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Vorwärts in die Vergangenheit

Ein weiteres historisches Jahr steht vor der Tür. Ein Weltkrieg hat heuer vor hundert Jahren begonnen, ein anderer hat nächstes Jahr vor siebzig Jahren sein Ende gefunden. Das bietet wieder gute Gelegenheiten für Graz, beispielhaft voranzugehen, wie Erinnerungen auch wirklich befristete bleiben sollen, damit man zwischendurch nur ja nicht auf die Idee kommt, dass ein Schatten über der Stadt liegt und dieser wieder rechtzeitig gebleicht wird.  


Diesen Sommer war ein weiteres Exempel zu bewundern, wie eine künstlerische Idee zu aktiver Auseinandersetzung mit Geschichte ganz schnell wieder weggeräumt wird, sonst hätte die Stadt womöglich ein wenig Größe entfaltet. Die Körper der Erinnerung und damit des Anstoßes sollen irgendwo in einem Skulpturenpark verschwinden, das erinnert an das Schicksal des Uhrturmschattens. Als Stadt der Volkserhebung könnte Graz ein wenig mehr Kreativität in der Art und Weise der öffentlichen Geschichtsverweigerung betreiben. In der Umgebung der Stadt könnte ein Minimundus errichtet werden, wo alle Projekte aufgestellt werden, die unangenehm an die Vergangenheit der Stadt erinnern: Eine Gedenk-Gedenkstätte. Die Reduzierung der Erinnerung und des Geschichtsverständnisses auf ein Minimundus-Areal entspräche dem politischen Zeitgeist. Hätten die Verantwortlichen wenigstens eine ordentliche Haltung zur Entsorgung dieser Störfaktoren, könnten sie als Höhepunkte fürs Aufsteirern herhalten. Der Uhrturmschatten könnte von gestandenen steirischen Männern und Burschen in Lederhosen mit echtem Handwerkzeug zersägt, die aktuell gestört habenden Bild/Textobjekte mit Schlögeln zertrümmert werden, es heißt in unserer Bundeshymne ja auch „Land der Hämmer“. Diese Hämmerinnen und Hämmer aus der Steiermark werden dann alle sich in Graz für drei Tage einfinden und die Stadt jodeln lassen gemeinsam mit den Hämmerinnen und Hämmern aus der Stadt, dass es nur so eine Freude sein wird. Inmitten könnte ein Mann mit seiner Ziehharmonika singen, der offensichtlich kein Problem damit hat, wenn eine Politikerin nach humorvoller Erinnerung an den Text der Bundeshymne mit Morddrohungen bedacht wird. Anstatt sich kritisch dazu zu äußern bestärkt er sein Vorhaben, bestimmt nie diesen neuen Text zu singen. Dafür würde ihm Trachtendamenunterwäsche von in Ekstase geratenen Hämmerinnen um die Ohren fliegen. Der kommt aber nicht, stattdessen kommt eine Jodlerin, die das S als ersten Buchstaben ihres Namens gegen ein Z getauscht hat, nun ist es ein slawischer Künstlername, möchte man meinen, da wird das Z auch wie ein S ausgesprochen.  


Für das Jahr 1945 lässt sich die Befreiung Österreichs durch die alliierten Kräfte gleich anschließend an das Gedenkjahr, also ab 2016, schnell wieder als Besatzung darstellen, und der Rest an Gedenktätigkeit, wie auch immer er aussehen wird, kommt in den Gedenkminimundus dazugesperrt, wo er nicht so viel Gedenkschaden anrichten kann wie befürchtet. Ein erheiterndes Detail am Rande findet sich auf einem Feuerzeug: Da wirbt die den Bürgermeister stellende Grazer Partei ausgerechnet mit einem lachenden, schwarz umrandeten Uhrturm. Dieser lachende Uhrturm muss wohl auch so etwas ähnliches sein wie ein Schatten, möge er seine wohltuend unbedarfte und stets in die Zukunft blickende, niemals in der Vergangenheit verhangen gebliebene Kühle über die sengende Gedenkhitze der Stadt legen.


Die geschichtliche Nähe zu deutschnationalem Gedankengut, die der Volkserhebung vor dem Zweiten Weltkrieg nicht gerade hinderlich war, kommt in der steirischen Hauptstadt nicht zufällig von irgendwo her, sondern beruht auf der traditionell schon vor der vorletzten Jahrhundertwende größer gefühlten Nähe zu München und also zum deutschen Kulturgut, während Wien als weitaus größere Stadt und wegen seiner Nähe zum Osten immer schon als Vielvölkerstadt existiert hat. Graz verstand sich als deutsches Bollwerk im Südosten, es wurde mehrheitlich deutsch gesprochen, auch wenn große Teile der Südsteiermark slowenisch waren: Die nach Graz gezogenen slowenischen Steirer assimilierten sich sehr rasch. So ist es einem Katalog zur Ausstellung ´Die Steiermark und der „Große Krieg“´ zu vernehmen und erklärt so manches. Es erklärt aber nicht, dass so etwas 2014 fühlbar sein muss. Wenn also im September die Provinz sich in der Landeshauptstadt einfindet, ist es kein Besuch des Landlebens in seiner urbanen Metropole, sondern durchaus ein Treffen auf gleicher Augenhöhe, ein eher vorsichtig zu genießendes Kompliment, lebt die Stadt doch in der verklärten Illusion, tatsächlich eine Metropole zu sein mit Provinz rundherum. Der Begriff „Provinzhauptstadt“ kommt nicht von ungefähr, wobei die Provinz als solche längst nicht mehr als rurale Jodelgegend rund um eine Hauptstadt funktioniert, das ist nur noch nicht überall so angekommen. München taugt längst nicht mehr als Orientierungspunkt, zu international. Insgesamt muss Graz bzw. seine Stadtregierung sich abwenden von Deutschland, dort gibt es für ihresgleichen keine geeigneten Vorbilder, schon lange nicht mehr. Von Graz kann also mit Fug und Recht behauptet werden, dass es als fruchtbarer Boden für kulturelle und geschichtliche Auseinandersetzung trotz Politik wahrgenommen werden kann.


Für 2015 könnte man anstatt des entsorgten Uhrturmschattens am Schlossberg einen ebenso großen aufblasbaren Herrn Karl aufstellen. Nicht richtig aufstellen, sondern etwas schweben lassen, so wie die lustigen gasgefüllten Luftballons, die auf Jahrmärkten verkauft werden. Die sich so schön mit dem Wind drehen. Den Herrn Karl müsste man am Ende des Gedenkjahres auch gar nicht so richtig in die Gedenk-Gedenkstätte entsorgen, dem bräuchte man nur mit einem Nadelstich die Gedenkluft auslassen. Ein Riesengeschäft wäre es vielleicht auch, kleine Luftballon-Herr Karle zu verkaufen, damit sich das Gedenken wenigstens wirtschaftlich rentiert. Denen geht auch ganz bestimmt irgendwann die Luft aus und fertig gedacht und Ruhe. Und wir sind wir wieder. Solange der Schatten aber nicht bearbeitet wird, wird er bleiben. 


P.S.: Nennen wir noch ein paar Zahlen. 2013 gab es in Österreich 17.503 Asylanträge, davon wurden 4.133 positiv, 10.379 negativ erledigt, 2.163 Personen befinden sich in einem sonstigen Status, einige Anträge sind im Laufen. 2014 stieg die Zahl der Anträge um 1,9 %, dann wären das Auge mal Pi bis zum Halbjahr unter 9.000. Himmelherrgott! Zum Vergleich Beispiele für die Flüchtlingsaufnahme aus Syrien 2013 und 2014: Libanon: über 1.000.000 (Gesamteinwohnerzahl: ca. 4,5 Mio.), Türkei: über 1.500.000, Jordanien: über 500.000, und so weiter und so fort. Nur zur Erinnerung, dass auch niemand auf die Idee kommt, dass es außerhalb eines fürchterlichen Verhaltens betreffend die Geschichte dieses Landes nicht auch sonst noch genug Gründe gäbe, sich wie beispielsweise für die Asylpolitik dieses Staates und seiner Bundesländer genieren zu müssen.


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[Artikel/Walter Schaidinger/15.09.2014]







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