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Schnee von Gestern III - Der Grasserstrasser

Schnee von Gestern III

In quixotischer Weise gegen das Wüten der Zwänge des "24-hour-news-cycle" gerichtet, erinnert "Schnee von Gestern" an innenpolitische Skandale und Blödheiten von vor ein-zwei Jahren, die ebenso konsequenzlos aus dem Content der Tagespresse verschwunden die atmosphärisch weiterhin wirksam sind. Diesmal:

Der Grasserstrasser

Es war einmal eine Zeit, da lag ganz Österreich unterm Schatten des Mascherls. Selbst noch, als Wolfgang "die Stilikone" Schüssel zur Krawatte zu greifen begann, um diese  hundsgemeinen Anti-Mascherl-Buttons an den Revers ausländischer Regierungschefs besser ignorieren zu können - wie wir uns mit dem feinen Schmunzeln der historischen Verlierer erinnern - blieb das Mascherl um seinen schmalen Hals ikonisch (wohl wegen dieser Andeutung eines Kruckenkreuzes...). Es war also einmal diese ganz spezielle Zeit, und manches sprach dafür, dass die Welt, mit Knieriems unsterblichen Worten, "auf kan Fall mehr lang lang lang lang lang" stehen werde.

Ich zum Beispiel

saß, jung und ahnungslos, am Tag der Regierungsbildung Schüssel I in einer WG-Küche und besprach mit einem Freund die Frage, wo die Barrikaden wohl aufgebaut werden würden, die wir im Zuge der nun ganz, ganz sicher kommenden, anhaltenden Strassenschlachten zwischen "uns" und der Polizei erwarteten (wobei wir uns unter "uns" so etwas vorstellten wie die größten Teile der StudentInnen-, ProfessorInnen- und ArbeiterInnenschaft, nebst Hügelhippies, Punks und Tschuschen). Wir kamen in diesen ersten Stunden und Tagen der Ära Mascherl gar nicht auf die Idee, dass die Öffentlichkeit, inklusive unserer geschätzten Peer-Group und eben auch inklusive uns selbst, die verdammte Krot einfach schlucken würde.

 Also nochmal:

Man schrieb 1999. Die Barbarei (wie in "Sozialismus oder...") stand unmittelbar bevor. Zumindest zwei mir bekannte Personen tätigten Hamsterkäufe (wegen allfälliger wochenlanger Generalstreiks). Die Welt der Mad-Max-Filme (insbesondere Teil III, "Jenseits der Donnerkuppel") schien uns, freilich unter dem Vorzeichen alpenländischen Klimas, gar nicht mehr sooo weit weg. Dass wir, als wir solches konstatierten, ein ungesund fasziniertes Leuchten in den Augen hatten, statt etwa entsetzt oder profund angeekelt zu sein, fiel uns, glaube ich, damals nicht richtig auf - das dauerte noch ein paar Jahre. 

Es erschließt

sich ja auch erst im Nachhinein die profunde Richtigkeit des eigenen Vorurteils, das man zwar damals schon hatte, dem man aber – um schulaufsatzmäßige Ausgewogenheit im eigenen Urteil bemüht - nicht so recht glauben wollte: Dass man es nämlich nicht einfach mit einem Haufen "Nationalliberaler", "Nationalkatholiken" und "Nationalkonservativer" in Regierungspositionen zu tun habe, also mit Personen, von denen doch angenommen werden konnte, sie würden aufgrund bestimmter Argumente und Gedankengänge handeln, wie sie handeln würden - unbeschadet der Jenseitigkeit, Blödheit oder Gemeinheit dieser Argumente und Gedankengänge.

Sondern: Mit

Figuren, deren Unschuld an ganz unterschiedlichen Verbrechen, die die Bereicherung an Staats- (also an unserem) Vermögen zum gemeinsamen Gegenstand hatten, heute quer durch Justizsystem und Presselandschaft vermutet wird. Mit Figuren also, die - im unwahrscheinlichen Fall der Unrichtigkeit der Unschuldsvermutung – den eigenen krypto-Rechtsextremismus, die eigene Brutalität und das zu ihr gehörige Machthaber-Darsteller-Charisma bloß zur Tarnung ihrer wahren, von Ideologie und Argument weitgehend unberührten Tätigkeiten einsetzten. Mit anderen Worten: Mit dem Personal von Bartertown und Umgebung aus Mad Max III.

Und wenn

Charisma das prä-apokalyptische real-life-Äquivalent zu roher Körperkraft im post-apkalyptischen Fantasyspektakel ist; die Kontrolle über die Polizei dagegen - als Machtbasis - das Äquivalent zur Kontrolle über die Energieversorgung Bartertowns (wir erinnern uns - Methan aus Schweinescheisse) - dann können wir zwar noch immer keine Haft- oder Durchsuchungsbefehle erwirken, aber statt dessen in befriedigender Weise den damaligen Finanz- und den damaligen Innenminister in ein  Erinnerungstraumbild zwingen, das so schief wie die Optik im Buwog-Skandal und mithin völlig angemessen ist: "Masterblaster" wird uns da zu "Grasserstrasser". Ätsch.

  Der

Innenminister, der das Alleinstellungsmerkmal beanspruchen kann, Österreich mit seiner Asylgesetznovelle sowie seinem besonders loyalen Polizeihäuptlingspflichten-Ausübungsstil zurück auf den Radar von Amnesty International geholt zu haben, und über dessen weitere Entwicklung als aufdeckungsfreudiger, weltgewandter EU-Parlamentarier wir an dieser Stelle

ebenso gern wie amüsiert schweigen; Ernst Strasser, auf dessen Konto neben andern lustigen Streichen auch die schon fast vergessene Polizeiuniformen-Reform geht (die Wiedereinführung des autoritätsgebietenden Stehkragens, unter ausdrücklicher Berufung auf die K.u.K.-Tradition); Ernst Strasser also als weit (nämlich nach Brüssel) blickender Zwerg auf den Schultern des Riesen...

 ...über den wir

jetzt ja wohl nichts mehr sagen müssen, oder? Was soll einem zu Grasser, dem "Blaster" nullbudgetären Charismas, noch einfallen? Ausser ihn und seinen "Master" in Gedanken fantastisch auszustaffieren, mit derselben Häme, die aufkommt, wenn man sich seinen Chef in Strapsen vorstellt o.dgl. (siehe oben - das feine Schmunzeln der historischen Verlierer)?

 In der

Kontemplation dieses Bildes  - "wir", so, wie wir uns "uns" mal früher vorstellten, "wir" also als Mad Max in der Donnerkuppel, der Grasserstrasser unsgegenüber, knapp vor dem Fall -  nochmal: In der Kontemplation dieses Bildes erst wird begreiflich, warum wir diese leuchtenden Augen tatsächlich hatte, als wir uns die Barbarei ausmalten, die da kommen würde, damals, 1999, und wie unglaublich blöd wir da waren. Den Grasserstrasser gab es, im Gegensatz zum Masterblaster, eine Zeitlang wirklich. Und das war nicht lustig.

©Media in Progress/facebook.com/zuschoen


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[Kolumne/S.Schmitzer/10.05.2011]







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