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Brandrede

Ein Projekt anlässlich von „what you really need“ im Medien Kultur Haus Wels

Zwei Künstlerinnen aus Graz, die in den letzten Jahren immer wieder Berührungspunkte in ihrer Arbeit gefunden haben, treffen sich in Wels und behandeln diesen Ort wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Sie schreiben sich dort ein - mit ihren unterschiedlichen Ausgangssituationen und spezifischen Wissenszugängen - indem sie gemeinsam der Frage nachgehen: Was sind die Bedingungen der Möglichkeiten für Selbstbestimmung?

Anita Hofer & Reni Hofmüller gehen an das Thema heran, indem sie die Frage „What you really need“ für sich und ihre Arbeit als Künstlerinnen stellen. Sie greifen die Thematik nicht nur inhaltlich auf, sondern nehmen sie auch als Grundlage dafür, die Tätigkeit an sich darauf aufzubauen und vorherrschende Prinzipien in der Kunst- und Kulturszene in Frage zu stellen. In diesem Sinne war es für sie zu Beginn der erneuten gemeinsamen Arbeit klar, dass es sich im Laufe intensiver Vorbereitungstreffen und der zehn in Wels verbrachten Tage erst herausstellen werde, ob daraus ein öffentlicher Auftritt, ein Event oder eine Performance im Rahmen einer Abendveranstaltung des MKH-Projekts resultieren werde. Sprich sie selbst benötigen die sonst oft als essentiell angesehene Repräsentation nicht unbedingt. Wenn sie sich ergibt, dann gut so – wenn nicht, auch gut.
Somit ermöglichen sich Anita Hofer & Reni Hofmüller eine differenzierte Annäherung an das Thema, im Gegensatz zu den restlichen, von der repräsentativen Struktur her fix definierten Programmpunkte.

Bewusst wird vieles offen gelassen, ein experimenteller Zugang gewählt, Zeit zum Eintauchen und Schreiben als Annäherung genutzt. Die beiden Künstlerinnen beschäftigen sich seit etwa Herbst 2007 mit ihrem Beitrag zu „What you really need“, recherchieren im Vorfeld, treffen sich regelmäßig und durchforsten beispielsweise „100 Jahre alte Schinken, die nach wie vor Aktualität haben“. Ins Welser Medien Kultur Haus, in welchem ihnen nach anfänglichen Schwierigkeiten ein eigener Raum zur Verfügung gestellt wird, nehmen sie ausgewählte Materialien und Werke (beispielsweise Acting Out: Feminist Performances von Lynda Hart und Peggy Phelan oder Schriften der durch gesellschaftspolitische Ereignisse wie dem Haymarket Riot 1886 in Chicago, der Russichen Revolution 1917 und dem spanischen Bürgerkrieg 1936-39 geprägten Anarchistin Emma Goldman) mit, um vor Ort weiterzuarbeiten.

Fragen wie Was engt im Alltag ein, was im Event? oder Was ist Freiheit im künstlerischen Arbeiten? werden gestellt und kritisch hinterfragt. Charakteristika und Normierungsformen von Verhalten sollen am Beispiel von Wels diskutiert werden und daneben eine Position außerhalb dualistischer Logik gefunden werden.

Hofer & Hofmüller erarbeiten ein auch für sie komplett neues Konzept an Problemstellungen heranzugehen und wollen dies auch in Zukunft umsetzen. Die, zum Teil spontan und auf Grund örtlicher Gegebenheiten entstandenen Projektansätze, die medial dokumentiert werden, sollen nach dem Aufenthalt in Wels in künftige Arbeiten einfließen.

Schlussendlich ergibt sich ein Produkt, das in das abendliche und generelle Schema eingebunden werden kann: Neben verschiedenen Aktionen im öffentlichen Raum, die nicht eingebunden werden, halten Hofer & Hofmüller eine Brandrede mit Megaphonen von einem Balkon am Welser Kaiser-Josef-Platz, welche medial dokumentiert, mittels Kurzfilm-Loop in das Abendprogramm eingebunden wird und noch die gesamte Dauer von „What you really need“ im MKH präsent ist.
Ziel dieser Auftritte ist es, darauf hinzuweisen, inwiefern die breite Masse „individualisiert“ in jeweils von der Umgebung und den Mitmenschen abgegrenzten „Flüssen“ dahin schwimmt und sich kaum irritieren lässt. Irritation hier weder im positiven noch im negativen Sinn gemeint, sondern eher als Anregung, dann und wann doch aus einem eingefahrenen Alltag auszubrechen.

Die Brandrede ist mit „Wir gehen davon aus“ betitelt und wird von dem Balkon einer Steuerberatungsfirma gehalten. Deren Belegschaft (bis auf den Chef weiblich besetzt) nimmt die Inhalte durchwegs positiv auf. Der ausgewählte Balkon ist historisch vorbelastet, schon Kaiser und Papst sprachen von dort aus zum Volk – insofern schaffen Hofer & Hofmüller einen „feministischen Ausgleich“ und geben sich symbolisch (durch das Tragen von Röcken) auf den ersten Blick als Frauen zu erkennen:

Wir gehen davon aus
dass jede Form von Herrschaft auf Gewalt beruht.

Wir gehen davon aus
dass Regierungen nur dazu dienen, Eigentum und Monopol
aufrechtzuerhalten und zu schützen.

Wir gehen davon aus
dass Eigentum nur dazu dient, über Dinge zu herrschen und andere daran
zu hindern, diese Dinge zu benutzen.

Wir gehen davon aus
dass das Patriarchat ein Werkzeug menschenfeindlicher Interessen ist.

Wir gehen davon aus
dass die Unterdrückung der Frauen ein Werkzeug kapitalistischer
Herrschaft ist.

Wir gehen davon aus
dass Patriotismus ein Aberglaube ist, der den Menschen ihre
Selbstachtung nimmt und stattdessen Arroganz und Egoismus fördert.

Wir gehen davon aus
dass Religion ein Aberglaube ist und die Kirche ein Feind des freien
Denkens.

Wir gehen davon aus
dass die Mehrheit eine Masse von Feiglingen ist, die allen zujubelt,
die ihnen nach dem Mund reden. Deshalb ist sie selbst verantwortlich
für die herrschenden Zustände.

Es geht darum
diesen reaktionären Überbleibseln abgelebter Zustände
die Stirn zu bieten. Wir haben diese Ungetüme vor 100 Jahren besiegt!
Nichts hindert uns daran, es wieder zu tun!



Beachtet werden die beiden Künstlerinnen von den PassantInnen kaum. Viele würdigen sie nicht einmal eines Blickes, was vermutlich nicht nur am mäßig schönen Wetter liegt. Wenige bleiben kurz stehen, um dann jedoch wieder weiter zu marschieren. An einer Hand abzählen kann man einerseits die Menschen, die sich die gesamte Brandrede zu Ohren führen (teils begründet durch das Warten an der wenige Meter entfernten Bushaltestelle) und andererseits diejenigen, die sich wörtlich dazu äußern. „Geht doch mal arbeiten“ ruft ihnen eine ältere Frau von besagter Bushaltestelle zu. „Wir sind schon froh, dass überhaupt jemand reagiert“ äußert sich Anita Hofer darauf Bezug nehmend. Die beiden KünstlerInnen lassen sich nach ihrem „Auftritt“ am Balkon bereitwillig darauf ein, mit der, sich als „blöd“ diffamiert gefühlten Passantin Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Als jedoch noch ein weiterer Zuhörer hinzukommt, der ebenfalls überzeugt behauptet, auf Grund des vermeintlich gefallenen Wortes „blöd“ stehen geblieben zu sein, und die Diskussion mit abgedroschenen Phrasen aus dem rechten Eck in eine aussichtslose Richtung abzudriften scheint, beschließen sie, sich nicht länger damit auseinanderzusetzen und suchen das Weite bzw. die Wärme.

von Tamara Imlinger

Video auf:
http://appropriation.mur.at...




[Artikel/artifex/10.05.2009]







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