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Ponies, Kröten, Katastrophen


Gerhild Steinbuch und Jörg Albrecht lieferten im Rahmen des Steirischen Herbsts 2012 das geilste Stück Literaturperformance ab, das es in Graz gab, seit ich in Zuschauerräumen zu sitzen das (häufiger Miß- als) Vergnügen habe. Oder mindestens das zweitgeilste, je nachdem, wie gut mensch den Priessnitz-Abend der Perspektivler („44 Gedichte in 44 Schnäpsen“) von 2005 findet (da merkt man wieder, wie nützlich ein zentrales Filmarchiv der österreichischen Literaturveranstalter doch wäre)... Wurscht. Nochmal: Steinbuch, Albrecht, steirischer Herbst, Performance. Nämlich: „Friendship is. Eine Besichtigungstour durch Ponyville.“ Da ging es um die literarische Abbildung einer These zum Erfolg der Kinderfernsehserie „My little Pony. Friendship is Magic“ bei erwachsenen Männern.


Diese These: Die weissen, gebildeten, „poplinken“ Typen, die, in den späten 90ern herangewachsen, mithilfe von Ironie als zentralem Daseinsgestus die Dissonanz von „Ende der Geschichte“ und kritischem Bewusstsein übertauchen lernten, fanden sich in der Welt, die sie und ihre Computer erschaffen halfen, ziemlich aufg'schmissen. Ihre Ironie funzte nicht mehr, seit sie aufs Emsigste alles in ihrem Leben dem blanken Markt unterworfen hatten - und da jetzt nicht mehr so schnell rauskommen würden. Ein Identifikationsdings musste her, eine Soseinsdeutungsfolie, die nach Möglichkeit nicht an Restselbstwertgefühl (und daher: Rest-Ich-Marktwert) rührte. Und diese Fernsehserie für kleine Mädchen, in der es im Kern drum geht, dass es kein „Ich“ gibt jenseits der Peergroup, traf ganz genau den Nerv. Wie sich die Ponies von Ponyville positiv zu einander und zu einem Leben verhalten konnten, das in nichts als dem manisch-panischen Austarieren von sozialen Beziehungen zu bestehen schien, konnten das nun auch unsere postpoplinken Graphic-Designer und Kulturkolumnisten treiben. Was insofern gut für alle Beteiligten war, als man „eh keine Wahl zu haben“ sich from the get-go glaubhaft eingeredet hatte.


Vom Cutie-Mark zum Branding also - Princess Celestia statt Theodor Adorno. Come on, google them! Dass nun solches Bewusstsein zu Trennschärfeverlusten im Denken führt, oder sagen wir zur Bildung einer erstaunlich resistenten Tunnelwirklichkeit, das demonstriert der politische Arm des österreichischen Pony-Fantums: Die Piratenpartei.


Wir Piraten haben uns“, lässt dieselbe in einer Presseaussendung vom 10.10. wissen, „via Liquid Feedback für die Kulturwertmark ausgesprochen. Ihr zugrunde liegt der Gedanke, dass jeder Mensch selbst entscheidet welche Kunst für ihn einen Mehrwert darstellt. Großartige Künstler sollen bewusst gefördert werden. Wir appelieren an die vernünftigen Kräfte innerhalb der Grünen, sich nicht auf ihre 'Kulturflatrate' zu versteifen, sondern den richtigen Weg der gerechten Entlohnung aller Künstler mitzugehen.“ Aha. Und abgesehen von der putzigen Verkennung dessen, was das Wort „Mehrwert“ bedeutet - was ist das jetzt genau, die „Kulturwertmark“? - Der Chaos Computer Club beantwortet die Frage: „Zukünftig soll der Nutzer der Werke mit Hilfe des Kulturwertmark-Systems, einer Form des digitalen Micropayments, direkt bestimmen können, welche Kreativen wieviel Geld von ihm bekommen. Jeder Teilnehmer zahlt einen festen monatlichen Betrag ins System ein, den er dann in Form von Kulturwertmark an Künstler seiner Wahl vergeben kann.“


Wahrhaftig: Besser hätte es auch „Twilight Sparkle“ (das „intellektuelle“ Pony) nicht sagen können, in einer hypothetischen My-Little-Pony-Episode zum Thema „Digital-Rights-Management“ (die ich mir allerdings mit Freuden ausmale): Wert und -schöpfung ist da exklusiv als abhängige Variabel sozialen Netzwerkens angelegt. Sowas geht sich realistisch nur aus, wenn es niemanden mehr gibt, der nicht in Echtzeit Facebook-Likes oder dergleichen vergibt; wenn der flattr-account so ubiquitär geworden ist wie jetzt die e-Card; wenn alles, was mit der Produktion von Kunstundkultur zu tun hat (und zwar inklusive dem Werner-Schwab-Archiv einer- und den Zillertaler Schürzenjägern andererseits), sich neu als permanentes Marketing-Feedback zwischen KünstlerIn und Community konstituiert... Kurz: Was da vorliegt, ist ein Abrechnungssystem, maßgeschneidert just für jene postpolitische Machbarkeitsutopie, auf die sich wohl die Mehrheit der PiratInnen als Fernziel verständigen könnte. Maßgeschneidert also, und das kann den Piraten gar nicht oft genug ins facebook geschrieben werden, für eine Welt und eine Bevölkerung, die so noch nicht der Fall ist resp. herumläuft.


Dass es sich bei der Kulturwertmark um einen politischen Vorschlag aus dem hintersten Wolkenkuckucksheim handelt, ist allerdings noch nicht mal mein Problem damit. Handelte es sich bloß um eine aktuell unerreichbare, aber prinzipiell dem Menschheitsglück nützliche Phantasterei, so wäre sie zu hegen, zu pflegen und dem fortschrittlich gesinnten Personal als neue Perspektive anzubieten. Doch ach: So grauslich, so verfehlt, anmassend, patschert und nicht sachgerecht das bestehende Urheberrecht mit seinen aufgeblähten Verwertungsgesellschaften und seiner himmelschreienden Überbetonung der Vermittlungsinstanzen gegenüber den ProduzentInnen ist - in ihm als Contentproduzentin und -konsument unterwegs zu sein, ist immer noch erheblich angenehmer, als es das unter dem hypothetischen Diktat der Kulturwertmark wäre. Denn: Diese Probleme, die zu beheben sie ersonnen wurde - sie würden nur transformiert und verschlimmert.


Erschtns: Dieser Notwendigkeit, die das piratInnenseitig ventilierte Dings mit sich brächte - permanent als Gartenpfleger der eigene Online-Präsenz und Fan-Gemeinde sich zu betätigen - sind auch nicht alle ProduzentInnen von Content gewachsen. Was rasch genug zu einer neuen Klasse von VermittlerInnen führte, die im Kern nichts anderes als die Galerie- und Agenturagenten wären, wie wir sie eh schon kennen und äh ...tolerieren. Bloß ginge es halt diesmal um erfolgreiches Crowdfundiung o.ä. statt um Termine mit der Dame von 3sat.


Zweitens: Würde zwar die unverhältnismässige Marktmacht der Ausgeburten der Zwischenhandelshölle gebrochen, die in Verlagen, Galerien, Redaktionen, in Rechtsabteilungen und Verwertungsgesellschaften ihr Wesen treiben - doch am Prinzip „Markt“ selbst würde nichts geändert. Das würde gar verschärft, wenn es die (zugegeben, patscherten) staatlichen Eingriffe zugunsten von Repräsentationsquack nicht mehr gäbe.


Drittens: Und da kann der CCC noch so begeistert von „großartiger Kunst“ schreiben, die „gefördert werden soll“: Das selbe öde Mittelmaß, die selben Produkte-nach-Strickmuster würden gut, die selben experimentellen, schwierigen, probelmatischen Sachen schlecht wegkommen. Gut, einige neue Diskurs-Formate (Webcasts aller Art zuvorderst) hätten erstmals eine direkte Einnahmequelle... Aber das wars dann schon.


Was die Kulturwertmark also darstellt ist, kurz gesagt, ein Versuch, reale Probleme mithilfe von utopischen Mitteln zu beheben; und die in Frage stehende Utopie ist dann sogar noch eine, die ohne hinreichende Ahnung vom Wesen des Kapitalismus als des bestehenden Scheißdrecks ersonnen bzw. -sponnen wurde. Als würde der „freie Markt“ durch so ein paar antimonopolistische Maßnahmen irgend menschenfreundlicher.


Doch wie in Ponyville, so auch auf Erden: Wenn jenseits des sozialen Austauschs buchstäblich nichts mehr denkbar, vorstellbar, imaginierbar ist; wenn dieser Umstand unhintergehbar geworden ist, dass du deine Haut zu Markte tragen musst, und zwar nichts als Deine Haut und nirgendwohin als zu Markte - dann ist auch der allerintelligenteste, allerwohlmeinendste Versuch, „etwas zu ändern“, dazu verurteilt, eine Spielerei mit Oberflächenphänomenen zu bleiben.


Dass allerdings bei den Piraten viel guter Wille und viel Intelligenz durchaus versammelt ist, zweifle ich nicht an. Mit dem Urheberrecht haben sie sich schon mal das richtige Steckenpferd (oder halt -pony) ausgesucht, um irgendwann Mal zu einer soliden, nützlichen Partei zu werden. Nützlicher als zb die IG Autorinnen Autoren, die am besten gar nichts ändern und die Endkonsumenten unter Generalverdacht stellen will, sind sie in dieser Hinsicht allemal schon.


.....

http://www.steirischerherbst.at/2012/deutsch/kalender/kalender.php?eid=44#.UJEqyXbft0x

http://www.kulturserver-graz.at/kalender/event/640745821?

http://www.hubworld.com/my-little-pony/shows/friendship-is-magic

http://www.equestriadaily.com/

https://piratenpartei.at/piratenpartei-wehrt-sich-gegen-grune-totaluberwachung/

http://www.ccc.de/de/updates/2011/kulturwertmark

https://flattr.com/



...




[Kolumne/S.Schmitzer/12.11.2012]







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