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Notizen über ein paar neue Formate und ihre Implikationen

Von der Bewusstseinsproduktion im Kleinbetriebsverband. Erster Teil einer Netz-Rundschau.


Vom kreativen Content...

Es gibt ja Leute, die verdienen ganz gut Geld damit, kreativen Content online zu stellen. Die Qualität des je Gebotenen, das Format, der intellektuelle bzw. ästhetische Anspruch und die konkrete organistorische Abwicklung variieren; von professionellen Polit-Kommentar-Videos, bezahlt durch das Budget einer Tageszeitung, reicht das Angebot bis zum spendenfinanzierten wöchentlichen Fernsehserien-Kommentar-Textchen.

Die Existenz dieses direkten, niederschwelligen Kanals zwischen Produzenten (überall auf der Welt) und Endkonsumenten (auch überall auf der Welt) ist neu. Gabs noch nie. Was da vorliegt, ist die dritte Welle der geglückten Verankerung der ganzen Welt in einer gemeinsamen Wirklichkeit - einer gemeinsamen Zeit. Erst Eisenbahn, dann Radio und TV, jetzt das. Und es bedeutet ein paar Verschiebungen in Hinblick darauf, aus was für einem Ensemble von Einzelstimmen der ästhetische, politische oder akademische Diskurs besteht, der gepflegt wird; in Hinblick darauf, was für Diskurse überhaupt erst mal (nicht) gepflegt werden können; in Hinblick auf das Verhältnis von Welt und Reden-über-die-Welt. Was das genau für Verschiebungen sind, das wissen wir noch nicht. Solches Unwissen rührt daher, dass wir (bzw. "Wir" als Abbild in den Massenmedien) so tun, als hätte sich an der Natur des Wissens und des öffentlichen Sprechens durch das Entstehen des Netzes nichts Wesentliches geändert - als wäre das Netz halt so eine Art glorifizierte Rohrpostmaschine. Was natürlich Unsinn ist.


Seit wir das Netz haben, wissen wir eh schon immer alles. Es geht nicht mehr drum, wie gut Du im Suchen-und-Sichten von Information bist. Suchen musst Du nicht mehr, weil alles schon rumliegt; und Sichten kannst Du nicht mehr, weil alles schon rumliegt. Umfassende Bildung ist bestenfalls noch eine Marotte, ganz sicher jedoch kein Wettbewerbsvorteil mehr in der Produktion von Content, sei dieser akademischer, künstlerischer oder journalistischer Natur. Der Wettbewerbsvorteil ist inzwischen ein anderer: Sagen wir: Die Fähigkeit, Ausschlusskriterien zu formulieren, mit denen Du möglichst viel von dem findest, was Du tatsächlich brauchst für die jeweils gestellte Aufgabe, und Dein Hirn mit möglichst wenig von dem anderen Zeug belastest, das unter den selben Schlagworten garantiert auch noch in den Registern liegt. Oder sagen wir: Mustererkennung.


Die Produktions- und Distributionsbedingungen für Content haben sich also verändert. Damit ändert sich, wer von der Sphäre angezogen oder abgestossen wird. Zu mutmaßen steht, dass deshalb eine gewisse Unklarheit sich breit macht, was Kultur u.ä. nochmal genau sein soll: Will sagen, dass es an einem tauglichen Begriff für die Gesamtheit zu mangeln scheint, an deren Einzelbestandteilen man als Diskursarbeitstier jeweils rumfrickelt. Die bekannten Begriffe solcher Gesamtheit - Kultur, Diskurs, Kunst, Akademie usw. usf. - kommen aus früheren Stufen der gesellschaftlichen Organisation von Content-Produktion. Ganz treffen sie es nicht mehr.


Was sich anbietet, um diese begriffliche Unschärfe vielleicht zu beheben, ist ein Überblick über jene Bewusstseinsproduktionszusammenhänge, die es so bis vor 10-15 Jahren nicht gegeben hat - noch nie gegeben hat: Vertriebswege, Feedbackschleifen zwischen Produzent und Endkonsument, Themen, Erwerbsbiographien, relevante Formate. Jeweils anhand von ein-zwei Beispielen...


Womit das Essayformat ganz unvermittelt in eine Webrundschau umschlägt. Also: KiG! präsentiert: Die Webseiten mit kreativem content, die der Schmitzer spannend findet. Vielleicht lassen sich da (s.o.) Muster erkennen. Mal sehen.


4chan als Paradigma


Wenn, s.o., alles Wissen eh schon rumliegt, dann ist es nicht Aufgabe der ProduzentInnen von Content, es zu vermehren oder zu kompilieren. Dann hat sich der Diskurs vom Archiv abgekoppelt. Was vor 100 Jahren bloß den Zeitungen vorbehalten war - "Gebrauchstext" zu generieren, bestimmt zum Konsum und zum alsbaldigen Überlagertwerden durch neuen Gebrauchstext - ist zum vorherrschenden Paradigma geworden. Niemand mehr, der Content irgendwo hinstellt, geht davon aus, dass seine Arbeiten als Oevre rezipiert würde, diachron und/oder kontemplativ...


Sagen wir's anders: Nicht mehr die "Zwiesprache" zwischen Ich und Werk bildet die Norm, zu der sich ProduzentInnen irgendwie verhalten müssen. Statt dessen halten Werke miteinander Zwiesprache - was auch einen Unterschied für den Werkbegriff macht. Ausnahmen bilden die Bereiche, die an veraltete Vertriebs- und Produktionsweisen gebunden sind: "Bildende Kunst" z.B., wo es ums "Original" geht, das an Sammlungen und/oder Generaldirektoren verkauft sein will. Ansonsten aber gilt: Was nicht in den Sekunden seines Öffentlichwerdens den Diskurs anheizt und zu Widerrede, Zustimmung oder ironischer Montage verführt, verschwindet ziemlich bald wieder aus dem Fokus der Diskursgemeinschaft... So, wie es den Bildchen und infantilen Kommentaren auf 4chan und verwandten Imageboards (wie krautchan et al.) ergeht. Womit die erste Station dieser Webrundschau benannt ist.


Was, fragen nun jene LeserInnen, die sich noch ihres intakten Vertrauens in die Menschheit erfreuen, ist 4chan? - Ein Webforum, das vor allem auf das Hochladen und Abtauschen von Bildern ausgerichtet ist. Es interessiert uns hier aus zwei Gründen besonders: Erstens herrscht völlige Anonymität - nicht die gewohnte Webforen-Anonymität, bei der jedeR UserIn ein oder mehrere Nicknames hat, wodurch zumindest noch nachvollziehbar bleibt, welche Beiträge eines Threads von *gothzilla1995* bzw. von *creepyoldman* stammen. Solche Anonymität ändert nichts an der Grundstruktur der Kommunikation. Auf 4chan und verwandten Foren jedoch gibt es auch keine Nicknames: Wer was geschrieben hat, ist unmöglich nachzuvollziehen. Die Form des Gesprächs selbst ist suspendiert und durch eine Art Dahinplätschern - oder Durcheinanderschreien - ersetzt. Zweitens "fällt" Content, auf den eine Weile niemand reagiert, "hinten runter": Die Anordnung der angezeigten Threads orientiert sich ausschließlich daran, in welchem Thread zuletzt etwas geschehen ist; und die Gesamtmenge der vorhandenen Threads ist begrenzt. Jedesmal, wenn jemand einen neuen Thread eröffnet, "fällt" ein alter "runter" und ist weg. Was bei einigen hundert Beiträgen pro Stunde zu einem absurd schnell geführten Aufmerksamkeitswettstreit führt, der eine gewisse Reduktion der Beiträge aufs Wesentliche befördert.


Was dieses "Wesentliche" indes wäre, richtet sich - besonders auf /b/, dem Unterforum für "Vermischtes" - nach ungefähr den selben Kriterien, wie sie uns auf einem Pausenhof voller ADHS-gestörter Dreizehnjähriger begegnen würden. Süße Kätzchen, "Gore" (dh. möglicht ekelerregendes Zeug, vom verstümmelten Gesicht bis zum Kackhaufen), Bildmaterial hart an der Grenze zur Kinderpornographie, japanische Comics, meta-meta-metareferenzielles Zeug aus dem Fundus der TV- und Popkultur...


Was hat ein solches Pausenhof-Dings im Netz aber mit dem Paradigemenwechsel "des Ästhetischen" bzw. "Diskursiven" zu tun? - Auf diese berechtige Frage gibt es zwei Antworten:


Erstens und vor allem den Hinweis darauf, dass ein grosser Teil der memes und running gags der Netzkultur just auf 4chan ihren Anfang nahmen - dass also gerade das überhitzte Pausenhof-Klima, in dem "der Schwarm" operiert, Zeug hervorbringt, das einen Nerv der Mehrheit der Netz-NutzerInnen zu treffen scheint. Was diese "memes" genau sind, wäre übrigens auch so einen Aufsatz wert. Das Wort "meme" wird zwar gern und viel verwendet, um wiederkehrenden Schabernack auf Youtube u.dgl. zu bezeichnen, doch dass es sich einer höchst eigenen Strömung der Erkenntnistheorie verdankt - genauer zu inspizieren auf der Seite von Susan Blackmore, der verantwortlichen Psychologin - wird gern vergessen.


Die andere Antwort auf diese Frage betrifft den kommenden zweiten Teil dieser Netzrundschau direkt: Der Wettstreit um Aufmerksamkeit, der auf 4chan absurde Schockeffekt-Blüten treibt, ist auch als Ergebnis eines globalen Marktes ohne Vermittlerinstanzen, ohne "Zwischenhändler" zu verstehen, wo es nicht darum geht, "Experten" zu befrieden, um zu den "Laien" bzw. EndverbraucherInnen überhaupt erst vorgelassen zu werden. Will sagen: Leute, die kreativen Content online stellen - nicht als soziale Übung wie auf 4chan, sondern um "die Sache" bemüht - sind zur Pointe geradezu verdammt. Die grössere inhaltliche und formale Freiheit gegenüber den traditionellen Märkten für Diskurs und/oder Kunst geht einher mit einem rigiden Zwang, jedes neue Stückchen Text/Bild/Video mit einer Punchline bzw. einem Cliffhanger bzw. sonst einem guten Grund für die Konsumenten auszustatten, alsbald wiederzukommen. Kein Kommentator weit und breit federt das ab, wenn ein Stück Content nicht unmittelbar befriedigt.


Weshalb wir uns beim nächsten Mal diversen Webcomics zuwenden werden, als Nachfahren jener visuellen Kunst, die auch in ihrem Anfang als Sonntagszeitungsbeilage ca. 1905 schon auf Punchline und Cliffhanger abonniert war (vgl. z.B. Windsor McCays "Little Nemo in Slumberland").


Linkliste:


4chan: http://boards.4chan.org/b/

krautchan: http://krautchan.org 

Memetics: http://www.susanblackmore.co.uk/memetics/

Little Nemo: http://comicbookfan.wordpress.com/tag/little-nemo-in-slumberland/


(to be continued...)



...




[Kolumne/S.Schmitzer/15.10.2011]







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    Kolumne - S.Schmitzer


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