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Survivor's Guilt und T(r)ollwut

Vor einigen Wochen ging im Rahmen der „Tagung der Ḱommune“ im Forum Stadtpark eine Lesung mit Vollgallopp und Ansage in die Binsen. Die symbolische Ordnung, die Lesungen zu Eigen ist - Leute auf der Bühne lesen was vor, andere Leute sitzen im Publikum und halten so lange die Goschn, bis die Veranstaltung zu Ende ist - wurde von ein paar Trollen gestört. So weit, so wenig ungewöhnlich: Gerade, wenn Literatur, wie das im Forum so erfreulich oft der Fall ist, im Text symbolische Hierachien angreift oder dekonstruiert, stösst sie öfter mal an das Paradoxon, dass sie selber nur vermittels einer besonders rigiden Hierarchie konsumierbar ist (s.o. - hier vorlesen, da Goschn halten). Das schaut dann für Ang'soffene mit der „richtigen“ Grundeinstellung aus wie eine Angriffsfläche, und das Bedürfnis, diese auszutesten und die Inszenierung zu stören, bringt das Trollblut in Wallung. Unter „normalen“ Bedingungen pflegt das der Moment zu sein, wo die Büttel der Unterdrückung, quatsch, die Haustechniker oder Veranstalter oder einzelne Gäste, einschreiten und die Kulturrevolutionäre, quatsch, Verhaltensauffälligen rausschmeissen.


Doch das Format der „Tagung der Kommune“ ließ so etwas nicht zu: Denn diese Tagung war im Kern ein Experiment, bei dem über ein paar Tage „Kommunen“-Bedingungen für Personal, KünstlerInnen und Publikum simuliert wurden. Da wohnte und aß „die Multitude“ gemeinsam im Forum, diskutierte auftretende Probleme ausgiebig durch und verhandelte in den dargebotenen Arbeiten die Herschreibung zeitgenössischer Kunst aus dem utopischen Denken der '68er-Tradition und ihrer Vorfahren. In Zusammenhang mit diesem - spannenden - Unterfangen war es halt nicht wirklich möglich, dem Selbstdarstellungsbedürfnis einzelner BesucherInnen ernstlich was entgegenzusetzen. Was begonnen hatte als angenehm lebendige „Lesung mit Fußballplatzatmosphäre“, artete aus und musste kurz vor Schluss abgebrochen werden. Dass man allseits „in der Rolle“ blieb und die Bedingungen des Versuchs aufrechterhielt, auch als er fürs Tagesgeschäft störend wurde, ist durchaus zu loben: Auf die Auswertung dazu von Seiten der Forumcrew, sagen wir auf ein „Bilanzbuch der Kommune“ oder so, und darauf, was in ihm etwa über das Verhältnis von Kunst zu Utopie zu „echtem Leben“ stehen könnte, darf gespannt gewartet werden...


Hingegen nicht in die Binsen ging eine andere Lesung der letzten Wochen, an einem anderen Schauplatz (Museumsquartier Wien, „Dschungel“), an der ich als Autor teilzunehmen das Vergnügen hatte (full disclosure und all das...). Vor überraschend voll besetzten Rängen durften sich sieben, oder waren's acht, AutorInnen an der Aufgabenstellung abarbeiten, Textperformance zu liefern, gern auch multimedial, unter dem Titel „Lockstoff“ und auf Einladung der Zeitschrift „podium“. Und Textperformance war, was geboten wurde. Von einem allfälligen Troll in den Rängen war nichts zu hören, weil, siehe wieder oben: Die Hierarchien zwischen Bühne und Auditorium waren klar und wurden nicht im Entferntesten thematisiert. Angriffsfläche in dieser Hinsicht gabs nicht. Bloß, dass dem Teilnehmer, der ich war, dieses Wort im Hirn stecken blieb wie eine Gräte im Hals, obwohls ihn selber, und nicht schlecht, beschrieb: „Textperformance“...


***


... Warum die Gegenüberstellung zweier Lesungen, zum (eh bloß scheinbaren - s.u.) Nachteil einer der beiden? - Weil sich an ihnen was deutlich machen lässt, das mich schon länger beschäftigt, und was mir beileibe nicht nur im Gehege der Textkunst unterkommt. Nämlich: Wie sich gerade das als Schwachstelle erweist, was die längste Zeit per gesamtgesellschaftlichem Konsens als Stolz, als bestes Verkaufsargument und Daseinsberechtigung des „alternativen“ Kulturbetriebs festgeschrieben war - das Primat der Theorie und des Konzeptuellen über die „Griffigkeit“ des faktisch Gebotenen. (Gut, wenn's griffig UND konzeptuell stimmig ist; aber im Zweifelsfall...) Und wie sich andererseits just der „populistische“ Ansatz - „jetzt bloß mal nicht zuviel in Frage stellen, sondern einfach unser Ding machen“ - viel tragfähiger zeigt. Freilich wurde auch auf der „Dschungel“-Bühne das Medium kritisert, aber von der ganz anderen Seite: Bloß vorlesen? Wie Neunziger!


Mit anderen Worten: Mir fiel das wieder einmal auf, wie sich so oder so der Betrieb seiner Medien nicht mehr sicher ist.


Nun wird die hypothetische Leserin, aus dramatischen Gründen zum Zurückreden im Artikel ermächtigt, einwerfen: „Das sind ja nur zwei willkürklich herausgegriffene Veranstaltungen! Wo sonst beobachtest Du derlei? Die bürgerliche Hochkultur in Oper, Staatstheater und Kunsthaus macht weiterhin, was sie immer schon machte - raunzen auf hohem Nivaeu, in den Zwischentönen der 'Rienzi'-Inszenierung u.dgl. Die Literaturhäuser füllen sich verlässlich, wenn der Ransmayer oder der Setz liest; und wenn im Stockwerk Fatima Spa spielt, freut sich auch alles am Medium 'Jazzmusik'.“


Liebe hypothetische Leserin: Diese Suchbewegung, die mir da auffällt, betrifft ein bestimmtes Segment des Betriebspersonals. Diejenigen, die aufgrund der Natur ihrer Hervorbringungen im „freien Markt“ zurecht keine Perspektive für sich sehen (sprich: Realistisch keine Zigtausender-Auflagen zusammenbringen werden), und die sich deshalb im „geförderten“ Betrieb bewegen, ja? Die dort aber unter dem Eindruck des Sparens an allen Ecken und Enden stehen, auch des schwindenden Privatsponsoren-Interesses fürs Sperrige bei gleichzeitigem Rückgang der zur Verfügung gestellten Steuergelder fürs nicht-restlos-Repräsentative... Diejenigen KünstlerInnen, KuratorInnen und Vereine, die unter dem Eindurck derartig schwindender Ressourcen in der je jüngsten Kuchenstück-Zuteilungsrunde doch noch ein bisserl was abbekommen haben und, bei wachsender Selbstausbeutung, gerade noch nicht den Weg zum Sozialamt oder in die Werbeagentur beschreiten müssen - von denen rede ich. Und von deren Survivor's Guilt (schlag nach bei Canetti): Der Frage: „Warum sind gerade wir noch hier?“


Nun wird die Leserin, zunehmend lästig (grade noch nicht trollwütig), wiederum was kontern: „Aber Schmitzer, das ist doch nichts Neues, das war schon immer so! Die ganz Erfolgreichen und die, denen's ohnehin wurscht ist, weil sie im Hauptberuf Pommes-Rot-Weiss über die Theken reichen, machen unhinterfragt, was sie halt machen; aber die, die strampeln müssen, müssen sich auch mit der Natur des Mediums auseinandersetzen. Es hinterfragen usw.“


Nun, Leserin, wenn Du schon fragst... Nein. War nicht „schon immer so“. Zumindest so nicht. Was ich zu beobachten glaube - was ich tatsächlich, dem 3D-Bild-hinterm-Bild gleich, nicht mehr nicht sehen kann, wenn ich mir irgendwas anschauen gehe, das die KollegInnenschaft so macht - ist ein schleichender, unausgesprochener, vorbewusster Konsens unter den ProduzentInnen, dass es „so“, unter den herrschenden Produktionsbedingungen, schon längst nicht mehr weitergeht. Ein Konsens, der dann in die Arbeiten hineinprojiziert wird und sich als ästhetische, oder theoretische, oder inhaltliche Eigenheit äussert.


Worum es „eigentlich“ geht, ist die Suche nach Strategien, um in diesem sich verändernden Feld weiter bestehen zu dürfen: Es ist nicht mehr „eh klar“, dass auch in fünf Jahren noch genug Fördergelder den „freien“ Kulturbetrieb in Österreich aufrecht erhalten werden; gleichzeitig ist noch nicht klar, auf welcher Art von „freiem Markt“ mittel- bis langfristig der sogenannte Kulturbetrieb als Ganzer sich abspielen wird. Die Frage lautet also: „Was haben wir richtig gemacht, dass wir noch hier sind? Und was müssen wir tun, um auch in fünf Jahren, oder zehn, noch hier zu sein?“ Die „Tagung der Kommune“ im Forum versuchte eine Antwort zu geben („Die utopische Tradition, in der wir stehen, nochmal auf Stichhaltigkeit abklopfen“); die „Dschungel“-Lesung, von der die Rede war, repräsentierte „unabsichtlich“ eine andere („Neue Geschmacksnischen besetzen - von Tocotronic lernen heisst siegen lernen!“); und so gut wie jede Veranstaltung, Ausstellung, Lesung des „mittleren Segments“, die ich in den letzten zwei Jahren zur Kenntnis nehmen durfte, tendierte in eine dieser beiden Richtungen.


***


Das Vorhandensein eines recht grossen Segments im Kulturbetrieb, das dem eigenen Selbstverständnis nach anderen Gesetzen als denen des Marktes gehorcht, ist eine der historischen Eigenheiten Österreichs, und ist ihrer nicht die schlechteste. Da die Bedingungen des „Gesellschaftsvertrags“ sich ändern (Plünderung des öffentlichen Sektors jadda jadda), kann es sein, dass dieses Selbstverständnis zum Hemmschuh wird, wenn es drum geht, sich mit den wirklichen Bedingungen künstlerisch auseinanderzusetzen, denen eben nicht nur die KünstlerInnen auf diesem allumfassenden Markt ausgesetzt sind.


Allen ernstes verkäufliche Produkte herzustellen und auf integre Weise zum Diskurs beizutragen, muss kein Widerspruch sein. Aber wie das ginge, müssen wir wohl alle erst lernen. Fröhliche Weihnachten zusammen.


Bildrechte:

Gil lizensiert unter der Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic

Originalbild:   http://en.wikipedia.org/wiki/File:Troll_Warning.jpg

 




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[Kolumne/S.Schmitzer/20.12.2012]







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