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Notizen über ein paar neue Formate und ihre Implikationen

Von der Bewusstseinsproduktion im Kleinbetriebsverband. Dritter Teil einer Netz-Rundschau.

Bewegung!

Letztens waren's die unbewegten Bildchen, um die es an dieser Stelle ging, jetzt sind es die bewegten, also Web-Filme und -Serien. Folgende Ausschlusskriterien müssen dabei formuliert werden: Einerseits: Dass hier nicht beachtet wird, was das Backing kommerzieller offline-Medien hat (womit z.B. Herr Misk rausfällt, der Lieferant feinster derStandard-Kolumnen im Videoformat), ebenso wie Kino- und TV-Produkte, die auf unterschiedlichen Wegen und in unterschiedlich legaler Weise ihren Weg ins Netz gefunden haben. Andererseits: Dass uns auch die zehntausenden Heimvideos nichts angehen, die aufgrund mannigfaltiger kultureller Missverständnisse auf Youtube o.ä. stehen. Mit anderen Worten: Es geht um Arten des Films, die ohne das Internet als Matrix (pun not intended) prinzipiell undenkbar wären.

"Virales Marketing, Herr Vader!" - Ein Klassiker, und eine Hymne an Youtube

Anders als Webcomics sind Webfilme als Medium auch für Personen und Firmen interessant, die nicht primär an ästhetischen Diskursen bzw. Fantums-Ausagiererei interessiert sind, sondern an PR und Marketing, also an Geld, Geld, Geld. Dass das im vorliegenden Kontext nicht (wie z.B. im Fall der Musikindustrie) bedeutet, kreative Impulse "freier Szenen" geistlos zu verwursten und in höchstens halbgenießbarer Form wieder darzureichen, sondern dass das PR-Spiel in diesem speziellen Medium, zu diesem speziellen Zeitpunkt seiner Entwicklung, auch brauchbare Impulse zurück in den Diskursraum abgibt - dafür liegen ein paar Beispiele auf Youtube rum.

Z.B. das (wohl eh sattsam bekannte) Ding mit dem viralen Marketing auf dem "Todesstern Stuttgart". Nach Auskunft seines Schöpfers, Dominik Kuhn a.k.a. viralman, "Ein viraler Spot, der virale Werbung verballhornt" aus dem Jahr 2007. Fantum und Markt-Denken finden da aufs brauchbarste zusammen: Die Besprechung der Elite des galaktischen Imperiums, featuring Grand Moff Tarkin und Darth Vader, wird neu synchronisiert als Aufsichtsratssitzung der Daimler AG, in der in tiefstem Schwäbisch über die Vorzüge des viralen Marketing gestritten wird - als "Viraläs Margedingg isch oi absolut machtvolläs Werbeinschdrumendd, von demm Sie koi Ahnung ham!"

"Todesstern Stuttgart" steht hier nicht nur als Beispiel für ästhetisch relevante Aspekte des Einflusses, den die Marketing- auf die Webfilmkunst-Welt nehmen kann; auch nicht nur als paradigmatischer Film-"Spoof"; es dient an dieser Stelle auch der Erinnerung daran, dass es kaum möglich ist, die Funktion von Youtube zu unterschätzen: Als AnfängerInnen-Werkstatt, online-Album für jedermanns Familienvideos, zugleich als Gedächtnis eines Mediums in Entwicklung. Für ernsthafte ProduzentInnen von Filmcontent ist es zumindest als "Schaufenster" nicht ignorierbar. Praktisch alles, was das Medium hergibt, hat hier seine Wurzeln.

Der grantige Gentleman: Say Hello to confused Matthew!

Case in Point: Confused Matthew, dessen Zeug einen Youtube-Kanal hatte, lang, bevor es die eigene Seite gab. Sein Produkt - ja, "Produkt", denn den Videos sind regional unterschiedliche Werbeclips vorgeschaltet, und eifrige SpenderInnen dürfen "Requests" abgeben, also wissen wir, dass der Kerl das hauptberuflich macht - sind Filmkritiken. Der "filmische" Aspekt seiner eigenen Arbeit besteht zwar meistens nur darin, ein oder mehrere Stills aus dem besprochenen Film einzublenden und drüber hin zu reden. Aber weil er dann doch oft genug Clips abliefert, in denen punktgenau assoziatives Einschneiden fremden Materials nach Art der "Sendung ohne Namen" vorgeführt wird, glauben wir ihm, dass er eh filmisch denkt und die Stills sich nicht (nur) der Faulheit verdanken.

Inhaltlich beschäftigt sich Mr. Matthew im Kern damit, Filme scheiße zu finden - und das ebenso wortgewandt wie tempramentvoll zu begründen. Der Name "Confused Matthew" verdankt sich laut Eigenauskunft der Verwirrung, warum gerade dieses oder jenes, von ihm inferior gefundene Produkt überhaupt produziert, geschweige denn von einem Publikum angenommen wurde. Dass er mittlerweile auch Reviews von Zeug macht, das er gut findet, ist scheints den Spender-Requests zu verdanken. Worum sich Confused Matthew entschieden verdient gemacht hat, ist eine Kultur der sorgfältigen Begründung. Der Kerl benennt seine Maßstäbe genau und dekliniert sie - in höchst unterhaltsamer Weise, und meist zum Nachteil des besprochenen Films - runter. Er weiss auch genug über seinen Gegenstand, dass man gelegentlich was übers Filmproduzieren dazulernt. Ich muss ihm nicht in jedem Fall zustimmen (v.a., was seine Bewertung Tarantinos betrifft), aber die Gentleman-Attitüde, die zum Vorschein kommt, wenn er zwar mit AutorInnen schlechter Drehbücher schimpft wie ein Rohrspatz, aber noch innerhalb einer solchen Kanonade um Gerechtigkeit bemüht ist, ist mehr, als wir von den meisten Zeitungs-Film-Schreibern gewohnt sind. Ernster als hier wurde Kino höchstens noch in den frühen "Cahiers de Cinema" genommen.

Zur Kritik der reinen Utopie: SFDebris

Geist vom selben Geist wie Confused Matthew ist SFDebris - auch dieser begann mit einem Youtube-Hobby und hat jetzt eine blip.tv-Seite nebst Homepage. Aber nicht die recht eigentümliche Crossover-Fanfiction-Texte interessieren uns, die auf letzterer dominieren (Star Wars trifft Star Trek jadda jadda jadda), sondern seine SciFi-Fernseh-Kritiken. Denn so ernst, wie Confused Matthew das Reden über Filme nimmt, so ernst nimmt SFDebris Star Trek und andere Science Fiction-Serien, etwa Babylon 5, Red Dwarf, Dr. Who etc. Und niemand kritisiert die eigene Kirche so hart und so treffend wie ein wahrhaft Gläubiger.

SFDebris' Star Trek-Kritiken sind zum Teil unterhaltsamer als die zugrundeliegenden Serienfolgen. Dies auch, weil er weiss, dass man nicht von "Trek" reden und von fachphilosophischen Fragen nebst der Geschichte menschlicher Utopien schweigen kann, wenn man es ernst meint. In genau dem notwendigen Aumaß, um sich und dem Zuseher einen Überblick über die jeweilige Folge und das ganze Franchise zu verschaffen, beschäftigt SFDebris sich also auch mal mit den Klassikern des Philosophie-Proseminars - augenscheinlich, ohne dabei zu vergessen, dass es sich bei seinem Gegenstand im Kern um nichts als Fernsehunterhaltung handelt. Jedenfalls sehenswert.

Als die Definitionsmacht der una sancta ecclesia catholica noch unangefochten war, konnten politisch oder kulturell heikle Streitfragen in die Sphäre des Ästhetischen ausgelagert werden und als Disput über Faltenwürfe von Heiligenstatuen, die Vorzüge des Polyphonie bei der Meßfeier o.dgl. ausgetragen werden. SFDebris' Art, über SciFi-Serien zu reden, legt die Wahrnehmung nahe, die Kulturindustrie habe inzwischen, in ihrer Allgegenwärtigkeit, einen ähnlichen Status - und man verfüge innerhalb des popkulturellen Lehr- und Kultgebäudes mittlerweile über eine ähnlich differenzierte und universell brauchbare Sprache wie die frühen Humanisten. Dass solche Komplexität sich in beiden Fällen den Päpsten resp. Studiobossen zum Trotz entwickelt hat, und nicht etwa dank ihres segensreichen Bemühens, steht auf einem anderen Blatt.

Pioneer One

Ganz was Anderes liegt mit "Pioneer One" vor: Nämlich eine richtige narrative Fernsehserie mit Schauspielern und Produktionsassistenten und Location Shots und allem, bloß halt low budget und ausschließlich fürs Web produziert. Über die Handlung sei bloß soviel gesagt, dass man sich den Typus von Serie vorstellen kann: Agenten, Astronauten, Bullen, Wissenschaftler und Politiker in einem erstaunlich gut durchdachten Verschwörungs-Reigen. Die Serie ist gut genug gemacht, um sie sich nicht nur aus "Fachinteresse" (was immer das heisst) anzusehen, und hat den Suchtfaktor, den einstmals "Akte X" hatte. Bemerkenswert ist vor allem das Distributionsmodell: Als Torrent oder Stream im Netz - gratis. Natürlich kann gespendet werden. Es wird sogar so viel gespendet, dass Pioneer One (laut Wikipedia als eine von ganz wenigen Indie-Webfernsehserien) schwarze Zahlen schreibt.

Man bedient sich hierzu der Seite vodo.net, die als Werzeug zur Organisation von "Crowdfunding" - Spendensammeln für ein konkretes Projekt - dient. Die erste Folge mit 6.000 $ Budget produziert, die zweite und dritte ausschließlich mit den daraufhin gesammelten Spenden - inzwischen hat die Serie sechs Folgen, also eine komplette Staffel, auf dem Buckel, und wurde beim New York Television Festival preisgekürt. Die zweite Staffel - "donation goal: 100.000 $" - ist geplant. Pioneer One ist jedenfalls nicht nur die Serie, die vertriebs- und spendenmässig zeigt, wie es geht - sondern auch was leidige Urheberrechtsfragen betrifft: Das ganze Dings erscheint unter der Creative Commons-Lizenz.

Die Spendenaquise, auf die vodo.net ausgerichtet ist - oder das Vorschalten von Werbeclips vor den Content, wie es z.B. auf blip.tv getrieben wird (der erwähnten Heimat von SFDebris): Diese beiden Modelle (nebst Mischformen) kristallisieren sich als praktisch taugliche Methoden, die Distribution von kleinstbetrieblich generiertem Filmcontent im Web zu finanzieren. Auffällig ist, dass narrative Inhalte eher auf das Spendenmodell, "Diskurs"-ProduzentInnen eher auf Werbeanzeigen vertrauen. Nachvollziehbarerweise: Die Kosten einer richtiggehenden Filmproduktion bewegen sich in anderen Dimensionen als die Kosten, die entstehen, wenn jemand einen Text in ein Mikrophon liest und ggf. noch Clips dazu zusammenschneidet. Erstere sollten vor der Arbeit auf einem Konto liegen, letztere dürfen auch ruhig erst im Nachhinein hereinkommen.

Wenn über die alleinseligmachende Popkultur-Kirche eine Reformation kommen soll: Von hier - von real geänderten Methoden des Geldverdienens, von der Materialisierung geänderter Eigentums- und Urheberrechtsbegriffe - wird sie ausgehen.

Robert Misik: www.fsmisik.at
Todesstern Stuttgart: www.youtube.com/watch?v=uF2djJcPO2A
Dominik Kuhn: www.starpatrol.com/dindex.html
Confused Matthew: www.confusedmatthew.com
http://www.cahiersducinema.com
http://www.blip.tv/sf-debris-opinionated-reviews
http://www.sfdebris.com/main.asp
http://www.www.pioneerone.tv
http://www.vodo.net/pioneerone

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[Kolumne/S.Schmitzer/08.02.2012]







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    Kolumne - S.Schmitzer


    03.10.2017 gesamtsituation: tausend jahre fuffziger.

    30.05.2017 Mehr Beton!

    27.04.2017 Fronkreisch! Fronkreisch!

    23.03.2017 Autorität und Kleinganoventum. Eine Übersicht

    08.02.2017 Wahl und Kraftwerk und so weiter

    28.10.2016 Das Ding mit Marcellus Wallace's Soul

    19.08.2016 Zur Ehrenrettung der zweiten Staffel von "True Detective”

    06.07.2016 Richtig echt blöd

    02.05.2016 Ein Sendschreiben ins Jenseits

    23.03.2016 MACHT MEDIEN!

    18.01.2016 Pläpotenz, Identität und tapfere Krieger

    16.11.2015 "Unique Selling Position"

    09.10.2015 Und wieder mal: Das Wort zum Strache

    01.09.2015 Racism or not? Insufficient data.

    22.05.2015 Expropriieren! Expropriieren!

    09.03.2015 Was ist da los?

    19.01.2015 Lob des Grauens

    09.04.2014 Schon wieder ein Text vom Schmitzer über die Öffis

    10.03.2014 Ein Wunschkonzert für klingende Schienen

    31.10.2013 Wie man es machen soll. Ein Text zum Abfeiern des tortuga-zine.

    12.09.2013 Eine Werbedurchsage, durchaus ernstgemeint, zu Gunsten von ICORN

    30.07.2013 Vom Gesindel

    10.07.2013 Steireranzug-Blues

    13.06.2013 Der ORF und die Alchemie

    23.01.2013 Sheriff Mario reitet!

    20.12.2012 Survivor's Guilt und T(r)ollwut

    12.11.2012 Ponies, Kröten, Katastrophen

    09.10.2012 Heisse Luft und Nächstenliebe

    31.07.2012 Vom Atmosphärischen

    12.06.2012 Ein schwarz-grüner Geschenkvorschlag

    17.05.2012 Diskussions-Kultur

    02.04.2012 Notizen über ein paar neue Formate und ihre Implikationen

    08.02.2012 Notizen über ein paar neue Formate und ihre Implikationen

    12.12.2011 Notizen über ein paar neue Formate und ihre Implikationen

    15.10.2011 Notizen über ein paar neue Formate und ihre Implikationen

    10.05.2011 Schnee von Gestern III - Der Grasserstrasser

    29.03.2011 Schnee von Gestern II

    08.03.2011 Dem Josef Pröll seine Ehe und der Fluch der Dialektik

    19.01.2011 Meine Oma und das Weihnachtsgeschäft 2012


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