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Dünne Luft

Reinhold Messner war so lange in den Bergen bei verdammt dünner Luft unterwegs, dass er allerhand gesehen hat, unter anderem Schneemenschen. Die Berge waren sehr hoch, muss zu seiner Verteidigung ergänzt werden. Er hat bestimmt noch ein paar andere lustige Dinge gesehen, nur hat er uns wohl das meiste davon nicht erzählt. Viele haben geschmunzelt über diese Begegnungen, die da erzählt wurden, er hat damit wohl Geld verdient - das soll sein, sind doch Geschichten über Schneemenschen eher unschädlich und harmlos. Und lustig sind sie allemal. Man kann ihm nicht einmal vorwerfen, keine Beweise mitgebracht zu haben. Zu jener Zeit waren die Leute noch nicht mit Smartphones und Helmkameras unterwegs. Da wurden aus Wanderungen und Urlauben noch Legenden.

Heute wird jeder Winkel ausgeleuchtet und aufgenommen. Vom Urlaub werden keine schwärmerischen Erzählungen mehr mitgebracht, weil viele gar nicht selbst so richtig am eigenen Urlaub teilnehmen, sondern das, was der Urlaub sein sollte, permanent selfieren, posten, liken, die Retourlikes liken und teilen und bestimmt ganz viele andere Selfies auch liken und teilen müssen, die ihnen von den armen Freundinnen und Freunden geschickt werden, die schon im Urlaub waren oder erst drankommen. Josef Hader hat in einem Kabarettprogramm die Jagdtätigkeit seines Großvaters folgend beschrieben: Der Opa war ein leidenschaftlicher Jäger. In den 30er Jahren haben ihm die Nazis das Jagdrecht entzogen. Dann hat er gewildert. Nach dem Krieg hat er wieder jagen dürfen. Aber gemacht hat er immer das selbe. Ähnlich verhält es sich mit Smartphones: Es wird im Alltag selfiert, gepostet, geliket und geteilt. Im Urlaub gibt es dann genug Zeit für Selfies, endlich, und nach dem Urlaub rutscht es sich mit Selfies, betitelt mit "schön wars" oder "leider schon vorbei" wieder zurück in den Alltag. Gemacht wurde aber immer und überall das Gleiche. Und das Eigentliche geht verloren. Die Geschichten gehen verloren.

Gibt es also keinen Platz mehr für Legenden? Keine sagenumwobenen Erinnerungen? Keine mystischen Erscheinungen? Doch! Die gibt es! Im Hier und Jetzt! Unser schönes Land Österreich scheint insgesamt so hoch zu liegen, dass die Luft sogar im Wiener Becken so dünn ist, dass aufgrund des Sauerstoffmangels die Leute halluzinieren. Ich erinnere mich aber auch, dass in den USA die Luft in Meeresnähe und also ganz und gar nicht hoch gelegen so dünn gewesen sein muss, dass ein Mann, der eine Funktion in irgendeiner politischen Partei innehat, per Twitter in die Welt und mit vorrangigem Ziel wahrscheinlich Österreich hinausschrieb: "Make America great again!" Wahrscheinlich hat ihm niemand verraten, dass diese Nachricht auch so schon in Europa angekommen ist - vielleicht war es aber auch nur der Freudentaumel, dass ein Prachtkerl gerade eine Wahl gewonnen hat. Jedenfalls entwich in den unendlichen Weiten des Wiener Beckens ein Stück Papier irgendwelchen Räumlichkeiten, wo die Interpretation der Realität faszinierenden Gesetzen unterworfen sein muss. Ich will dort einmal hin. Dieses Stück Papier lässt die Vermutung zu, dass oben genannter Fan des amerikanischen Präsidenten irgendwie damit zu tun haben könnte. Es wird auf diesem Papier, das man auf den ersten Blick für ein sowjetisches Propagandawerk halten könnte, ein österreichischer Pizzazusteller gezeigt, rechts darunter Hammer und Sichel, Titeloberseite: "ROT-GRÜN", Titelunterseite: "MANIFEST". Die Farben sind aber rot und schwarz und beige. Aha. Was will uns, und wer vor allem, damit sagen?

Der Nebel lichtet sich ein wenig, als ich in verschiedenen Medien mich auf die Suche mache, was das alles bedeuten könnte. Es ist eine Warnung! Bestätigt wird meine vorsichtige Ahnung, dass zumindest ein Kollege von dem Mann, der amerikanische Wahlkampftätigkeiten offenbar schon mehrmals vor Ort unter die Lupe genommen hat, mit dieser Geschichte zu tun hat. Es wird aus dieser Broschüre in den Medien zitiert. Daraus ließe sich schließen, dass die Alpenfestung kurz vor einer kommunistischen Machtübernahme steht. Das heißt gleichzeitig, dass sich viele von den Leuten, die offenbar in manischer Torschlusspanik in den Gewölben ihrer weltverschwörerischen Gesinnungskeller ein Papier zur Aufklärung der Nation in die Welt hinausgesendet haben, die tatsächliche Befürchtung haben, das Land könne einem plötzlichen Linksruck anheimfallen. Sie fühlen sich nicht ausreichend rechts der Mitte geerdet.

Wie gesagt, möchte ich wirklich gerne diese Räumlichkeiten einmal betreten, aber mit jemandem, der mich mit seiner eigenen Sauerstoffflasche begleitet, so wie man einen Ausflug mit Lysergsäurediethylamid im Kopf niemals ganz allein machen, sondern immer jemanden als Beobachter dabeihaben sollte. Mich würde interessieren, wie dort die tatsächliche Lage der Nation und der Welt insgesamt durch chemische Reaktionen in eine Wolke verwandelt wird, die solche Ängste auslösen kann. Dass diese Transformation von Information Treibstoff werden kann, um, wie soll ich es nennen, einen Zustand herzustellen, den Lukas Resetarits vor vielen Jahren so beschrieben hat: Mit einem schwarzen Kruschperl auf der braunen Panier.

Grundsätzlich ist es begrüßenswert, wenn Mythen und Legenden zu Papier gebracht werden. Viele solcher Mythen erreichen bestimmt niemals eine Öffentlichkeit, die sie verdient hätten. Weil sie spannend, ergreifend oder sonst wie bemerkenswert sind. Weil sie uns zum Lachen bringen. Weil sie uns wohligen Schauer bereiten können. Bei manchen bin ich mir aber nicht sicher, ob sie von dringlicher Notwendigkeit sind. Die erreichen die Öffentlichkeit sehr wohl, weil die Propagandamaschinen akkurat arbeiten. Was die Beweise für die Annahmen betrifft, die eine linksradikale Wende befürchten lassen, lässt uns das Manifest wohl eher im Dunkeln. Der Film "Total Recall" fällt mir dabei ein. Künstliche Erinnerungen sind dort das Thema, die man sich kaufen und ins Gehirn einpflanzen lassen kann. "Total Perception" heißt das Projekt zu den Wahrnehmungen, die hier auf Papier erscheinen. Wahrnehmungen der Grundstrukturen von Parteien, mit denen sie auf Bundesebene seit ewigen Zeiten, auf Landesebene seit einigen Jahren koalieren. Von Parteien, denen man bestimmt ein paar Sachen vorwerfen kann: Akute Linkstendenzen sind dort aber wirklich nirgendwo auffindbar. Dass das Schwarz mancher Broschürenverfasser schleichend in ein Schwarzblau übergegangen ist, schimmert hell und metallisch.


Viele Vereinskolleginnen und -kollegen der Verfasser dieser Aufklärungsbroschüre sind offenbar gar nicht damit einverstanden, vor allem aus dem Westen, obwohl dort die Höhenlagen weit dramatische sind als beispielsweise im Osten des Landes. Die kennen sich aus in den Bergen, die wissen Bescheid, was sie als Legenden und Mythen in ihren Wahrnehmungen eher unter vier Augen oder im engsten Kreis besprechen und nicht gleich in die Welt hinausposaunen. Die Broschüre ist wahrscheinlich als Nachfolgewerk des seinerzeitigen und nicht minder jenseitigen Ehrenkodexes zu bewerten, aber eher im Bereich Science Fiction einzuordnen. Ich will das nicht.
 
Ich werde Reinhold Messner einmal fragen, ob er mich mitnimmt in die Berge und mir zeigt, wo es wirklich was Tolles zu sehen und zu bestaunen gibt. Wo es keinen Strom gibt und keine Möglichkeit, von Medien erfasst zu werden, die uns in Dauerberieselung die verzweifelten Hilfeschreie von drohenden Werteverschiebungen einhämmern wollen. Ein Politologe hat die Broschüre schlicht "dumm, unintelligent, blöd und intellektuell primitiv" genannt. Ich fürchte, dass es den Nagel auf den Kopf trifft. Ich will in die Berge, zu den Yetis. Oder an einen See mit Ungeheuern drin. Ich bin dafür, dass alle, die etwas medienmäßig aufblasen wollen wie Hatschi Bratschis Luftballon, sich vorher zum tief Durchatmen verpflichtend für ein oder zwei Stunden in ein Sauerstoffzelt begeben müssen oder zu einem Alkohol- oder Drogentest. Und wenn der Kopf ohne Einwirkung von chemischen Substanzen oder Mängeln zumindest halbwegs funktioniert, sollten sie bemerken, dass eine Pizza selbst mit Hammer und Sichel immer noch besser aufzuschneiden ist als mit stumpfen Runen.

Bildrechte: (c) Walter Schaidinger
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[Kolumne/Walter Schaidinger/09.05.2017]







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    Kolumne - Walter Schaidinger


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