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Cerebrexit




Wir gehen schon öfter wählen als auf die Toilette. Hat bestimmt schon wer gesagt. Jedenfalls erhärtet sich der Bedarf, wieder eine Wahlkarte zu bestellen, das dauert online zwei Minuten, wenn man langsam ist, und sie wird innerhalb kürzester Zeit zugestellt. Sonst vergeht echt viel Zeit mit solchen Wahlen. Eine Bohrmaschine in einem privaten Haushalt ist im Durchschnitt netto keine zehn Minuten in Betrieb, da werfen wir schon mehr Zeit aus dem Fenster fürs Einwerfen von Kuverts in Urnen. Ansonsten sind über diese Wahlwiederholung schon die meisten Fragen gestellt worden. Überraschend spät wurde beispielsweise gefragt, warum denn der erste Wahlgang nicht angefochten wurde. Gar nicht gefragt wurde, warum nicht überhaupt alle Wahlen mit Wahlkarten angefochten werden.


Ab jetzt wird spekuliert. Dabei ist die Ausgangsposition genau die gleiche, es ist derselbe Intelligenztest wie vorher. Es stellen sich lediglich ein paar unwichtige Fragen, ob es denn zum Beispiel nötig war, die Wahl überhaupt anzufechten. Der Kreideesser meinte, er hätte die Wahl auch bei einem knappen Sieg angefochten. Das erklärt den Satz, dass seine Tochter gerne Beeren hat und sie jetzt überlegen, Hühner zu kaufen. Es geistern Zahlen umher, es würde zehn Millionen Euro kosten, also ist davon auszugehen, dass es noch viel mehr kosten wird. Es macht neugierig, an welcher Stelle dies bedankt wird. Wenn wir uns erinnern, wie Kärnten sich für den Untergang bedankt hat, wird der zweite Oktober wohl in dichtem Nebel eingehüllt sein. Der Sommer, wie heiß, nass, kühl oder immer er sein wird, bekommt jedenfalls eine Begleitung, die wir eigentlich nicht verdient haben. Langweilige Sommerlochnachrichten werden langweiligen Sommerlochnachrichten mit Rechtsdrall weichen. Sommerliche Landschaften links und rechts der Strassen und Bahnlinien werden verziert mit blauen Augen und rotweißrotem Patriotengeheul, wahrscheinlich werden wir wieder daran erinnert werden, dass die Heimat uns braucht. Und der andere Kandidat wird wohl im Kontrast zu den durch die Hitze herrlich ausgewaschenen Farbtönen der Sommerwochen, die an Super8-Filme erinnern, in satten Farben neben kristallklaren Wassern es mit uns gemeinsam angehen wollen, nachdenklich.


Die kurioseste Sorge, die nun in der zweiten Zwischenwahlzeit formuliert wurde, war jene um die Umfrageinstitute, wenn Informationen zur Wahl erst hinausgehen dürfen, wenn alle Stimmen ausgezählt sind: Wie sollen die jetzt arbeiten? Woher sollen alle Balkendiagramme kommen? Jetzt heißt es schnell reagieren und erfinden: einen Würfel zum Beispiel mit Prozentangaben, sechs Seiten, fünf mit den Symbolen 48% bis 52% und eine Seite mit „WWW“, also „Wieder Wahlwiederholung“. Oder Spielkarten mit Prozentangaben, egal, wesentlich ungenauer werden die Zahlen nicht sein als in den Hochrechnungen zuvor. Dafür sind sie ehrlich! Diese Zahlen werden tatsächlich nicht zu erwarten gewesen sein!


Der Mann mit den erweiterten Pupillen erscheint merkwürdig ruhig. Man hört ihn kaum. Was durchaus angenehm ist, oder es dreht sich um meine eigene nachlässige Medienaufmerksam- keit, also muss ich da etwas sehr richtig machen. Vorsichtig, ganz vorsichtig jedenfalls hege ich insgeheim den Verdacht, dass er sich nicht hundertprozentig wohl fühlt bei der ganzen Sache. Das ist lediglich eine Hypothese, weil beati pauperes spiritu hier immer gelten muss. Ein Freund hat erzählt von Menschen, die sich angesichts des knappen Wahlergebnisses sich einigermaßen erschreckt hätten. Menschen, die den Kandidaten der FPÖ gewählt hätten, um wem auch immer eins auszuwischen und ähnlich verdutzt dreingeschaut hätten wie britische Brexitgegner, die warum auch immer für den Austritt Großbritanniens abgestimmt haben, um ebenso wem auch immer eins auszuwischen und jetzt total überrascht sind, dass England tatsächlich die EU verlassen muss. Denen ist nicht mehr zu helfen, zumindest vorläufig. In Österreich gibt es nun eine zweite Chance, alles richtig und falsch zu machen. Ich denke, dass die Umstände, die dieser Brexit mit sich bringen wird, eher abschreckend sein werden. Das hilft unseren blauäugigen Kornblumenträgern eher nicht.

Die Brexitprotagonisten verhalten sich durchaus nachvollziehbar: Sie treten zurück. Zuerst wird ein Chaos angerichtet, aufräumen darf es nun der Rest von Großbritannien. Erfolgsprämien werden in schwindelerregenden Höhen ausbezahlt, also darf ein wenig Arbeit auch erwartet werden, um den Erfolg richtig auskosten zu können, möchte man meinen. Parallelen zu Kärnten sind erkennbar. Jedenfalls dürfte ein EU-Austritt als Wahlzuckerl eher wegfallen. Ein Thema weniger, wogegen man sein könnte, die große, um nicht zu sagen einzige Stärke oder Fähigkeit der rechtsextremen Fraktion. Und wenn die wüssten, was es mit der Kornblume biologisch auf sich hat, könnten die Nerven bald gänzlich blank liegen. Die Kornblume ist nämlich ursprünglich keine mitteleuropäische Pflanze. Ist sie nicht. Genau genommen ist die Kornblume ein Neophyt, also eine Pflanze, die sich in Gebieten angesiedelt hat, in denen sie nicht heimisch war. Kornblumen sind also Einwanderer. Sie zählen zu den hemerochoren Pflanzen, also zu solchen, die sich durch eine Kultur wie Ackerbau zum Beispiel ausbreiten haben können. Da tragen diese Gesellen also ein Stück Wiese an ihrem Revers und haben genau davor Angst, was ihnen dieses Stück Wiese oder Ackerrain in der Vergangenheit vorexerziert hat.

In Endlosschleifen wird uns in allen Medien vom europäischen Rechtsruck erzählt. Von den Ängsten, die verstanden werden müssen. Eine wunderbares Statement war in einer deutschen Zeitung zu lesen bezüglich der Einwanderungsströme nach Deutschland: Mit dieser Flüchtlingswelle nicht zurechtzukommen wäre gleichzusetzen mit einem Fest für 80 Personen, und das Fest bräche zusammen, weil jemand seinen Bruder mitbringt. Ganz selten wird das Thema Bringschuld thematisiert, dieses ist lediglich in den Randbezirken der traurigen Medienlandschaften zu finden, in Österreich so gut wie gar nicht. Wir fassen in Kürze zusammen: Europa stürzt sich seit Jahrhunderten auf die ganze Welt, nimmt sich davon nicht nur, was es braucht, sondern noch viel mehr, hinterlässt kaputte Gegenden, in denen sich nun die Menschen mit unter anderem europäischen Waffen gegenseitig bekämpfen – so lässt sich noch ein Geschäft elegant unterbringen - und wundert sich nun, dass ein paar hierher kommen, weil zu Hause nichts mehr ist. Ist das so kompliziert? Sollte Bringschuld nicht einmal diskutiert werden? Ein kurzer Blick auf unsere Ministerriege beantwortet diese Frage von selbst und ohne Nach- denken mit Nein, der zweite Blick auf die Medienlandschaft unterstreicht es dick und doppelt. Ich denke, es wäre aber einfacher zu verstehen als Menschen, die genug zu essen, zu trinken, zu wohnen, zum Urlaubfahren, für zwei oder gar drei Autos und vieles mehr haben und gleichzeitig Angst davor, dass ihnen jemand von dieser zweihundert Kilo schweren Salami ein Rad abschneidet. Bei allem Respekt vor den Aufgaben und Problemen, die eine Einwanderung vieler Menschen in kurzer Zeit mit sich bringen.

Wohin bewegen sich Länder unter rechtsextremen Führungen? Hat das schon irgendwo einmal Sinn gemacht? Solche Projekte haben früher oder später ein klägliches und immer fürchterliches Ende genommen. In Großbritannien hauen die Rechtsextremen nach der Abstimmung gleich ab – eigentlich eine gute Idee, so kann der Schaden wenigstens im Rahmen gehalten werden, feig und lächerlich ist es allemal. Das Wirtschaftsprogramm des Front National unter Marine Le Pen, sollte sie an die Regierungsspitze gelangen, prophezeit einen Staatsbankrott in wenigen Jahren. In Österreich kann so etwas nicht analysiert werden, weil es wohl gar kein Wirtschaftsprogramm von dieser Seite gibt, dass nicht im Bereich völligen Unsinns angesiedelt wäre.

Wer auch immer die Gegenkandidatin oder der Gegenkandidat zur rechten Fraktion ist, spielt eigentlich keine Rolle: es ist ein Drama, dass es überhaupt so knapp sein kann. Dass so viele Menschen so wenig Inhalt für ausreichend halten, um an der Spitze eines Staates zu stehen. Die Korsen in der Asterix-Geschichte von René Goscinny füllen die Wahlurnen bereits vor der Wahl, werfen diese ins Meer und der stärkere der Kontrahenten gewinnt in einem anschließenden Zweikampf. Goscinny selbst starb mit nur 51 Jahren bei einem medizinischen Belastungstest an einem Herzinfarkt. So einen Belastungstest sollte sich Österreich ersparen.

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(c) Bildrechte: (Mick Baker)rooster - Brexit(CC BY-ND 4.0)
Originalbild: flic.kr/p/J43eS...




[Kolumne/Walter Schaidinger/12.07.2016]







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