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Pläpotenz, Identität und tapfere Krieger



    Ein paar Kleinigkeiten über einen "identitären Vlog"; nebst rechtfertigender Vorbemerkung.

Weiter unten wird es an dieser Stelle um einen kurzer Ausschnitt eines Video-Blogs gehen, in dem ein "identitärer" Germanistikstudent uns erklären will, dass er und seine Kollegen selbstverständlich keine Rassisten sind. Bevor wir uns diesem solchen Unterhaltungsprogramm aber zuwenden können: Erst mal eine (längere) Vorbemerkung:

    ***

Nämlich zur Beantwortung der Frage, warum es an dieser Stelle nicht erneut um das einzige Thema geht, das derzeit irgendwen in Österreich interessieren sollte ...

... also um den Umstand, dass wir in der sogenannten Flüchtlingsfrage menschenunwürdige Zustände zulassen, die auf keine Kuhhaut gehen;

... beispielsweise, wenn wir erlauben, dass unten an der slowenischen Grenze Leute im Freien Lagerfeuerl heizen müssen, um nicht zu erfrieren (siehe dazu etwa den aktuellen Themenschwerpunkt des "ausreißers", der Grazer Wandzeitung);

... beispielsweise, wenn wir, was Asylwerberunterkünfte betrifft, mit einem System der Anreize und Ausschlüsse zufrieden scheinen, das die rücksichtslose Geschäftemacherei von Privatleuten auf dem Rücken der Wehrlosen, äh, zumindest nicht ausschließt (um es vorsichtig auszudrücken);

... beispielsweise auch, wenn wir das zuständige Legislativ- und Exekutivpersonal noch immer nicht mit nassen Fetzen zum Teufel gejagt haben, wo es doch gut sichtbar seiner Arbeit nicht nachkommt und sich mit Nonchalnace auf die Einsatzbereitschaft ungeschulter, unbezahlter Freiwilliger verlässt

(im Ernst: kein Grünschnitt-Entsorgungsbeauftragter in Gigeritzpatschen kann sich erlauben, so planlos-präpotent an das ihm übertragene Amt heranzugehen wie Seehofer, Mikl-Leitner et al. ... dürfen wir "pläpotent" als Wortneuschöpfung vorschlagen?);

... warum soll nun also der vorliegende Artikel nicht unternehmen, was geboten wär': zu dem eben umrissenen Themenfeld Lösungen zu Tage fördern, wo es doch so dringend geboten wäre, dem drohenden dauerhaften Schaden für das gedeihliche Zusammenleben im Lande (nebst Leib und Leben ganz konkreter Menschen) abzuhüten?

Warum? Sagen wir so: Weil der Erkenntniswert von Empörung alleine sich in äusserst engen Grenzen hält. Und weil es zur Sache zwar viel zu tun, aber wenig zu sagen gibt:

Hier sind die Bedürftigen, dort sind die Ressourcen;

hier fehlt es an Nahrung und Medizin, dort liegt das Repräsentationsbudget des Sport-Staatssekretariates auf einem Konto;

hier frierende Kinder, dort Leerstand bei Spekulationsobjekten in beispielsweise 1010 Wien.

Das Runde muss in das Eckige.

So. Und da wir nun alles dieses geklärt haben...

    ***

... zurück zum angekündigten - und übrigens äusserst eifrigen - identitären Video-Blogger. Ich bin schon vor einiger Zeit auf seinen Youtube-Kanal gestossen; ich glaube, es war bei Hintergrundrecherche zu jenen Deppen, die im Herbst 2015 mal in Spielfeld aufgelaufen waren, mit rotweissroten Fahnen wachelnd, und "das Volk" sein zu wollen sich nicht entblödet hatten.

Seitdem habe ich immer wieder mal, wenn wir fad war, den Blick durch dieses so freundlich dargebotene Fenster in die heimattreue Psyche genutzt. Das wurde mir durchaus erleichtert durch den Umstand, dass der gute Mann, der da vloggt, es durchaus besser als wohl die meisten seiner Gesinnungsgenossen beherrscht, ganze Sätze zu formulieren, die (mir) keine körperlichen Schmerzen verursachen. Auch erscheint er nicht schon auf den ersten Blick als sich zu kurz gekommen dünkender Unsympath, der "Standpunkte" hauptsächlich zur besseren Abfuhr aufgestauter Frustrationen vertritt, sodass es ihm auf Widerspruchsfreiheit o.ä. nicht ankäme - im Gegenteil: Es lassen sich Beispiele dafür finden, dass unser Vlogger ehrlich darum bemüht ist, zu korrekten Analysen zu gelangen, und auch bereit, unhaltbar gewordene Standpunkte aufzugeben - dass er also durchaus nicht unwillig zu je besserer Einsicht ist, sondern bloß äh verhindert (Wo sich dann wieder die alte Nature-vs-Nurture-Diskussion dran anschließen ließe ...).

Es gibt da also diesen Youtube-Kanal, der allermenschenfeindlichste Inhalte in einer zivilen und zivilisierten Weise verbreitet ... Etwa in jenem lustigen Video, wo unser Vlogger seinen Abonnentinnen über knapp eine Stunde haarklein erklärt, warum das mit der jüdischen Weltverschwörung vermutlich nicht stimmt (das selbe Video allerdings, in dem er auch einräumt, zu 9/11 "noch keine gefestigte Haltung" zu haben). Der Kanal erheitert mich gelegentlich; wenn nicht, löst er zumindest Angstlust aus.

Es war nun in der Frühgeschichte dieses Youtube-Kanals, da ich küngst auf ein bemerkenswertes Stück unschuldig(!)-rechtsextremer Formulierkunst stieß. Dieses mit den geneigten LeserInnen von KiG! zu teilen, ist die Hauptfunktion der vorliegenden Jänner-Kolumne.

Das Video, dem das Folgende entnommen ist, stammt noch aus dem Jahr 2013 und hatte die Frage zum Thema: "Sind Identitäre Rassisten?" - Unser Vlogger bemüht sich darin redlich, Rassismus über dessen hierarchisierendes Element zu definieren. An dem prinzipiellen Vorhandensein von "Phänotyp"(!), "Kultur", "Ethnie" als Faktor für wasauchimmer brauchte er nicht zu rühren - ein Manöver, das so bekannt wie doof ist; wir dürfen froh sein, dass der Kollege nicht ausbuchstabiert, was er meint ("Neger haben eben mehr Rhythmus im Blut als 'wir'..." und so). Das Video enthält unter anderem das folgende Bekenntnis zur ethnischen Vielfalt, zum großen gleichberechtigten Nebeneinander (Hervorhebungen von mir):

Wir wollen die Vielfalt der Völker erhalten wissen. Wir sehen in ihr den Schatz der Welt und wir sagen: Jedes Volk hat seinen eigenen Wert, seine eigene Welt in sich, und die Völker existieren nebeneinander, können miteinander kommunizieren, miteinander reden, auch miteinander in Differenzen geraten, wie das nun einmal ist bei freien, verschiedenen Wesenheiten.

Wir halten inne und nehmen zur Kenntnis: Völker sind "Wesenheiten" und reden miteinander. Wow. Wie wir uns das vorzustellen haben, bleibt unklar, aber: Es geht eh schon weiter:

Und es gibt keine Hierarchie. Sie stehen nicht übereinander/untereinander, und deswegen kann man einen Menschen einfach nicht abwerten, wenn er zu einem anderen Volk [oder] einer Kultur gehört.
 
Dies ist die Stelle, an der man den verkappten Menschenfreund zaghaft aus der Charaktermaske des  Erzreaktionären hervorlugen sieht ("Tschuschen sind anders, aber das macht ja nix"); gern hofft man (und weiss um die Vergeblichkeit), dass besonders hierin seine Freunde und Kollegen unserem Vlogger zuhören ...

Im Gegenteil: Innerhalb bestimmter Völker und Kulturen gibt es überall Arschlöcher und ordentliche Leute. Da gibt es überall die eigenen Helden und Heiligen, und [es gibt] ihre Verbrecher; und es war auch schon immer so, dass sich die guten Menschen, und die ehrenhaften Menschen von verschiedenen Kulturen untereinander respektiert haben. Wie zwei Krieger, die sich am Schlachtfeld respektiert haben für ihre Tapferkeit, oder [wie] zwei Könige, die sich im Saal getroffen haben; oder zwei Händler aus verschiedenen Ländern, die dann irgendwo in einer Postschenke gemeinsam ein Bier gekippt haben.

Die Rede von den "Kriegern", die sich "am Schlachtfeld für ihre Tapferkeit respektiert haben" sollen, legt uns nun nahe, wie wir uns dieses "Reden der Völker miteinander" von weiter oben vorzustellen haben ... Die Beispiele für "ehrenhafte Menschen" (Krieger, Händler, Könige!) lassen uns ausserdem mutmaßen, dass das zitierte Video zu einem Zeitpunkt gemacht wurde, da noch niemand den Vlogger über den substanziellen Unterschied zwischen der (a) Wirklichkeit und (b) "Lord of the Rings" aufgeklärt hat.

Sollte dies in der Zwischenzeit noch immer nicht geschehen sein, empfehle ich als Meditationsgrundlage für ihn und für uns ein anderes Video, das sich auf Youtube findet. Öffenen Sie also, werteR LeserIn, ihren Geist und lassen Sie sich zum Abschluss dieser KiG!-Kolumne auf 32 nützliche Sekunden mit Woody Allen ein:

https://www.youtube.com/watch?v=ptxkVhDYog8



    ***

Links:

Ausreisser 01/2016 - http://ausreisser.mur.at/ausgaben/67-6-2015
Vlog Identitär 03 ("Sind Identitäre Rassisten?") - https://www.youtube.com/watch?v=HskhznVkBfg
Woody Allen on how to handle Nazis - https://www.youtube.com/watch?v=ptxkVhDYog8

    ***

Bild:

Link: https://goo.gl/5rw93y
Rechte: CC BY-SA 3.0, uploaded by Ataraxis1492...




[Kolumne/S.Schmitzer/18.01.2016]







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    Kolumne - S.Schmitzer


    03.10.2017 gesamtsituation: tausend jahre fuffziger.

    30.05.2017 Mehr Beton!

    27.04.2017 Fronkreisch! Fronkreisch!

    23.03.2017 Autorität und Kleinganoventum. Eine Übersicht

    08.02.2017 Wahl und Kraftwerk und so weiter

    28.10.2016 Das Ding mit Marcellus Wallace's Soul

    19.08.2016 Zur Ehrenrettung der zweiten Staffel von "True Detective”

    06.07.2016 Richtig echt blöd

    02.05.2016 Ein Sendschreiben ins Jenseits

    23.03.2016 MACHT MEDIEN!

    18.01.2016 Pläpotenz, Identität und tapfere Krieger

    16.11.2015 "Unique Selling Position"

    09.10.2015 Und wieder mal: Das Wort zum Strache

    01.09.2015 Racism or not? Insufficient data.

    22.05.2015 Expropriieren! Expropriieren!

    09.03.2015 Was ist da los?

    19.01.2015 Lob des Grauens

    09.04.2014 Schon wieder ein Text vom Schmitzer über die Öffis

    10.03.2014 Ein Wunschkonzert für klingende Schienen

    31.10.2013 Wie man es machen soll. Ein Text zum Abfeiern des tortuga-zine.

    12.09.2013 Eine Werbedurchsage, durchaus ernstgemeint, zu Gunsten von ICORN

    30.07.2013 Vom Gesindel

    10.07.2013 Steireranzug-Blues

    13.06.2013 Der ORF und die Alchemie

    23.01.2013 Sheriff Mario reitet!

    20.12.2012 Survivor's Guilt und T(r)ollwut

    12.11.2012 Ponies, Kröten, Katastrophen

    09.10.2012 Heisse Luft und Nächstenliebe

    31.07.2012 Vom Atmosphärischen

    12.06.2012 Ein schwarz-grüner Geschenkvorschlag

    17.05.2012 Diskussions-Kultur

    02.04.2012 Notizen über ein paar neue Formate und ihre Implikationen

    08.02.2012 Notizen über ein paar neue Formate und ihre Implikationen

    12.12.2011 Notizen über ein paar neue Formate und ihre Implikationen

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