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Der Fremde

Ein Teil der Einstürzenden Neubauten war aus der Band Abwärts hervorgegangen. Das Album Amok umfasste damals gesellschaftskritische Songs. Unweit der Grazer Synagoge befindet sich Bernhard Wolfs “Zeit”, eine mehrdimensionale schwarz-weiße Zeitverschiebungsscheibe, die auch als Zielscheibe über die Zeit hinaus ihren Fokus setzt. Kunst im öffentlichen Rahmen. In der Zweiglgasse wohnt eine junge Drehbuchautorin, die bei Michael Haneke studierte, ein Ort, der seine dramatische Spur über 8020 weiter ins Stadtzentrum hinaus zieht. Hier, unweit des Griesplatzes treffen sich abends Jugendliche und sie spielen ihren Computerkrieg mit unechten Toten. Man kommt von auswärts zum computerdegenerierten Töten auf den Platz. Und hier begann der Trauermarsch der, der Amokfahrt folgend. Dramatisch verdichtet sich eben gerade hier die Raum-Zeit-Achse zu jener feigen mörderischen Mörderfahrt. Es begann mit einer Attacke gegen das Eigene, ein muslimisches Paar. Vor Jahren hatte ich ein Drehbuchfragment mit dem Titel “Krieg der Köpfe” verfasst; eine Fluchtgeschichte von Bosnien aus, die hier in Graz strandete. Das Drehbuch ist heute verschwunden und zeigt mir über die Jahre die Lücken, die ich als Autor hatte. Fast unschuldig ahnungslos näherte man sich einem dramatischen Stoff, den man in seiner Dimension nicht gewachsen zu sein schien und scheint. Warum sich Radikalisierung fortsetzt, warum Hass und Gewalt sich in der Psyche von Täterprofilen widerspiegeln und die psychologische Trauma -Arbeit offenbar versagt hat? Gegen wen dreht sich die Raum-Zeit-Gewaltspirale einer Litfasssäule gleich und zeigt wieder auf das Eigenste. Konkret den eigenen Unterbau, die eigene Familie. Ob eine psychologische Betreuung im Vorfeld ein Garantieschein für eine Befriedung werden hätte können das bleibt hypothetisch offen. Jeder Einzelfall ist viel zu speziell. Und schließlich hätte es jeden treffen können, Opfer wie Täter. Dass es diese Computerspiele gibt, wo Amokfahrten simuliert werden, ist schon mehr als bedenklich. Ebenso die Radikalisierung fundamentaler Gedanken christlich oder muslimisch und umgekehrt. Jeder Akt der Gewaltinszenierung ist völlig untragbar. Die Vergletscherung im Hanekeschen Sinne nimmt radikal zu; dass H.C. Strache unmittelbar nach dem Attentat einen terroristischen Hintergrund nicht ausschließen will, eine Mutmaßung, die sich in vielen Einvernahmen und Verdachtsmomenten in den Bericht des Untersuchungsrichters zeitlich hinein verlagern wird. Jede vergletscherte Vorverurteilung ist auch in diesem konkreten Fall pietätlos ... allen Opfern gegenüber. Verschwörungstheoretisch liegt da sicher noch einiges im Dunkeln. Wir als Gesellschaft sind aufgefordert, weder zu polarisieren noch zu verharmlosen. Wir sind aufgefordert wach bei Verstand zu bleiben und anzuerkennen, dass das Gewaltpotential generell ansteigt. Eine Erwartung, die von der rechten Seite geradezu propagiert und heraufbeschwört wird. Gleichzeitig eine Tatsache, die man nicht verleugnen oder beschönigen will. Wenn ein PKW zur Waffe wird und ein Messer sich aufs Brutalste gegen friedfertige Bürger wendet kommt mir die Frage nach dem Krieg der Köpfe wieder in den Sinn. Krieg, der seine Wunden ausbreitet, aus der Vergangenheit in die Zukunft, der Zeitspirale entkommen. Ich selbst ging nach dem Attentat an den Fluss hinunter und lies mich der Stille „heimfallen „... dem Rauschen. Jenes Messer hätte genauso im Arsenal des Roten Keil in der Ausstellung “Der III. Krieg hängen können, wo eine Vielzahl an künstlerischen Positionen das Thema Krieg verinnerlicht hat, eine Sammlung, die es auch nicht schaffte die nötige Trauma Arbeit zu leisten. Und dennoch wird der Spruch “Make Art not War” hier nahezu pazifistisch, friedfertig wie die vielen Kerzen, die dann in der Zweiglgasse flackerten. Die traumatischen Wunden liegen offen und bluten, lassen sich offenbar wie das Computerspiel schwer abschalten. Kurz nach 12 Uhr raste der Geländewagen durch die Grazer Herrengasse, auf der Jagd nach zivilen Opfern. Dort wo einst Bettler vor der Stadtpfarrkirche hockten, flackern nun Kerzen. Eine getötete Frau ist bis lange unbekannt geblieben. Man nahm an, dass es eine Bettlerin war. Das veröffentlichte Foto macht mir etwas Angst vor meiner eigenen filmischen Vergangenheit und einer Zukunft ... Noch immer knien Menschen hier unerkannt und unbekannt vor uns, völlig anonym und oft angefeindet. Die Filme um das Grazer Bettelverbot zeigen diese Positionierungen um die Herrengasse deutlich wie eindringlich. Es bestürzt, dass sich wenige Tage nach dem Attentat alles wieder in eine Normalität hinein verschiebt; die Opfer einer Gesellschaft bleiben eben Opfer, die politische Hetze um das Bettlerunwesen bleibt unvergessen. Und das alles mitten in der Einkaufs/Flanierzone unserer Stadt. Der Fremde tötet Fremde. Das ist keine Anspielung auf Camus; trotzdem will ich der Tatsache ins Auge sehen, Wir können uns in dieser Hauptstadt der Menschenrechte nicht aus Europa und seinen Problemzonen herausnehmen, werden nun schmerzhaft konfrontiert und betroffen. Gewalt spielt eine nicht wegzuleugnende Rolle, Wegweisungen sind an der Tagesordnung; und wie weit die psychologische Nachbetreuung überhaupt leistbar ist, fragte mich eine Psychologin angesichts des Trauer-Schweigemarsches durch die Grazer Innenstadt. Auch hier Kosten-Nutzen-Ängste um Therapie und deren Behinderung. Wie viele tickende Zeitprofile hier herumlaufen, kann man im Vorfeld nur erahnen; eine therapeutische Einzelbetreuung scheint auf alle Fälle zielführender als leistbar. Ob Kalsdorf zu weit von Graz entfernt liegt, ob man hier südlich von Graz noch fremder als fremd geworden ist, kann bei im Angesicht der FPÖ-Ängste aus Gössendorf nur erahnen. Da kann auch eine österreichische Staatsbürgerschaft nichts ändern oder gar verhindern. Man darf das Eigenste hinterfragen, den tiefen Satz des eigenen kriminellen Neigungspotentials; ebenso wie die terroristischen Bombenanschläge eines Franz Fuchs, der ganz Österreich über ein völlig anderes Zeitprofil in Atem gehalten hat. Der bessere Österreicher könnte einen Österreicher zum Nachbarn haben einen mit einem Beigeschmack von Gefährdungspotential. Die psychiatrischen Einweisungen nehmen laufend zu, wie mir unlängst ein Facharzt aus der Sigmund Freud Klinik bestätigte. Krieg, TV-Kriege und Computerkriege haben einen psychotischen Beigeschmack. Ob der zu erwartende Maßnahmenvollzug in einer Sonderanstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher endet, kann man nur mutmaßen. Dramatisch ist die U-Haft und der vorprozessuale Gebaren genug; um dann noch Hubsi Kramer, der am Mittersteig mit bosnischer Musik inszenierte zu zitieren: “Draußen ist Krieg. Drinnen auch.” Die Dramatik der Zeit ist rasend sichtbar gemacht worden, eine Dramatik die schon Werner Schwab, ein Freund von Abwärts und Einstürzende Neubauten gewusst wie, der literarischen Gesellschaft hingeknallt hat. Und wer den III. Krieg versäumt hat, ist nicht unbedingt selbst schuld. Vielleicht geht bald gar keiner mehr hin in einen Amok rasenden Krieg der Köpfe, steigt auf ein Fahrrad in the Dutch Mountains, wo Schwab erfolgreicher war als hier um die Ecke. Und gerade hier wird das dramagraz in nun in seiner Existenz bedroht, das Drama selbst zum Opfer stilisiert.


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[Artikel/n.nagy/13.07.2015]







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