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Steireranzug-Blues

Einst war der Steireranzug jenes Stück Kleidung, mit dem am Wiener Hof signalisiert werden konnte, man sei „anti-höfisch“. „Anti-Höfisch“ konnte vielerlei Verschiedenes bedeuten in der Zeit um 1848: Gegen Wien und für die „Provinz“ (was damals noch hieß, "für die Produktion, gegen das hirnlose Wegfuttern des Produzierten"); für die unerhörte neue Praxis, aus Liebe zu heiraten (Erzherzog Johanns und seiner bürgerlichen Frau Anna Plochl wegen...); gegen den Wiener Zentralismus; für das Paulskirchenparlament und/oder die „großdeutsche“ Zollunion; sogar für die Einführung der Republik konnte ggf. sein, wer den Steireranzug trug... Und wir stellen uns an dieser Stelle mit großem Vergnügen vor, wie Damen im gerüschten Reifenrock in Ohnmacht gefallen sein müssen, als ihnen das Konzept erläutert wurde.

Er war also, zu einem bestimmten Zeitpunkt der österreichischen Geschichte, der Gipfel des „radical chic“. Einen Höfling, der ihn zur Schau trug, mit einem Polizeikommissar im ACAB-T-Shirt zu vergleichen (für die unschuldigeren LeserInnen: „ACAB“ steht für „All Cops Are Bastards“), oder etwa einem ÖBB-Gewerkschafter, der bei der Klausur ein Cola trinkt statt der standesgemässen Anzahl roter Spritzer, wäre vielleicht übertrieben... aber nicht sehr übertrieben. Der langen Rede kurzer Sinn: Er war mal richtig cool, der Steireranzug. Und das freut uns auch ausserordentlich für ihn. Ändert aber nichts daran, dass er uns auf den Wecker geht. Dass er nervt. Dass wir ihn Scheisse finden. Jaaa. Steireranzug. Scheisse finden. (Heul doch!)

Denn von allen Bedeutungen, die dem schwarzgrüngrauen Gewebe je innwewohnten, erwies sich als „überzeitlich gültig“ (sprich als heute noch deutlich lesbar) bloß diese eine: Der allermiefigste Provinzialismus. Was er an Fortschrittlichem früher implizieren mochte, verblasst gegen dieses ganze jägerstolze und Joschi-Krainer-Senior-Gedächtnis-Umtrunk-hafte Gewese, dessentwegen er - Anno Domini 2013 !!! - noch um teures Geld gekauft und ausgetragen wird.

Da repräsentiert der Steireranzug eine Sorte Heimat, an der über ihn und sein weibliches Gegenstück, das Dirndl, hinaus nichts Gegenständliches mehr dran ist. Eine Heimat im Abstrakten: Ein Zuhause-Sein im Begriff „Heimat“ statt in dieser oder jener Gegend. Er ist die Tuch gewordene Behauptung, sein Träger habe Wurzeln in der Scholle: Besitze mithin bäuerliche Renitenz und Schläue; sei „echt“ und aus überschaubaren, patriarchalen Verhältnissen hervorgegangen, weshalb er auch gegen die weltanschaulichen Fehlentwicklungen der letzten ca. 100 Jahre halbwegs immun wäre; er würde schließlich unter gar keinen Umständen je vergessen, wie Kuhbrunze auf Sägespänen rieche - ja er, der Steireranzugträger, würde, wenn es diesen Dunst in Flaschen gäbe, ihn auch der Dame seiner Wahl als Parfüm wohl anzupreisen wissen...

Mithin, er darf als das offizielle Stückerl Stoff zu der vergeblichen Sehnsucht gelten, die Welt möge dergestalt eingerichtet sein, dass der Steireranzugträger (a) dazugehöre, und zwar (b) zum Stand der Herrenbauern, welchselbiger (c) weiterhin das Monopol auf die Festlegung gesellschaftlicher Normen geniessen möge, und im Übrigen solle bitte (d) eh alles aufhören, immer so fürchterlich kompliziert und unüberschaubar zu sein - nicht, weil man zu blöd wäre, mitzukommen, sondern weil sich das einfach nicht gehöre.

Aus also diesen Gründen nervt der Steireranzug uns. Doch ach - wurde er uns nicht, angelegentlich des letzten "Aufsteirerns" (das leider nie das wirklich letzte seiner Art bleibt), von mehreren Gewährspersonen als harmloses Dingsdi angepriesen, das geradezu integrative bzw. emanzipatorische Situationen katalysiere? Im Sinne von: Da trägt der Steirersepp seinen Steirerseppenanzug und ist stolz auf den, und wenn dann der Herr Sikh mit seinem Turban dazukommt, oder die Frau mit nigerianischem Migrationshintergrund in ihrem zuckerlpapierlartigen Sonntagskleid, dann verstehen sie sich alle super. Haben ja alle eine stoffgewordenen "Tradition", in verschiedenen Stadien der offensichtlichen Lächerlichkeit, auf dem Leib, und damit sowas wie einen "Vergleichswert". Wenn nur, so der Gedanke, dem Sepp sein "Eigenes" vergönnt ist, dann hat er auch nix mehr gegen das "Fremde". Ein Gedanke, so einleuchtend wie falsch.

Doppelt falsch sogar, weil: Einerseits sind die solcherart materialisierten "Herkünfte", "Traditionen" und "Heimaten" wie gesagt abstrakt, und keine reale Lebenswirklichkeit des einundzwanzigsten Jahrhunderts entspricht ihnen. Sie repräsentieren vielmehr Erinnerung daran, "wo man herkommt" bzw. wo mancheR sich gerne einredet, herzukommen. Damit vergeben sich die TrachtenträgerInnen aller Länder  die Cahnce, einander als die Leute zu begegnen, die sie tatsächlich sind: LastwagenfahrerInnen, KöchInnen, Finanzausschussvorsitzende, Eltern, Kinder, Onkel, Tanten... Statt dessen stehen sich z.B. "Oststeiermark" und "Punjab" gegenüber. Es tratschen die Trachten miteinander, und die ephemeren Hautlappen zwischen Turban bzw. krempenlosem Filzfetzen und Kragen stören eher das "bunte Miteinander der Kulturen".

Andererseits liegt in der Erzählung vom "gleichrangigen Begegnen" der "Kulturen" kraft des jeweiligen Stofffetzens auch die Behauptung begraben, die Leute wären zu blöd, ohne Heimat- und Identitäspathos miteinander zum Reden zu kommen. Die "heutige Zeit" wäre so schrecklich und die Vielfalt an unterschiedlichen Menschen und Lebensgewohnheiten auf der Strasse so unerträglich, dass die Durchschnittspsyche des Trachtenschneckenhauses dringlich bedürfe, um handlungsfähig zu bleiben. Ja, sie brauche darüber hinaus noch die "Color-Codes" der Saris, Dirndln und Hijabs, um zu wissen, wie und ob mit wem zu reden wäre.

Man hat konservativer- und rechtsradikalerseits richtig erkannt, dass "Multikulti" auf falschen Annahmen beruht und zu einer Nivellierung des sogenannten "Eigenen" führt. Das Problem aber ist, entgegen der Annahme der FreundInnen von Wehrsport und Sonntagsmesse, nicht das "Multi", sondern vielmehr das "Kulti" selbst. Was in Wirklichkeit sozial verhandelt werden muss, beim Volksfest, am Arbeitsplatz und auf dem Fussballplatz, sind nicht "Herkünfte" und "Kultur", sondern Fragen von Klassenzugehörigkeit, gemeinsamem Interesse, Solidarität, oder einfach gegenseitige Sympathien.

Anders gesagt: Ob die Urgroßväter ihrer Spielfreunde Hörndlbauer in Anger waren, Feldarbeiter in Nigeria oder Geldsack in Lima, Peru, das ist meiner Tochter wurscht. Würden wir sie in ein Dirndl stecken, Freund F. in einen Kaftan und Freundin E. in ein Alpakawolldings (ich mag jetzt nicht recherchieren, was in Peru an Tracht zur Auswahl steht), die drei Kinder würden das vielleicht fünf Minuten als Spielanlass verwenden und sich dann wichtigeren Dingen zuwenden. Hello Kitty, zum Beispiel. Oder Fangenspielen. Da sind dann die Arbeitsklamotten früherer Jahrhunderte meist hinderlich.

Bildrechte: Public Domain. Originalfoto hier: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Adam_Brenner_%28attr%29_Junges_Paar_in_Tracht.jpg

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[Kolumne/S.Schmitzer/10.07.2013]







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