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Vom Atmosphärischen

Natürlich würde ich mir manchmal wünschen, dass die ebenso "heimattreuen" wie sangesfreudigen Personen, die Woche für Woche aufs Geräuschvollste in dem Beisel direkt neben meinem Arbeitszimmer absaufen, vom Blitz gen Walhalla geschickt werden mögen (wo, wenn das Jenseits denn gerecht sein sollte, der Chor der Verstorbenen der roten Armee sie schon erwartet, um sie mit einem Ständchen zu empfangen zu dem Text: "Ihr habt den Krieg verlor'n, ihr habt den Krieg verlor'n, ihr habt ihr habt ihr habt den Krieg verlor'n!"). Auch plagen mich oft bei der Gartenarbeit überaus plastische Gewaltphantasien, Mund und Kehle jener Opernsängerin betreffend, welche nebenan bei offenem Fenster zu üben pflegt. Aber welches Recht hätte ich, diesen wie jener tatsächlich untersagen zu wollen, zu tun, was sie tun? Dass da ein Beisl ist, habe ich gewusst, als ich einzog; und dass, wo die Musikuni nicht fern ist, zahlreiche praktizierende Musiker wohnen, war ebenfalls absehbar.

Es läuten auf Almwiesen die Kuhglocken, über Bahndämme tuckert fröhlich der Dieselzug der GKB; auf den Durchzugsstrassen schnurrt abgashaltig die PendlerInnenschaft ins Einzugsgebiet, und wo es Jungfamilien hat, da wuseln unter glockehellem G'schraa die Kinder. Wenn zutrifft, dass das Marktgesetzt von Angebot und Nachfrage auch auf dem Wohnungssektor seine wohltätige Wirkung entfaltet und uns also in den Stand versetzt, unseren Aufenthalt hinreichend frei zu wählen (worüber, zugegeben, nochmal gesondert diskutiert werden müsste), dann wird gegen solcherlei Geräuschkulissen niemand ernstlich etwas einzuwenden haben. Man hat sich's ja ausgesucht, gerade dort sein Bett und seinen goldeswerten Eigenherd hinzustellen, wo solche und keine anderen Geräusche durch die Luft fliegen.

Will sagen: Leute machen Krawall. Viele Leute machen viel Krawall. In einer Stadt leben viele Leute. Ergo: In einer Stadt gibt's viel Krawall. Wirklich still ist es, manchmal, auf Dörfern, Friedhöfen und - nach Atombombentests - Südseeatollen. Diesen Sachverhalt nicht ganz verstanden zu haben - oder halt so zu tun, als hätte sie ihn nicht verstanden - entwickelt sich schön langsam zum prägenden Charakteristikum der derzeitigen Grazer Stadtverwaltung.

Betrachten wir das vorliegende Ensemble von Phänomenen: (a) Kombüse und Barprojekt müssen bis auf Weiteres zumachen; im einen Fall wegen Anrainerbeschwerden, im anderen Fall wegen einer Schanklizenz, von der berufene Stellen plötzlich herausfanden, dass sie noch nie existiert hätte (was freilich zehn Jahre lang kein Problem war, solange das Ding "Hemingway" hieß und als hochpreisige Pianobar ein hochpreisiges Publikum bediente). (b) Die BWL-Studi-Abfüll-Anstalten um die Elisabethstrasse verlegen, ebenfalls auf Druck von Anrainern, ihre Sperrstunden vor. Ein Schelm, wer dieses glimpflichere Davonkommen gegenüber der Kombüse etwa in Verbindung brächte mit der mutmaßlichen politischen Präferenz der einen und der anderen RuhestörerInnen... (c) Die neue Straßenmusik-Verordnung bringt Platzkartenvergabe, Einengung der "erlaubten" Ausdrucksmittel und Reduktion der Standorte. Auch hier ist ein schelmischer Gedanke abzuweisen, nämlich, dass auf diese Weise hauptsächlich das letzte Schlupfloch geschlossen werden soll, welches das "Bettelverbot" für die Betroffenen offengelassen hat. (d) Last, not least: Die Grazer Ordnungswache hat jetzt neue, "respektgebietendere" Uniformen, die auf den ersten Blick mehr nach Polizei aussehen. Das ist insofern nicht blöd gedacht, als die Art der Amtshandlungen, mit welchen die so Uniformierten meistenteils betraut sind, dem Respekt nicht eben förderlich sein dürften (schmusende Pärchen trennen; allzu schiache Leute jeweils fünfzig Meter weiter scheuchen; bei echten Problemen echte Polizisten rufen).

Selbst das Pluralismus-Plazebo der Diözesan-Pravda G7, die Wochenendbeilage der Kleinen Zeitung, nahm sich schon des Themas an. Unter dem Titel "Die Party ist vorbei" wurde da das nämliche Leid der ausgehfreudigen Jugend (nur der Jugend? echt?) beklagt und der journalistischen Ausgewogenheitspflicht insofern Genüge getan, als auch Bürgermeistersprecher Rajakovics zu Wort kam. Der ließ wissen, "Graz wird ja deswegen nicht zugesperrt. Wir haben das p.p.c., die Postgarage, den Dom im Berg. Da ist viel los, auch in der Nacht." Womit Rajakovics namens des Bürgermeisters uns dankenswerterweise auch eine Art Berechnungsmodell in die Hand gegeben hat: Drei grössere Locations für knapp dreihunderttausend Leute. Gespannt sein dürfen wir auf die Umsetzung dieses zweifellos kostenschonenden Verteilungsschlüssels beim nächsten Krone-Stadtfest (ein Biwakzelt mit zwei Zapfhähnen - Selbstbedienung! - in der Herrengasse), beim rathauseigenen Fuhrpark (zwei Gebrauchtfahrräder, die sich die Stadträte teilen können; ein weiteres pro Gemeinderatsklub) oder bei der GVB (eine Straßenbahngarnitur pro Linie - nur 30 Minuten Wartezeit).

Es liegt also eine Häufung von Entscheiden, Verordnungen und Aktionen vor, die den Eindruck nähren, in Graz würde zunehmend alles, aber auch alles verboten, zugesperrt und reglementiert, was nicht bei „Drei!“ unter'm Tisch ist und/oder den besseren Ständen gut zu Gesicht steht. Für diese Häufung eine einzelne Instanz verantwortlich zu machen, wäre unfair. Zu viele verschiedene Kompetenzbereiche und Strata sind betroffen. Die Häufung liegt vielmehr im sogenannten "Atmosphärischen" begründet, durch welches, dem Feinstaub in der echten Atmosphäre gleich, ein paar Missverständnisse rumfliegen. Nämlich: Dass eine Stadt sich wie ein Dorf regieren und verwalten lassen würde; dass es Sache einer Stadtregierung und -verwaltung wäre, festzulegen, wer sich wann wo amüsiert; dass schließlich Leute die Fähigkeit hätten, sich auf Zuruf gänzlich in Luft aufzulösen.

Aus "dem Atmosphärischen" also kommen unsere Probleme. Und nicht nur die unseren: Wenn die jüngste Überflutung der JVP-gesponserten City Beach bei der Hauptbrücke ein Indiz sein kann, dann stört die gnadenlose Verwertung und Parzellierung des öffentlichen Raums, wie ihn die Stadt praktiziert, auch die Wind- und Wettergeister, die "das Atmosphärische" bewohnen. Was in weiterer Konsequenz bedeuten würde, dass es in des Bürgermeisters ureigenem Interesse ist, sich des Falles anzunehmen und vernünftige Lösungen zu suchen. Oder sich, andernfalls, nach Security-Schamanen (bzw. -Exorzisten) umzusehen, um die drohende Rache der Schöckelhexe abzuwenden.

Alternativ dazu könnte noch erwägt werden, jedes geschlossenen Beisl mit einem Autolärm-Generator zu versehen, der jederzeit den Krawall, den die Feiernden machen, mit 80 Dezibel Straßengeräuschen zudeckt. Denn wer hätte schon von täglichen Anzeigen gegen den Verkehr am Glacis gehört?
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[Kolumne/S.Schmitzer/31.07.2012]







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