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Was für ein Sommer! Einige Erscheinungen stimmen sehr sehr nachdenklich, wenn man daran denkt, dass bald wieder gewählt wird und wer wählen wird. Ein digitales Spiel treibt seit einiger Zeit die Menschen aus den Häusern und in die Welt hinaus. Dem wäre grundsätzlich nichts vorzuwerfen. Allerdings spült so ein Spiel offenbar auch emotional und geistig intensive Momentaufnahmen zutage. Es ist ja nun nicht so, dass sich die spielende Menschheit zu Fuß auf den Weg macht, um wem auch immer zu folgen und was auch immer zu finden. In unserer Wohngegend befindet sich offenbar etwas, das für dieses Spiel von enormer Wichtigkeit sein muss, es lässt sich eine Anhäufung von Menschen feststellen. Soll so sein, allerdings befremden viele Erscheinungen, die dieser Hotspot mit sich bringt. Der Punkt wird in dieser Gegend häufig mit dem Auto gesucht. So sitzen also bis zu vier Personen in einem Fahrzeug mit laufendem Motor, alle starren auf ihre Smartphones – ein Paradebeispiel für falsche Gerätebenennung, – und auf die Bitte, den Motor während der Suche oder was immer diese Leute da tun doch wenigstens abzustellen, erntet man ungläubige Blicke, die vermuten lassen, dass in diesem Moment in diesem Fahrzeug ein Gesamtintelligenzquotient von einem Stück Randstein anwesend ist, vielleicht auch weniger. Diese Menschen sind zumindest nach amtlichen Messkriterien erwachsen, dürfen sie doch ein Auto selbstständig steuern. Also dürfen sie auch wählen. Diese Menschen folgen offenbar begeistert sehr simplen Botschaften wie „Mach dich auf die Suche nach einem bunten Pferd“, daraus lässt sich vorsichtig schließen, wie einfach oder kompliziert eine Message sein darf, um diese Menschen dazu zu bewegen, jemanden zu wählen. Es lässt erschaudern, wem dies wohl besser gelingen könnte.

Parallel dazu gibt es die echte Welt, das echte Leben, echten fetten Wohlstand, zumindest in unserem Land, echte olympische Spiele mit echten Dopingmitteln und gelegentlich ein paar umgebrachte Menschen, an die wir uns langsam gewöhnen. Diese dienen vor allem zur Ummünzung von menschlichen Tragödien in politisches Kleingeld, wobei es nicht mehr ganz so einfach ist, alle in diesem Fall in Deutschland passierten Anschläge in einen Topf zu werfen. Die bisherige Milchmädchenrechnung rechter und rechtsextremer Migrationsexperten lautet Terroranschlag = Islam = Flüchtlinge = Asylstopp = Ausländer raus. Nun hat einer der Täter mit Vorfahren aus dem Iran in München gezielt junge Leute mit Migrationshintergrund als Opfer ausgesucht und bezeichnet sich selbst aufgrund seiner persischen Herkunft mit deutschem Lebensmittelpunkt als quasi Urarier. Da könnte mit den rechten Fraktionen durchaus ein Interessenkonflikt entstehen. Der Täter mochte Menschen arabischer und türkischer Herkunft nicht, dass kommt bekannt vor. Für rechte Propaganda ist er also völlig ungeeignet.

Auf der anderen Seite des großen Teichs steht ein Kandidat zur Präsidentenwahl, der mittlerweile offen von Teilen seiner eigenen Partei als im Großen und Ganzen nicht zurechnungsfähig eingestuft wird. Diese Einschätzung dürfte zu hundert Prozent richtig sein. Sein neuestes Glanzstück ist die Feststellung, dass die waffenbesitzende Bevölkerung die Dinge selbst in die Hand nehmen könnte bei einem möglichen Waffenbesitzverbot, über welches die demokratische Präsidentschaftskandidatin nachdenkt. Übersetzt heißt das, dass sich, würde man diesem Idioten folgen, das Land in einen wilden Westen aus dem Fernsehen entwickeln sollte, den es in der Wirklichkeit nicht gegeben hat.

Und schön langsam stossen wir vorsichtig, aber doch auf viele Gemeinsamkeiten, die viele Fraktionen miteinander haben, obwohl sie sich heftig bekämpfen wollen. Die rechten Fraktionen in Europa und Amerika brauchen die rechtsextremen und leider oft gewalttätigen Fraktionen eines extremen Islamismus, die mit dem Islam und Religion nichts mehr zu tun haben. Sie brauchen sie für ihre eigene Propaganda, als eine der wenigen Existenzgrundlagen. Die Gemeinsamkeiten liegen darin, dass für beide alles, was anders oder eben nicht einigermaßen gleich ist, nicht nur einfach anders ist, sondern falsch. Wenn diese europäischen und nordamerikanischen rechten bis rechtsradikalen Fraktionen, so auch die österreichische, den Begriff liberal für sich beanspruchen, entspricht das nicht den Umständen. Hätten sie eine liberale Auffassung, würden sie nicht ständig mit Klagen und Klagsdrohungen um sich werfen, wobei das allemal Handgranaten und sonstigen Dingern vorzuziehen ist. Die aktuelle Buberlpartie bemüht die Gerichte ohne Unterbrechung. Sie teilt viel aus und steckt nichts ein. Wobei ein großer Unterschied gemacht werden muss: Geklagt wird die Buberlpartie wegen Dingen, die sie suggeriert, das ist nicht neu. Klagen tun sie wegen Dingen, die sie sehr wohl tun, aber nicht wollen, dass sie beim Namen genannt werden. Sie hetzen, sie sind tatsächlich bei schlagenden Burschenschaften, ob dumpf oder nicht, aber sie wollen nicht, dass das aufgeschrieben oder ausgesprochen wird. Dabei sind das keine Geheimnisse, sieht man doch in vielen Gesichtern aufgeschlitzt und wieder zugenäht oder eben nicht zugenäht die merkwürdige Leistung, sein Gesicht in einen Säbel hineingehalten zu haben. Zu Studienzeiten in Graz kippten wir vor vielen Jahren versehentlich in ein Lokal, in dem eine geschlossene Burschenschaftsveranstaltung stattfand – wir hätten diesen Laden ohnehin sehr gerne wieder so schnell wie möglich verlassen, dürften aber einigermaßen erstaunt und verdutzt geschaut haben ob der grotesken Szenerie, sodass uns beim Verlassen des Lokals geholfen werden wollte. Das geht nun gar nicht, unfreundlich habe ich meinen Unmut darüber geäußert, auch nur irgendwo angefasst werden zu wollen und dass diese Veranstaltung wirklich nicht gefährdet wäre, von einigermaßen zurechnungsfähigen Menschen freiwillig besucht zu werden. Darauf wurde uns allen Ernstes wortwörtlich nachgerufen „Zieht von dannen, wir denken anders als ihr“. Was soll man darauf sagen? Es stimmt natürlich, wobei denken eher durch folgen ersetzt werden muss, „wir folgen anderen als ihr“ hieße es richtig. Haben die auch bunte Phantasietiere, denen sie folgen?

Der Präsidentschaftskandidat, der dem selbsternannten zukünftigen Bundeskanzlerkandidaten mit den ursprünglich erweiterten Pupillen und nun immer kleiner werdenden Augen seit geraumer Zeit die Show klaut, ist auch ein Freund dieses Spiels, strategisch macht der beängstigend viel richtig. Es passt aber auch irgendwie grundsätzlich zur intellektuellen Schlichtheit dieser Person. Würde er in die Hofburg einziehen, würde er vielleicht die Pferde von Erzherzog Carl und Prinz Eugen von Savoyen blau streichen lassen und dann behaupten, dass es zu diesem digitalen Spiel dazugehöre. Viele würden ihm dafür digital zujubeln, wir hätten eine Stimmung wie damals, am Heldenplatz, wo schließlich doch niemand gewesen sein wollte, diesmal eben digital, die waren dann halt digital nicht dort anwesend, wenn alles in Trümmern gelegen sein wird. „Das war ein Jubel, eine Begeisterung, wie man sie sich überhaupt nicht vorstellen kann nach diesen furchtbaren Jahren, nach diesen traurigen Jahren, der Wiener håt endlich wieder a Freid ghåbt“*, heute fragt man sich, warum man nach den fettesten und fröhlichsten Jahren schon wieder nach einem Führer Ausschau hält, und die Freude ist in ganz Österreich zu spüren, am wenigsten sogar eigentlich in Wien, zumindest was das Wahlergebnis der ersten Stichwahl betrifft, hier glänzt vor allem die Provinz mit einer rechten Hanglage, als würde das Volk an einem Hungertuch nagen, das ein rechter Recke durch eine fette Fleischkeule ersetzen könnte. Das Gegenteil ist der Fall, jeweils. „Mir san gståndn, am Hödnplåtz, am Ring, unübersehbår wårn mia, man hat gefühlt mia san unter sich, es wår wie beim Heirigen.“* In Wirklichkeit sind viele auf einer großen Buschenschenke, schlagen sich die Bäuche voll, fahren mit teuren Autos wieder heim und regen sich unbewusst darüber auf, dass es eigentlich nichts gibt, worüber man sich aufregen könnte, nur geht das auf Kosten vieler anderer. Die aber anscheinend allen egal sind, sogar die eigenen Kinder sind ihnen egal, sonst würden sie doch wenigstens über die Umwelt ein wenig nachdenken.

Sollte eines Tages wieder alles kaputt sein und eine Führerschaft beendet und alle sollen sich verpissen, werden bestimmt immer noch, frei nach Brians Anhängern, einige fragen, wohin sie sich verpissen sollten. Einem Führer folgt Mann gefälligst bis zum letzten unsinnigen Augenblick.


*Carl Merz/Helmut Qualtinger, „Der Herr Karl“, 1961


Bildrechte: Walter Schaidinger

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[Kolumne/Walter Schaidinger/31.08.2016]







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    Kolumne - Walter Schaidinger


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    19.10.2016 Reicht es?

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    22.01.2013 Nach der Abstimmung ist vor der Abstimmung

    10.01.2013 Zuallererst

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