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Guten Tag Welt

BILDUNG. Vielfalt leben und dabei jedes Kind fördern: wie gut das geht, zeigt der Interkulturelle Mehrsprachige Kindergarten in Gries. Seit 17 Jahren.

Seinen Kindergartenonkel hat Karim Khodier nicht aus den Augen verloren. Alle zwei Jahre besucht der siebzehnjährige Schüler den Interkulturellen Mehrsprachigen Kindergarten, um Nevenko Bucan wiederzusehen und zu plaudern. Kindergärtner waren vor 17 Jahren eine Ausnahmeerscheinung und sie sind es heute noch. Pionierarbeit leistete der Interkulturelle Mehrsprachige Kindergarten (IKG) in Gries nicht bloß bezüglich geschlechtergerechter Betreuung im Land großer Söhne. Einzigartig ist das Konzept: Interkulturalität und nicht-direktive Erziehung sind hier verknüpft. Die Kleinen dürfen selbst entscheiden, was sie wann mit wem spielen möchten. In der Beziehung liegt der Schlüssel für alles: die Bedürfnisse von Kindern und Erwachsenen werden gleich geachtet.

21 Nationen im Spiel. Karim war eines der ersten Kinder, die den Privatkindergarten besuchten. Fünfzig Kindernamen stehen für das soeben beginnende Kindergartenjahr noch auf der Warteliste. 75 Anmeldungen gab es allein für diesen Herbst. Doch nur 21 Kinder verlassen den IKG Richtung Schultüte. Trotz enormer Nachfrage muss der Kindergarten um seine finanzielle Existenz kämpfen – nach wie vor Jahr für Jahr. Der Kindergarten ist auf zusätzliche Förderungen der Stadt angewiesen. Und während andere Einrichtungen am IKG lernen und Teile des pädagogischen Konzepts übernehmen, bekommt der Kindergarten immer schmälere Stücke der Budgettorte.
Was nach Kindergeburtstag anmutet, ist in der Schützgasse ein gewöhnlicher Tag. 21 Nationen spielen, lachen und essen hier fünf Tage die Woche miteinander. Das Geheimnis des Erfolgs liegt auch in einem strengen, selbstauferlegten Korsett: fünfzig Prozent Kinder mit deutscher und fünfzig Prozent mit nicht-deutscher Muttersprache und ein 50:50-Verhältnis zwischen Mädchen und Buben. „In Zukunft versuchen wir, ein Drittel der Kinder mit deutscher, ein Drittel mit nicht-deutscher Muttersprache und ein Drittel zweisprachig aufzunehmen“, erklärt die pädagogische Leiterin Sandra Meiser.
Auf den niedrigen Holzbänken vor dem Haus sitzen neun Kinder rund um die Tische im Freien. Bunte Schminke bedeckt die kleinen Gesichter einiger, fünf tragen Papierkronen und alle bearbeiten konzentriert Ton. Währenddessen laufen andere durch den großen Garten, versuchen, auf Bäume zu klettern oder sitzen zu dritt im breiten Baumhaus. Wachsame Augen behalten sie im Blick, ohne das Geschehen mit permanenten Anweisungen zu dirigieren. „Schauen Sie sich den Hof an, dann wissen Sie, warum es funktioniert“, sagt Verena Zieser. „Es gibt kein dreifärbiges Schaukelsystem und das ist herrlich!“ Ziesers dreijährige Tochter Tabea badet Plastikdinosaurier in einem Metalltrog. Tabea kommt erst nächstes Jahr als Kindergartenkind hierher. Zum Spielen ist sie allerdings bereits ab und zu mit ihrer Mama im IKG. „In anderen Kindergärten habe ich im Winter zehn Zentimeter Neuschnee und keinen einzigen Schuhabdruck in der weißen Decke gesehen. Hier war der Schnee bereits weg – weil die Kinder draußen spielen“, sagt Zieser, deren ältere Tochter Aimée den IKG besucht hat. Sichtlich glücklich lässt Tabea nun die Saurier in Sand baden, langsam matschen Sand und Wasser und der Rock des Mädchens. „No! No-ooh!“ schreit ein kleiner Bub und spricht kurze Sätze in einer afrikanischen Sprache. „Saleem, du bist noch nicht fertig mit dem Aufräumen“, mahnt Nevenko Bucan. Der Bub fuchtelt wild mit den Armen. „Nicht hauen, okay?“ versucht Verena Zieser zu beruhigen. Kurz hält der Bub inne und schlägt dann wieder mit beiden Händen Richtung Zieser. „Nevenko, was tust du mit ihm, wenn er haut?“ – „Fest halten“, sagt der erfahrene Kindergärtner und umarmt den Buben liebevoll. „Saleem, du sollst niemanden schlagen.“

Sprachbarrieren und neue Horizonte.
Nicht verstanden zu werden, was man möchte, und sich nicht anders ausdrücken zu können als mit Händen und Füßen, mit diesem Problem haben kleine Kinder nicht deutschsprachiger Eltern alltäglich in allen Kindergärten zu kämpfen. Im IKG gibt es muttersprachliche BetreuerInnen derzeit für Kroatisch, Französisch, Spanisch, und ein-, zweimal die Woche kommt eine Sonderkindergartenpädagogin, um Kinder, die Schwierigkeiten mit Deutsch haben, zusätzlich zu unterstützen. Ein Deutsch-Sprachkurs für die kleinen Mitbürger wird nicht angeboten. Die meisten lernen die Sprache durch die intensive Beschäftigung der PädagogInnen schnell.
Wittgensteins Feststellung, „die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“, wird im Interkulturellen Mehrsprachigen Kindergarten positiv gespiegelt: Kinder haben hier von klein auf Kontakt zu anderen Sprachen und damit zu gesamten Kulturen, die mit jeder Sprache ein neues Universum aufmachen und in greifbare Nähe rücken. Durch diese Horizonterweiterung finden kleine Kinder neue Sichtweisen, haben Ideen und Lösungen, die jemandem, der einzig mit einer Kultur vertraut ist, nicht einfallen würden. Das interkulturelle mehrsprachige Zusammenleben wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus und fördert kreative wie mathematische Begabungen – nicht einzig sprachliche. „Meine Älteste hat hier lesen gelernt, ohne dass jemand sie unterrichtet hätte. Sie konnte dividieren und rechnen im Kindergartenalter – und zwar im Kopf“, erzählt Jaqueline Eddaoudi. „Die Hirnforschung weiß längst: Sitzt man mit sechs in der Schule, sind gewisse Fenster im Gehirn bereits zu oder zumindest besetzt. Aber wenn vor diesem Alter ein Zugang zu diesem unglaublichen Potential gelegt wird, das Kulturen und Menschen in sich tragen, sind die Grenzen im Kopf nicht so eng.“ Die selbständige Dolmetscherin für Italienisch, Arabisch, Französisch, Englisch und Spanisch ist fünffache Mutter.

Mit Rückgrat. „Sporttrainer sagen, sie erkennen an der Bewegung der Kinder, wer diesen Kindergarten besucht hat“, sagt Jaqueline Eddaoudi. Dass die Kinder jeden Tag ins Freie, auf Bäumen klettern und mit Messern Holz schnitzen dürfen, ist jedoch nicht der entscheidende Grund für die gute Haltung. „Kinder werden hier nicht gegängelt. Niemand sagt ihnen: ‚Tu das so und das mach so!’ Sie werden begleitet. Sie werden sehr genau beobachtet“, weiß Eddaoudi. Wenn sie auf einen Baum klettern, wird ihnen nicht hinaufgeholfen. Vielmehr schauen die KindergärtnerInnen zu und überlegen: wie kann man sie dabei unterstützen? Wie weit sind sie fähig, brauchen sie eine Hilfestellung oder Ermutigung? Den Kleinen wird die Möglichkeit gelassen, nach dem eigenen, inneren Gefühl zu handeln. Von Anfang an hat das Team Vertrauen in sie. Unvoreingenommenheit und ein Glauben an die Menschen greifen. Eines Tages sagte Eddaoudis Tochter Dina über ihre nigerianische Kindergartenfreundin: „Die Rashida ist anders.“ Jacqueline Eddaoudi dachte, aha, jetzt kommt’s – die Vorurteilsfalle schlägt zu. „Sie kann Ballett tanzen, wir nicht“, stellte Dina leicht betroffen fest.
Nächstes Jahr wird Karim wieder täglich in seinen Kindergarten gehen. Dann wird der junge Mann im bunten Haus in der Schützgasse seinen Zivildienst absolvieren und für die Kleinen Vollwertgerichte kochen. Vorausgesetzt, die preisgekrönte Wichtigkeit dieser Institution wird politisch anerkannt und endlich ein Absicherungspaket für mindestens drei Jahre geschnürt.

Text: Maria Motter
Foto: Christopher Mavric
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[Artikel/megaphon/03.09.2008]






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