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Racism or not? Insufficient data.

Die Ausgangssituation: Die Liebste ist im städtischen Freibad unseres Vertrauens ums Eck. Da es ihr an Bargeld mangelt,um sich ein Schleckeis zu kaufen, und dem Bad an einem Bankomaten, ruft sie mich an: Ob ich nicht g'schwind mit den ein zwei Euros, die ihr fehlen, an der Kassa vorbeischneien könnte... Ich könnte. Münzen zusammengesucht, rudimentär öffentlichkeitstauglich angezogen, raus... Komisch: Da steht ein Polizeiauto vor dem Bad. Also: Nicht gänzlich unerhört, denn die Damen und Herren, die in unserer Gegend Streife fahren, holen sich ja gelegentlich ihre Brotzeit in der Pizzeria, die im selben Gebäude untergebracht ist wie das Bad. Aber irgendwie passt die Uhrzeit nicht. Mal sehen. Wird schon nichts Gröberes sein.
An der Kassa ist, neben der üblichen Schlange Badewilliger, ein Auflauf: Ein Polizeibeamter und drei Badegäste -eine Mutter mit zwei Kindern - sind diesseits des Drehkreuzes intensiv ins Gespräch vertieft, jenseits davon stehen diverse interessierte Personen mit weit aufgesperrten Ohren. Ein wenig abseits scheint eine Familie - oder zumindest vier Leute unterschiedlichen Alters, die so ausschauen, als gehörtensie zusammen - in Straßenkleidung auf irgendetwas zu warten. Von meiner Liebsten ist noch keine Spur. Ich habe also nichts zu tun als herumzustehen und meinerseits zu warten, und die Aufgabenstellung lautet: Dabei möglichst niemandem im Wege stehen - es ist für Leute, die durch das Drehkreuz rauswollen, eh schon kaum Platz auf dieser Seite.
Nun komme ich nicht umhin, ein wenig mitzuhören, was die Dame sagt, die da mit dem Beamten redet, auch wenn ich kaum schlau daraus werde: Es geht anscheinend um Handyfotos, oder Fotohandys. Sie sagt auch, man gehe ja schließlich nicht ins Freibad "um dann seine Kindermn auf Schritt und Tritt überwachen zu müssen". Ich unterdrücke den Impuls, nachzufragen: Nicht alles, wovon ich Bruchstücke mitbekomme, geht mich was an. Inzwischen sind zwei weitere BeamtInnen eingetroffen und wenden sich mit gezückten Notizblöcken und firmer Körpersprache den abseits Wartenden zu.
Nun aufs Neue meine Neugier zu unterdrücken - sie ergeben einfach kein rasch verständliches Ganzes, die einzelnen Teile der Szenerie, wie sie sich darbieten - wird mir erleichtert, als die Freundin eintrifft: Es gab ja einen Grund, dass ich hier bin. Ein Kuss über die Absperrung hin, die den Gang teilt, wird erschwert durch mein Bedürfnis, niemandem sonst - vor allem nicht den PolizistInnen - in die Aura zu steigen. Ich übergebe der besten aller Frauen die zwei heißen Euros, derentwegen ich gerufen wurde, und sie entschwindet wieder, wohl Richtung Eisausgabestelle. Was hier los ist, von wegen Polizei et cetera, wusste sie mir auch nicht zu sagen.Ich empfinde kurz und stechend Eifersucht auf das Produkt der Firma Eskimo, an dem sie vermutlich bald herumknabbern wird, und wende mich zum Gehen.
Aber leider - kaum einen Moment später wird sie dann doch meiner Herr, die Neugier: Die vier, die da abseits stehen - jetzt sehe ich genauer hin: ein etwa fünfzigjähriger Mann mit Kleinkind im Arm, zwei halbwüchsige Burschen - sie haben offenbar irgendetwas getan, was die Mutter-mit-zwei-Kindern veranlasst hat, die Polizei zu rufen; etwas, das genug Aufsehen verursacht hat, Schaulustige oder ihrerseits Betroffene an die Absperrung zu bringen. Bloß: Wenn es sich um so etwas wie Diebstahl gehandelt haben würde, oder um eine eindeutige Handgreiflichkeit, dann wären die doch schon über alle Berge, oder? Und würden nicht geduldig das Eintreffen zweier weiterer Beamten abgewartet haben? Aber was weiß ich schon? Was will ich wissen? Will ich´s wissen?
Ich mache nach zwei Schritten kehrt, zurück an die Absperrung, suche mir die Person jenseits davon heraus, die am Interessiertesten an den Lippen des Polizisten bei der Mutter-mit-zwei-Kindern hängt - eine Dame um die fünfundvierzig - und frage sie: "Sagen Sie, was issn da los?" Die Antwort, die ich erhalte, ist ungefähr:
Dass die "jugendlichenOrientalen" - ein Seitenblick macht sicher, ja, die zwei Burschen und ihr mutmaßlicher Vater oder Onkel da drüben haben vage dunklere Hautfarbe als meine Gesprächspartnerin und ich, gerade an der Grenze zwischen "tief braungebrannter sogenannter Kaukasier" und dem, was Facebook-Freunde von HC Strache wohl eigentlich meinen, wenn sie "Ausländer" sagen - dass also die "jugendlichen Orientalen" da drüben mit ihren Handys aufs Aufdringlichste Mädchen fotografiert hätten, und dann laut lachend und sich lustig machend durch die Bilder auf ihrem Display geblättert hätten. Meine Auskunftsperson, anscheinend selbst für soeben badende Kinder verantwortlich, ahmt die Wischbewegung nach, mit der man auf Touchscreens durch Fotosammlungen blättert.Sie habe das selbst vorhin beobachtet und dem Badewaschl bescheid gegeben. Wer nun die Polizei gerufen hat - sie selbst, der Bademeister oder die Mutter-mit-zwei-Kindern, die hier heraußen mit dem einen Polizisten redet - kann ich nicht mehr fragen. Die Dame hat sich abgewendet, spricht mit jemand anderem. Die Polizeibeamtin jedenfalls, die gerade mit den beiden Jugendlichen redet, fragt eindringlich: Warum sie diese Mädchen fotografiert hätten? Schulterzucken. Und sagt ihnen: Das ist nicht ok. Wiederholt sich: Nicht ok. Nun gehe ich. Und bin doch weiterhin verwirrt.

Hmmm. Drei Möglichkeiten:
(a) Es liegt handelsübliche Pubertierendendummheit vor - "Lass uns die bikinibedeckten Hintern von wildfremden Badegästen fotografieren und dabei laut Scheiße reden!" "Au ja, klingt gut!". In einem solchen Fall gleich die Polizei zu rufen, statt hinzugehen und die Burschen zur Rede zu stellen, ist vielleicht übertrieben, aber der Grundimpuls der Betroffenen einsehbar.

(b) Eine unerfreulichere Form des Eindringens in die Privatsphäre anderer Badegäste hat stattgefunden, eine, die die Grenze zur sexuellen Belästigung, evtl. gar Minderjähriger, eindeutig überschreitet. Erneut: Was weiß ich schon? Ich war nicht dabei.

(c) Die Jungs haben bloß Fotos voneinander, oder von ihren Leuten, gemacht, und die Pöpsche der fremden Kinder waren da bloß zufällig auch drauf. Und weil sie halt zu laut waren, und ihre Körper ohnehin schon eine bedrohlich äh migrantische Hautfarbe aufwiesen, kam niemand auf die Idee, mit ihnen zu reden - "Wer weiß, wie die reagieren? Besser die Kiberer rufen." Und so stehen sich dann  indigniert "weiße" und "weniger weiße" Familien gegenüber, dazwischen Polizei, und der Kronenzeitungsredakteur im Hinterkopf eines Teils der PassantInnen denkt sich: Sieh an. Wo Rauch ist, muss auch Feuer sein. Super.
Was mich nervt, ist, dass ich überhaupt drüber nachdenken musste, ob es mich was angeht. Es sollte mich nämlich nichts angehen. Aber leider ist - dank zahlreicher Fälle in den letzten Jahren -
durchaus nicht geklärt, ob ich mich angesichts der geschilderten drei Möglichkeiten darauf verlassen darf, dass die p.t. Staatsgewalt diese auch in angemessener Weise prüft. Ob, mit einem Wort, nicht vielleicht unterschiedliche Regeln für unterschiedlich pigmentierte Badegäste gelten.
Kann durchaus sein, dass das hier überhaupt nicht der Fall war. Mehr noch: Höchst wahrscheinlich ist im beschriebenen Fall alles mit rechten Dingen zugegangen. Muss aber nicht. Und dieses "muss aber nicht" erodiert das Vertrauen in die staatlichen Strukturen. Es befördert Paranoia auch bei jenen, die sich nicht verhetzen lassen wollen; bei jenen, die nicht jede Situation als Einladung zur Parteinahme nach dem Muster "Wir-gegen-Die" verstehen möchten, ob "Die" nun "die Ausländer" oder "die Kiberer" sind, "die Gstopftn"oder "die Sozialschmarotzer".
Innenministerin Mikl-Leitner hat derzeit weiß Gott genug um die Ohren. Trotzdem fällt es in ihre Verantwortung und ist ihr dringend abzuverlangen, das verlorene Vertrauen in die verlässliche
Korrektheit und vor allem in die Hautfarbenblindheit unserer Exekutive wieder herzustellen. Damit nicht selbst noch in so harmlosen Alltagsepisoden wie der eben Geschilderten die Spaltung der Gesellschaft sich verschlimmert.


PS: Spannende Story mit Tangente zum Thema:
http://www.salon.com/2015/08/26/guilty_of_being_black_in_a_white_world_the_ludicrous_reason_these_women_were_thrown_off_of_a_train_last_weekend/

(c) Bild: Creative Commons





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[Artikel/S.Schmitzer/01.09.2015]







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