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Achtung: Zug hält nur bei Bedarf!

Sehr geehrte Fahrgäste!

Ab 9. Dezember 2012 halten die Züge an den Stationen zwischen Spielfeld-Straß und Bad Radkersburg nur bei Bedarf. Wenn sie in den Zug einsteigen möchten, geben sie bitte den Haltewunsch durch einen deutlichen Hinweis (z.B. Handzeichen) an den/die TriebfahrzeugführerIn bekannt. Möchten sie aus dem Zug aussteigen, drücken sie die Haltewunschtaste im Zug. In Zügen ohne Haltewunschtaste wenden sie sich an das Zugbegleitpersonal.

ÖBB-Personenverkehr AG


Absatz


Der obige Text ist kein Beitrag einer südoststeirischen Faschingssitzung, auch kein Relikt aus längst vergangenen Zeiten. Diese Information habe ich am 16. November des Jahres 2012 in der Eisenbahn vorgefunden. Den Rest der Bahnreise auf genau jener Strecke von Spielfeld nach Bad Radkersburg habe ich damit verbracht, meine Fassung wiederzufinden.

Da stellen sich doch einige Fragen zu den konstruktiven Vorschlägen, wie die Züge oder Triebfahrzeuge in Zukunft betreten und verlassen werden können. Die sicherste Variante ist wohl jene, zu deren glücklichen Benützern ich mich meistens zählen darf: Nämlich die Reise von der Anfang- zur Endstation. Es ist zumindest davon auszugehen, dass vor der Abfahrt ein Zug auf den Gleisen des Startbahnhofs steht und nicht dahergebraust kommt. Ist aber auch schon vorgekommen, in Wien, nach Vertröstungen in etwa fünf Minuten-Abständen (bei der Ankündigung „15 Minuten Verspätung“ hatte er bereits 18, da haben sie sich verplappert) fuhr der Zug mit etwa 40 Minuten Verspätung ein und ab. Die Fahrgäste durften ohne Zeichen aus Eigeninitiative einsteigen. Bad Radkersburg ist aber im Gegensatz zu Wien-Meidling quasi ein Kopfbahnhof, das hat nun weniger mit einer gigantischen Wichtigkeit der Stadt zu tun als vielmehr mit der Tatsache, dass die Gleise hier einfach aufhören.

In Spielfeld könnte das schon schwieriger sein. Es gibt zwar keine Züge, die aus Slowenien kommend nach Bad Radkersburg weitergeführt werden und also keinen Richtungswechsel machen müssten, aber wer weiß wie das mit jenen Zügen ist, die aus Graz kommend quasi direkt, eben mit einmaligem Richtungswechsel, nach Bad Radkersburg weiterfahren. Mit so einem Zug war ich bereits unterwegs, Chris Lohner erklärte kurz vor Spielfeld, dass der Zug hier ende und alle bitte schön aussteigen möchten. Das haben alle vorschriftsmäßig gemacht, um etwa eine Minute später in genau den selben Zug wieder einzusteigen nach der simplen Antwort des Personals, dass dieser Zug ohnehin weiterfährt. Chris Lohner wackelt als letzte Instanz. In Zukunft dreht sich der Spieß aber um: Anstatt freundlich erklärt zu bekommen, dass der Zug sowieso nach Bad Radkersburg fährt, werden wir winselnd und auf Knien betteln, dass wir wieder oder überhaupt einsteigen dürfen.


Bei einem anderen Abenteuer fuhr ein als Schienenersatzverkehr gedachter Autobus etwa eine Minute nach seiner Planabfahrt vom Bahnhof Spielfeld ab. Die Fahrgäste haben noch gewunken, aber es gab kein Pardon. Nach der Androhung einer Revolution ließ der Fahrdienstleiter den Busfahrer umdrehen. Auf die Frage an den Chauffeur, ob er denn die ankommenden und gerne weiterfahrenden Fahrgäste nicht gesehen hätte, kam die Antwort, dass er auch nicht immer in den Rückspiegel sähe. Auf meinen Vorschlag, das doch in Zukunft einmal zu versuchen, kam die Antwort: „Du muaßt a bißl aufpassen wos d´ sogst.“ Als Reaktion auf den Beschwerdebrief bei den ÖBB, in den ich weitere Erlebnisse verpackte wie etwa einen gnadenlos überfüllten Zug gleichzeitig ohne Speisewagon wie auf dem Fahrplan angekündigt (mit zwei Kindern zwei Stunden durstig am Gang zu hocken auf einer insgesamt zehnstündigen Reise mit viermal Umsteigen ist nicht lustig) erhielt ich Gutscheine im Wert von € 20,00. Damit wäre nicht einmal ich alleine mit allen Vorteilstickets der Welt auch nur in die Nähe der damaligen und sämtlicher anderer Destinationen gekommen. Die Gutscheine habe ich also mit einem höflichen Schreiben und einer Erklärung, dass ich nun wüsste, was das Wort Fremdschämen bedeutet, zurückgeschickt.


Es ist erhebliches Ungemach zu vermuten, was aufgrund meiner Erfahrungen bisher aus oben genannten Zeichen und Signalen insgesamt betrifft. Wenn schon ein Buschauffeur droht, bitte schön aufzupassen, was einem über die Lippen kommt, möchte ich gar nicht wissen, was ins Haus steht, wenn ich nun, sagen wir, in Lichendorf winke und springe oder mit einer Taschenlampe Morsezeichen gebe, der/die TriebfahrzeugfahrerIn aber gerade in den Rückspiegel schaut, weil sich ja einer aufgeregt hat und dann mich, fast vor den Zug springend, übersieht, weiterfährt, weil es eine Bedarfshaltestelle ist, wie es heißt, und ich mich dann natürlich wieder aufrege bei den ÖBB. Die werden sich denken mir wäre langweilig, was ganz und gar nicht der Fall ist. Aber dass ein Unternehmen, dessen Zukunft aufgrund der ökologischen und ökonomischen Zustände von selbst gesichert sein sollte, sich bereits jetzt verhält, als wäre man konkurrenzlos Marktführer in jeglicher Verkehrskompetenz, scheitert an größerem Interesse, wenn Lösungen wie anfangs genannte angeboten werden, die nicht einmal zu Zeiten akzeptabel gewesen wären, als die Eisenbahn gerade erfunden und noch mit Pferden oder Eseln gezogen wurde. Ich betone, dass ich aus vielen Gründen weiterhin mit der Eisenbahn fahren werde und insgesamt gerne mit der Eisenbahn verreise. Wünschenswert wäre es, sich ein wenig mehr willkommen geheißen zu fühlen. Es verhält sich nämlich beim Bahnfahren durchaus nicht so wie mit raren Arbeitsplätzen, vor denen Warteschlangen stehen. Hier liegt der Druck am Management, Unfug zu vermeiden und Professionalität an den Tag zu legen. Fahrgäste mit 20 € Gutscheinen ruhigstellen zu versuchen zeugt nicht von hoher Qualität. Ich möchte hier nicht die vielen freundlichen und korrekten Mitarbeiter_innen vergessen, die den meisten Bahnfahrten einen angenehmen Ablauf ermöglichen. Allerdings sollte das gemeinsam mit Pünktlichkeit eine Selbstverständlichkeit sein und nicht als besonderes Erlebnis im Kalender vermerkt werden müssen. Ich rege mich auf, weil ich gerne mehr Leute in der Eisenbahn haben möchte! Weil ich gerne Werbung machen würde für das Eisenbahnfahren! Das traue ich mich aber – noch – nicht.


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[Kolumne/Walter Schaidinger/04.12.2012]







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