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Lob des Grauens

"Früher war alles besser, sagen viele Landsleute ...", sagt wiederum Robert Buchacher im Einleitungsabsatz eines Artikels, der in profil #51/2014 unter dem Titel "Ostblockveranstaltung" erschienen ist ( www.profil.at/articles/1451/985/378720/20-jahre-eu-beitritt-wie-wirtschaft die Onlineversion des selben Textes trägt einen anderen Titel). Und was meinen sie damit, diese vielen Landsleute (ich muss so blöd fragen, weil: ich hab' noch keinen getroffen, der dergleichen gesagt hätte)? Nun: Buchacher: " ... - und meinen: bevor Österreich EU-Mitglied wurde. 20 Jahre später ist ihnen nicht mehr bewusst, nach welchen Zuständen sie sich zurücksehnen." Ein Mißstand freilich, dem Buchachers hierauf folgender Beitrag Abhilfe schafft. Wir hatten wirklich keine Ahnung mehr: Dass es voll industrialisierte Volkswirtschaften mitten in Europa auch mal in der Geschmacksrichtung "vernünftig" gab, oder sagen wir "zumindest nicht komplett wahnsinnig".

Dies ist freilich ist nicht so ganz der Erkenntnisschritt, zu dem der Text uns mutmaßlich hätte anleiten sollen. Liest er sich doch wie ein Katalog staatssozialistischer Schrecknisse: Bierlieferungskontingente! Milchpreisbindung! Sozialpartnerschaftliche Lohnrunden bis fünf Uhr in der Früh! Bedarfsprüfungen bei Gewerbelizenzvergaben! Knapp vor dem EU-Beitritt seien sogar noch Wirtschaftskammer-Funktionäre gegen wirtschaftlichen Wettbewerb gewesen, wenn der ruinöse Auswirkungen hat (die Anekdote dazu unterschlägt die Online-Version des Artikels leider) - wo doch in unseren glorreichen Tagen schon jedes Kind weiss, dass das gerade der Sinn des freien Wettbewerbs ist: Die schlechteren Angebote, die fauleren Marktteilnehmer eben zu - nun ja - zu ruinieren, auf dass der Konsument im Supermarkt billigere Milch, besseren Schinken, freundlichere Kassierinnen in abergroßer Zahl vorfinde.

Ein angenehmes Gruseln erfasst die liberale LeserInnenschaft angesichts des Planwirtschafts-Pandämoniums, das Buchacher ausbreitet: Was wurde nicht alles überwunden seit damals! Dass sich tatsächlich mal der Staat, die alte Steuergeldverbrennungsanlage, angemaßt hatte, Einfluss drauf zu nehmen, wie auf seinem Boden gewirtschaftet wird! Wie grau und bürokratisch alles zuging! Wie viele Arbeitskräfte beschäftigt werden mussten! Wie überhaupt nicht serviceorientiert und wettbewerbsfähig man war! Zum Beispiel die heimische Milchindustrie: Vor der "regelrechte[n] Entfesselung der Wirtschaft" (Zitat Buchacher) durch die EU gab es mehr als doppelt so viele Milchbauern wie heute, die dabei aber ein Drittel weniger produzierten und gar nur ein Zwanzigstel exportierten. Na bumm. Da freuen wir uns aber, dass inzwischen alles so viel effizienter zugeht - gerade auch im Sinne der Milchkühe in ihren modernisierten Ställen und der arbeitslos gewordenen Bauern, die ihre Wachstumspotentiale anderswo entfesseln dürfen (unter der Ägide äusserst serviceorientierter AMS-Kursleiter, oder so).

Nun ist jener Artikel nicht von weltbewegender Bedeutung als Diskussionsbeitrag zu irgendwas. Er war Teil 1 einer profil-Serie über "20 Jahre EU-Beitritt" und gibt bloß Standpunkte wieder, die, wie schon angedeutet, unhinterfragtes Allgemeingut geworden sind. Mitglieder keiner einzigen Parlamentspartei werden sich dabei erwischen lassen, etwas anderes als die "europäische Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Österreich" in ihre Worthülsen zu packen, wenn es um Wirtschaft geht (mit jeweils unterschiedlichen Dekorationsvokabeln, versteht sich - denn was das im Einzelnen bedeutet mit der Wettbewerbsfähigkeit, müssen sie glücklicherweise im Einzelnen nicht wissen und können ihre Vermutungen in hübsch klientelfreundliche Schlagwörter packen, "traditionell" hier, "ökosozial" da, "regional", "nachhaltig" oder "dynamisch" dort). Ausser intellektuell nicht satisfaktionsfähigen Rechtsaussen, die feuchte Augen kriegen, wenn es um die "heimische Scholle" geht, Hippies, die gerade ihrem ersten Vortrag von Gea-Chef Staudinger über die Freuden der Tauschkreiswirtschaft und des Alternativbankwesens beiwohnen durften, ein paar magenkranken KommunistInnen sowie der Silvio-Gesell-Gedenkstammtischrunde in Wörgl, Tirol, will niemand im Lande ernstlich hinter das äh "europäisch integrierte Wirtschaften" zurück ... Wie gesagt: Als Diskussionsbeitrag ist Buchachers Text nicht weiter interessant. Als Symptom dagegen schon. Denn:

Es handelt sich nicht um den ersten Text im profil mit der ungefähren Ausrichtung "Der undankbare Pöbel beklagt sich, dabei weiss er gar nicht, wie gut er es hat". Einige Monate zuvor (die Nummer finde ich leider nicht mehr, und die Schlagwortsuche auf der Homepage gibt nichts her) gabs eine Ausgabe, da stand in einem Anderthalbseiter mit schwarzweissem Beweisfoto ernsthaft drin, wie gut der "dynamisierte" Wohnungsmarkt in Wien der letzten zwanzig Jahre dem Zustand der Gebäude, ja der Stadt, getan habe. Das Wort "Grau" fiel mehrmals. Es war nämlich, wegen der blöder Mietpreisbindung, der tendenziell mieterfreundlicher Rechtsprechung und der ganzen Gemeindebau-Bauerei, nicht rentabel, Mietshäuser und Wohnungen zu renovieren. Alles sah ungefähr gleich aus, alles war ein bisschen schäbig, kurz: Der Engel des freien Marktes mit dem rettenden Malerpinsel in der unsichtbaren Hand, er lag in Ketten, und seit er befreit ist, ist Wien viel bunter. Juhuuu! Auf einem anderen grauen Blatt steht freilich, dass von dieser Bunt- und Gediegenheit halt zumindest im und am Ring eher nur mehr die saudischen Öl- und russischen Waffenscheichs was haben, die, mit den Worten eines tatsächlichen Immobilienmaklerslogans an einer tatsächlichen Palaisfassade, "... nicht hier leben [müssen], um Wien zu lieben".

Aber wie Buchachers Artikel in #51, so musste auch jener Graue-Häuser-Diss, wenn ich ihn richtig in Erinnerung habe, nebenbei erwähnen, dass es bei aller Freudlosigkeit, Grauheit und Bürokratie doch "damals" viel "gemütlicher" zugegangen sei als heute, so im Allgemeinen.

An alles dieses dachte ich - ganz ehrlich, liebeR LeserIn, so funktioniert mein Hirn, das ist jetzt nicht nur der notwendige Textaufbau am Werk hier - an alles dieses also dachte ich, als ich die Nachricht erhielt, es sperre die Traminer Weinstube für immer zu; steigende Mietpreise und so weiter. Sie war Schauplatz meiner ersten, in unterschiedlichem Ausmaß peinlichen Räusche, Aufrisse und Kunstbegriffsdiskussionen (auch schon wieder fast 20 Jahre her alles das!), und ich war bis dahin davon ausgegangen, dass dies wohl auch für meine jeweils letzten gelten werde. Weshalb mir das natürlich, sehr unfein gesagt, am Oarsch geht, wenn die Damen Fauster zusperren.

Diese unfeine Regung nun - und das ist vielleicht ungerecht Buchacher gegenüber - übertrug sich unauslöschlich auf den Inhalt seines Artikels, und auf jenen erwähnten früheren Artikel ähnlichen Inhalts:

Ja, "wir" sind wettbewerbsfähiger als "damals". Unsere Häuser sind im Großen und Ganzen schön und sauber hergerichtet. Und alles, was irgendwer beruflich angreift, muß effizient vonstatten gehen, oder es wird zum höheren Ruhme des glücklich wahlfreien Konsumenten ruiniert. Das heisst aber eben auch: Sich durchzuwurschteln, eine ruhige Kugel zu schieben und Personalaquise bzw. Einkauf nach Sympathie zu machen, das können sich nur noch die Erben grösserer Vermögen leisten, denen alles wurscht ist - und auch sie werden gut daran tun, das zu unterlassen, auf dass das grössere nicht zu einem kleineren Vermögen werde. Ihre trotzige Ineffizienz gehörte zu den Eigenschaften, die die Tramina so sympathisch machte. http://www.kleinezeitung.at/s/steiermark/graz/4624083/Graz-Szene_Traminer-schliesst-2015-Wechsel-im-Santa-Clara-?from=suche.intern.portal

Anlässlich des um-sich-Greifens von ernstlichen Nervenzusammenbrüchen und zu Bruch gehenden Existenzen im Bekanntenkreis im Lauf der letzten zwei Jahre fiel einem Gesprächspartner auf: Dass ähnliche biographische Entwürfe wie die der Zusammengebrochenen - viel lesen, bisschen Uni, nur so viel schöpfen gehen wie unbedingt nötig - vor sagen wir dreissig-vierzig Jahren ohne Probleme geklappt hätten: Irgendein wenig fordernder Halbtagesschreibtisch in einem Amt oder einer staatsnahen Institution, vermittelt über persönliche Kontakte "zur Partei" oder so, wär' sich für die alle schon ausgegangen. Und wenn die Aussenfassade des Wohnhauses auch ein bisschen bröckelt - über die Miete nachdenken hätten sie nicht müssen. Das wär sich ausgegangen. Und das geht sich jetzt eben nicht mehr aus - weder für Traditionsbeisl-Betreiberinnen, noch für Otto Normaltagedieb.

Dafür darf, wer effizient arbeitet - oder halt: effizient geerbt hat - und wer das seine zur Exportquote beiträgt, im Geschäft zwischen zwanzig Sorten Milch wählen und wird von der Kassierin - die anders um ihren Job bangen müsste - beim Zahlen angeschleimt. Schön für ihn oder sie. Es geht ihnen jetzt besser, als es ihnen im alten System gegangen wäre. Das gönne ich ihnen auch. Eher ungern dagegen lasse mir über das profil ausrichten, ich müsse mindestens ein bisserl zurückgeblieben sein, um mir Zustände zu wünschen, in denen es mir und meinesgleichen besser gehen würde als jetzt. Ich kriege dann nämlich Zustände, in denen ich von vielen, vielen Kübeln mit betongrauer Farbe von schlechter Qualität phantasiere, die garantiert rasch zu bröckeln beginnt, und mit denen ausgestattet Heerscharen von kollektivvertraglich gut bezahlten, arbeitsscheuen Staatsbütteln alle Döblinger Villen und alle frisch renovierten Jugendstil-Stiegenhäuser in Graz-Geidorf übermalen. In gemütlichen Vier-Stunden-Arbeitstagen, mit Risikozulage und zweistündigen Mittagspausen, versteht sich. (C)

Foto: cc 2.0 justin lindsey 
www.flickr.com/photos/justinlindsay/
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[Artikel/S.Schmitzer/19.01.2015]







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