Genauso wie ich bei der Beschwerdestelle der österreichischen Bundesbahnen einmal vorgeschlagen hatte, dass sich die Kolleginnen und Kollegen der obersten Managementetagen einmal einen Monat Zeit nehmen sollten, das Land Länge mal Breite mal Höhe in der Economy Class der Eisenbahn durchfahren und wahrnehmen, dass die Kundenorientierung in etwa so funktioniert, als würden die Passagiere zwangsweise und nicht freiwillig mit dem Zug fahren, schlage ich unseren Kolleginnen und Kollegen sowohl von Regierung als auch von Opposition vor, sich einmal zum Wirt ums Eck zu setzen und die Ohren aufzusperren, was tatsächlich vor sich geht. Die haben mit der Autobahnmaut in Deutschland womöglich gar kein großes Problem. Als Ablenkungsmanöver wird das nicht lange funktionieren, auch wenn es ein Sommerloch zu füllen gibt: Es gibt Archive, schauen wir hinein, was es sonst noch gibt in unserem Land: Einen Bankenskandal, der noch eine Ära lang Geld kosten wird, nur das wir uns leider keine Alternative wie eine Bahnreise zum Strassenverkehr werden nehmen können. Weiters gibt es eine Pensionsreform, von der geredet und geredet wird, aber von der es nicht einmal Ansätze von Ideen gibt, die irgendeinen Sinn machten, sonst hätte doch schon gerne jemand darüber geplaudert. 


Und das Volk? Das Volk wird seit geraumer Zeit von dieser Regierung eingelullt. Man arrangiert sich, als gäbe es keine Alternativen. Das Volk leidet unter einem bemerkenswerten Stockholmsyndrom. Nur dass eigentlich keine Notwendigkeit dafür besteht. Irgendwo muss hier etwas falsch gelaufen sein. R.P. McMurphy erfährt in dem großartig von Miloš Forman verfilmten Roman „Einer flog über das Kuckucksnest“ im Laufe seines Aufenthalts in der psychiatrischen Anstalt durch Zufall und zu seinem Entsetzen, dass seine Kollegen, mit denen er die Zeit verbringt, teilweise freiwillig dort sind, im Gegensatz zu ihm selbst. Nach dem gescheiterten Fluchtversuch beschließt sein Freund Chief Bromden, McMurphy nach einer Lobotomie zu erlösen, erstickt ihn mit einem Kissen und flüchtet, in dem der fast zwei Meter große Hüne einen Waschblock durch ein vergittertes Fenster wirft und in die Welt davonläuft. Offen bleibt, ob die anderen auch die Flucht ergreifen. Wahrscheinlich sind sie geblieben.


In diesem Land gibt es zwar keinen wirklichen Fluchtgrund, aber ein wenig Abwechslung würde bestimmt gut tun. Wovor Angst gehabt wird, ist schlicht und einfach nicht nachvollziehbar. Alles, was anders ist, ist schlecht. Es ist zwar im Moment nicht gut, aber im momentanen Malheur kennen wir uns wenigstens aus, also machen wir so weiter. Und so sitzen wir im Waschraum, schauen durch ein riesengroßes Loch in eine mögliche Alternative und denken alles im Konjunktiv. Dahinter sitzt die Regierung, verkleidet als Oberschwester Mildred Ratched, und die Regierung kann sich der Lethargie der Bevölkerung ebenso wie Miss Ratched – nach Beseitigung oder Entschärfung von McMurphy – jener ihrer Patienten sicher sein. Die Bevölkerung hat sich selbst in Geiselhaft genommen, ist doch schön, wenn die Dinge so klaglos funktionieren. Nur könnte das mit der rechten, verhaltenskreativen Alternative, die freundlicherweise vor ein paar Jahren von unserer sogenannten politischen Mitte salonfähig gemacht wurde, ordentlich ins Auge gehen. Kärnten sollte, wenn es schon in Trümmern liegt, wenigstens als abschreckendes Beispiel dienen, wohin eine Regierungsbeteiligung von blauen, orangen oder sonstigen Nachfolgeorganisationen des VdU und schließlich von Jörg Haider führt, nämlich ins Nichts, und sonst gar nichts. Die prächtige Existenz aber, die der ganze rechte Krawalloppositionstrupp führt, ist ausschließlich auf eine Regierung zurückzuführen, die nicht und nicht in der Lage ist, eine tatsächliche Reformpolitik zu betreiben, politische Reaktion und Geschichtsrevisionismus klar, deutlich und unmissverständlich zu verurteilen und sich davon zu distanzieren und gleichzeitig klaren Tisch mit Korruption in diesem Land zu machen. Würden diese Dinge ernsthaft in Angriff genommen werden, würde sich der ausschließlich zu Schwachsinn fähige rechte Oppositionsflügel von selbst auf das ihm zustehende Maß von gerade einmal knapp über der Wahrnehmungsgrenze reduzieren. Zur Zeit scheint das Land davor eher ungefährdet zu sein: Man sieht sehr lange und sehr oft nicht, wenn etwas gemacht wird, sehr wohl registriert man aber, wenn tatsächlich nichts gemacht wird. Letzteres ist seit langer Zeit der Fall. Sonst ist alles in Ordnung.



Bild „Der Schattenmann“ von „K D L“
CC (BY - NC - ND) 
Creative Commons Lizenz: Namensnennung. Keine kommerzielle Nutzung. Keine Bearbeitung.

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[Artikel/Walter Schaidinger/04.08.2014]







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