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Der Tankwart mit dem Buch und andere unvorstellbare Dinge

Die Kultur unters Volk zu bringen muss die ureigenste Intention der Kulturschaffenden sein, in welchen Positionen sie auch immer in diesem Betrieb arbeiten. Frank Schirrmacher hat zum Tod von Marcel Reich-Ranicki bemerkt, dass er Literatur in einer Art und Weise thematisiert und transportiert habe, dass sogar ein Tankwart damit etwas anfangen konnte. Stellt sich die Gegenfrage, ob ein letzte Woche etwas anonymer verstorbener Tankwart in seinem Leben zustande gebracht hat, seinen Kunden im Laufe seines Lebens die Bedeutung von Benzin verständlich zu machen oder ob er in seinem Treibstoffelfenbeinturm verblieben ist. Es ist jetzt so, dass ich neben meinem Respekt vor Marcel Reich-Ranicki sehr begeistert von einer Band bin, die Musik abseits des Mainstream herstellt. Man könnte es als klassische Musik mit elektronisch verstärkten Instrumenten nennen. Ich erinnere mich, dass der Gitarrist dieser Band auch einmal als Tankwart Benzin verkauft hat. Was ich weniger glaube, ist, dass er einen großen Musikkritiker gebraucht hat, der durch seine mediale Präsenz Musik medial so thematisiert hat, dass unter anderem Tankwarte oder Schuster sie verstanden hätten oder sie ihnen näher gebracht wurde. Ich weiß, dass er vorher bereits Gitarre gespielt hat, habe ich ihn doch schon gesehen und gehört, wie er mit seiner Band auf einer Bühne in seiner großartigen Musik versunken ist. Nur hat er damals nicht genug Geld dafür bekommen, als dass er kein Benzin mehr hätte verkaufen müssen. Das macht die Musik aber qualitativ nicht schlechter.

Ein Direktor des Burgtheaters in Wien hat einmal gemeint, dass er zwischendurch so gerne ein einfacher Schuster wäre. Vielleicht, weil er sonst täglich die schwere Last der hochsubventionierten Theaterkunst auf seinen Schultern zu tragen hat, der arme Mann, während ein Schuster glücklich zwischen Leder und Leisten hockt und täglich unbeschwert den Sonnenschein des Handwerks in sich hineinsaugen kann und den Herrgott einen guten Mann sein lassen. Am Abend ist der Schuster rechtschaffen müde und immer noch glücklich, weil er ja über nichts nachdenken hat müssen. Da ist ein Theaterchef wahrlich nicht zu beneiden, im Vergleich dazu. Wobei über die tragende Rolle insgesamt ein wenig diskutiert werden könnte, Schuhe tragen wahrscheinlich mehr Menschen als ins Burgtheater hineinpassen, und diese Burgtheaterbesucher werden auch noch von Schuhen hineingetragen.

Tragende Rollen werden sehr seltsam zugewiesen. Die Relevanz von Personen steigt immer mit dem Geld, das im Umlauf ist und ausgegeben werden darf. Es wird nicht nur darauf vergessen, dass es einen so genannten Unterbau gibt, auf dem alles draufsteht, er wird gar nicht mehr wahrgenommen. Genauso wie der Keller eines Hauses einfach unter der Erde liegt. Es ist wohl noch nicht ausreichend bekannt, dass Häuser ohne Fundament einfach nicht getragen werden. Bei Hochwasser steht aber meist vor allem der Keller unter Wasser. Gleichzeitig ist das Benehmen dort, wo das Geld liegt, auf gar keinen Fall besser als sonst wo. Auch das zeigt eine Statistik, die belegt, dass Leute in großen Autos auf Verkehrsregeln wesentlich entspannter pfeifen als andere Verkehrsteilnehmer, schön und gleichzeitig tragisch, wenn sich Vermutungen bestätigen und vermeintliche Vorurteile als richtig erweisen.

Eine Studie von englischen Sozialwissenschaftlern hat die direkte Wirkung verschiedenster Berufssparten auf das gesellschaftliche Leben untersucht. Dieser zufolge schneiden schlecht und unterbezahlte Berufe im Vergleich zu hoch und höchst bezahlten überdurchschnittlich gut ab. Eine Reinigungskraft in einem Krankenhaus zum Beispiel verhindert ganz unmittelbar durch ihre Arbeit eine Weiterverbreitung von Keimen, was einen unschätzbaren Effekt auf die Gesundheit der Menschen dort und in der Umgebung hat und klarerweise die Verbreitung von Krankheiten deutlich vermindert, damit Krankenstände verhindert und in der Folge einen großen wirtschaftlichen Beitrag mittels Umwegrentabilität leistet, die in solchen Fällen klar nachvollziehbar ist. Im Vergleich zu vielen Finanzjongleuren eine tolle Bilanz. Schaut man kurz in die österreichische Bankenszene, weiß man, zu welchen Geniestreichen die hiesige Politik und Finanzwelt fähig ist. Bei vielen Protagonisten dieser Szene vergrößert sich die unmittelbare Nützlichkeit möglicherweise in der Genesungsphase einer Grippe, da könnte man beinahe in Versuchung kommen, die positiven Effekte einer genauen Reinigung von Krankenhäusern und anderen öffentlichen Gebäuden wieder in Frage zu stellen. Das tun wir aber nicht.

Statt dessen betrachten wir noch, wenn wir schon dabei sind, die Auswirkungen, wenn etwas erwiesenermaßen falsch läuft: Traditionellerweise werden der kleine Mann und die kleine Frau für Fehltritte gnadenlos gekündigt, während Personen in gehobenen Positionen oder ganz oben zwar die Arbeit manchmal nicht mehr fortsetzen dürfen für Fehler, die wesentlich größere Auswirkungen haben als sie im Unter- oder Mittelbau je möglich sein könnten, aber einen so genannten golden handshake verpasst bekommen; ein großes Kunstwerk wurde diesbezüglich beim Flughafen Schwechat geleistet, wenn wir schon im Kunst- und Kulturbereich uns bewegen: Da wurde nämlich gefühlsmäßig beim Um- und Ausbau des Flughafens doppelt so viel Geld wie geplant ausgegeben, das Management freigestellt, mit fetter Kohle verabschiedet und hinterher in beratender Tätigkeit für das weitere Procedere dieser Baustelle mit Einjahresverträgen ausgestattet. Erfinden kann man so eine Geschichte gar nicht, willkommen einmal mehr in Schilda.

Aber so haben diese Leute, die gut im Nehmen sind, zum Glück gerade noch genug Geld, um sich bei glücklichen Schustern handgemachtes Schuhwerk zu kaufen und hin und wieder im Burgtheater oder am Opernball vorbeizuschauen. Man sollte einen Schuster einmal fragen, was dessen Kunden machen würden, wenn er einen bestellten und vermessenen Schuh schlecht nähte und verklebte, ein anderes Leder nähme anstatt wie besprochen, plötzlich das Doppelte verlangte und hinterher den Vorschlag machen würde, den ganzen Pfusch einfach zu bezahlen und dafür für weiteres ordentliches Geld den Schuster in beratender Tätigkeit zum nächsten Schuster mitzunehmen. Den Radetzkymarsch würden sie ihm blasen, ist ja eine Privatinvestition, die getätigt wird, kein öffentliches Geld, das vom Himmel fällt.

Wenn einem Burgtheaterdirektor einmal nicht einfällt, was er inszenieren soll, müssen einfach Protokolle hergenommen werden, Protokolle von öffentlichen Finanzierungen und Privatisierungen und den anschließenden Gerichtsverhandlungen, von Nationalratssitzungen, von politischen Diskussionen oder zumindest diesen gesprächsähnlich inszenierten Irrtümern, die in diesem Land als Diskussionen bezeichnet werden. Besser oder absurder kann ein Stück auch nicht geschrieben werden. Als logische Folge müsste ein Misthaufen vor dem Theater deponiert werden. Die Arbeit wäre getan, der Schuster immer noch glücklich und der Tankwart würde lesen oder auch nicht. Zumindest würde er verstehen, dass da nicht alles mit rechten Dingen zugehen kann. Der weiß das aber ohnehin, weil er das auch in der Zeitung liest, er ist lediglich überrascht, dass solche Dinge mit solchem Selbstbewusstsein im ganz echten Leben inszeniert werden und immer wieder funktionieren. Der Direktor würde dem eigenen Anspruch, offen für das Experiment zu sein, gerecht werden, und seine Theaterbesucher würden sehen, dass das Leben ein Schmierentheater ist. Im echten Leben hat man sich daran nämlich längst gewöhnt. Der Journalist könnte sich weiter darüber freuen Leute zu finden, die Kultur auf ein vermeintliches Trottelniveau herunterschrauben können. Dann könnte der Neid dem kleinen Mann gegenüber an den Nagel gehängt werden. Manchmal wäre ich gerne ein einfacher und hochbezahlter Journalist oder Theaterdirektor.

Bildrechte: Bestimmte Rechte vorbehalten von hannanik
Originalbild: http://www.flickr.com/photos/junglearctic/5392730540/sizes/l/
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[Kolumne/Walter Schaidinger/07.11.2013]







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