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Eine Werbedurchsage, durchaus ernstgemeint, zu Gunsten von ICORN

Für Städte, die keine Lippizaner haben und keinen Jedermann, bietet ICORN eine Alternative, um den Minimalanschein an Kultiviertheit zu erwecken. Sie sind pflegeleichter als Rockstars und Tenöre, günstiger als Damien-Hirst-Retrospektiven und geschmackssicherer als André-Heller-Zirkus-Tage. Leisten auch Sie sich welche für Ihre Stadt: Verfolgte AutorInnen!
Sind auch Sie BürgermeisterIn, KulturfunktionärIn oder sonstwie zuständigeR G'schaftlhuberIn einer österreichischen Stadt zwischen 100.000 und 350.000 EinwohnerInnen? Und leiden auch Sie unter Weltstadtneid gegenüber Wien? Haben Sie kulturelle Minderwertigkeitskomplexe gegenüber Salzburg(Stadt)? Überregulieren Sie also kompensatorisch jeden Furz, den die BewohnerInnen Ihrer Stadt zu lassen belieben? Oder plagt Sie bloß eine unbezähmbare Großmannsucht bei der Planung und Durchführung öffentlicher Bauaufträge und Projekte - eine Großmannsucht freilich, die stets aufs Berechenbarste dazu führt, dass just Ihr eigener, peinlicher Provinzialismus auf Jahrhunderte hin sichtbar in Stein, Beton und Glas gegossen wird? Tät' Ihnen persönlich in Wahrheit statt dem ganzen Kultur- und Repräsentationskram ein gelegentliches Steffi-Werger-Konzert völlig reichen, und zwischendrin vielleicht mal Weinverkostungen mit der Bauernbundjugend? Wissen Sie nicht, was Sie machen sollen, um sich zu profilieren und ihrer Stadt einen urbanen, weltgewandten Anstrich zu geben, damit die Jungen und gut Ausgebildeten, die G'frasta, nicht immer alle abwandern?

Das muß nicht sein! Die Lösung für Sie: ICORN!

ICORN ist das International Cities Of Refuge Network: Ein Städtebund, der dazu da ist, AutorInnen und JournalistInnen von überall auf der Welt unterzubringen, denen zu Hause wegen Zensur, Verfolgung, Bedrohung oder sonstiger Schikane gegen freie Meinungsäusserung der Boden zu heiß geworden ist. ICORN ist dabei keine Flüchtlingsorganisation, und die AutorInnen, die ICORN unterbringt, reisen nicht als Flüchtlinge. Das bedeutet für Sie, verehrteR StädtefunktionärIn, dass Sie all den Ruhm genießen können, den mutiger humanitärer Aktivismus mit sich bringt, ohne aber auch nur das geringste Quantum echten Mut zu benötigen: Wenn es nachher von Seiten der politischen Mitbewerber heisst, Sie hätten schrecklicherweise eineN weitereN AsylantIn in die Stadt geholt, können Sie getrost auf den Umstand verweisen, dass Ihr ICORN-Gast nach Ablauf seiner Residency wie vereinbart wieder verschwinden und das hübsch geschlossene Weltbild der - äh - bürgerlichen WählerInnenschaft keinesfalls länger als nötig stören wird.

Wenn irgendwas schiefgeht, z.B. weil einE GastautorIn das mit der Meinungsfreiheit naiverweise auch bei Ihnen in der Stadt ernst meint, können Sie sich vor der erzürnten Bevölkerung abputzen oder halt vor den grenzdebilen ewigen fünf Prozent Rechtsradikalen innerhalb der Bevölkerung, vor denen Sie wie alle Ihre KollegInnen österreichweit jederzeit verlässlich weiche Knie haben, weil Sie fälschlich glauben, etwas, das nur dumm genug ist, muss auch mehrheitsfähig sein (was sich widerum der zynischen Scheisse verdankt, die Sie in Ihren Kaderwochenenden und Coaching-Seminaren so lernen), indem Sie alle Anfragen und Vorwürfe an das administrative Zentrum von ICORN in Stavanger, Norwegen weiterverweisen.

Alles, was Sie zu tun haben, ist, eineN AutorIn für zwei Jahre mit einer Residency zu versorgen - vergleichbar etwa mit der Grazer Stadtschreiberstelle, aber doppelt so lang.
Falls unter den LeserInnen dieser Werbeeinschaltung nun hoffnungsgemäß auch Verantwortliche gerade der Grazer Kulturverwaltungsinstanzen sind, wird sich ihnen vermutlich längst der Gedanke aufgedrängt haben: "Wofür brauchen wir ICORN? AutorInnen aus zum Teil komplizierten politischen Kontexten für je ein Jahr bei uns aufnehmen, das machen wir schon länger!" Die Antwort hierauf ist einfach: Machen Sie einfach weiter, was Sie schon bisher gemacht haben (nur halt mit zweijährigen statt einjährigen Stipendien), und schreiben Sie auf dieses Ihr schon eingespieltes Treiben halt in Zukunft zusätzlich noch "ICORN" drauf (vorausgesetzt, Sie werden sich darüber mit der ICORN-Leitung einig). Es winken doppelt so viel Ruhm und Ehre bei gleich viel Arbeit in dieser Sache wie bisher... Oder Sie könnten ganz was Verrücktes machen und eine zusätzliche StipendiatInnenstelle einführen!

Zu den erfreulichen Aspekten einer Beteiligung an ICORN für Sie gehört auch, dass Sie die Distinktion geniessen würden, die erste österreichische Stadt zu repräsentieren, die mitmacht. Sogar Ljubljana war da schneller! Wenn gerade Ihre Stadt es sein sollte, die in dieser Hinsicht den ersten Schritt macht und den Stolz der Nation wieder herstellt, könnten Sie ja ein großes Gewese mit Brötchen und Ansprachen und "Bekenntnissen zur Meinungsfreiheit" und dergleichen leeren Repräsentationsgeräuschen mehr veranstalten. Je nach Ihrem persönlichen Geschmack beim Catering könnte es sich vielleicht sogar ausgehen, dass Ihrem Stadtsäckel die Residency selber billiger kommt als das Eröffnungsbrimborium dazu.

Link: www.icorn.org

Bildrechte: Bestimmte Rechte vorbehalten von Sparre

Original: http://www.flickr.com/photos/sparre/179691511/


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[Kolumne/S.Schmitzer/12.09.2013]







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    Kolumne - S.Schmitzer


    03.10.2017 gesamtsituation: tausend jahre fuffziger.

    30.05.2017 Mehr Beton!

    27.04.2017 Fronkreisch! Fronkreisch!

    23.03.2017 Autorität und Kleinganoventum. Eine Übersicht

    08.02.2017 Wahl und Kraftwerk und so weiter

    28.10.2016 Das Ding mit Marcellus Wallace's Soul

    19.08.2016 Zur Ehrenrettung der zweiten Staffel von "True Detective”

    06.07.2016 Richtig echt blöd

    02.05.2016 Ein Sendschreiben ins Jenseits

    23.03.2016 MACHT MEDIEN!

    18.01.2016 Pläpotenz, Identität und tapfere Krieger

    16.11.2015 "Unique Selling Position"

    09.10.2015 Und wieder mal: Das Wort zum Strache

    01.09.2015 Racism or not? Insufficient data.

    22.05.2015 Expropriieren! Expropriieren!

    09.03.2015 Was ist da los?

    19.01.2015 Lob des Grauens

    09.04.2014 Schon wieder ein Text vom Schmitzer über die Öffis

    10.03.2014 Ein Wunschkonzert für klingende Schienen

    31.10.2013 Wie man es machen soll. Ein Text zum Abfeiern des tortuga-zine.

    12.09.2013 Eine Werbedurchsage, durchaus ernstgemeint, zu Gunsten von ICORN

    30.07.2013 Vom Gesindel

    10.07.2013 Steireranzug-Blues

    13.06.2013 Der ORF und die Alchemie

    23.01.2013 Sheriff Mario reitet!

    20.12.2012 Survivor's Guilt und T(r)ollwut

    12.11.2012 Ponies, Kröten, Katastrophen

    09.10.2012 Heisse Luft und Nächstenliebe

    31.07.2012 Vom Atmosphärischen

    12.06.2012 Ein schwarz-grüner Geschenkvorschlag

    17.05.2012 Diskussions-Kultur

    02.04.2012 Notizen über ein paar neue Formate und ihre Implikationen

    08.02.2012 Notizen über ein paar neue Formate und ihre Implikationen

    12.12.2011 Notizen über ein paar neue Formate und ihre Implikationen

    15.10.2011 Notizen über ein paar neue Formate und ihre Implikationen

    10.05.2011 Schnee von Gestern III - Der Grasserstrasser

    29.03.2011 Schnee von Gestern II

    08.03.2011 Dem Josef Pröll seine Ehe und der Fluch der Dialektik

    19.01.2011 Meine Oma und das Weihnachtsgeschäft 2012


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