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10 Jahre Kulturhauptstadt Seiersberg

So weit ist es gekommen. Es ist nicht schwierig einzuschätzen, was vom Jahr 2003, in welchem Graz Europas Kulturhauptstadt war, an positiven Impulsen übriggeblieben ist. Die Stadt geht ins Jahr elf nach der Kulturhauptstadt; dass sehr viel an Schwung mitgenommen werden konnte, kann getrost verneint werden. Das gilt auch fürs Jahr elf nach 2003. Kulturoffensive in diesem Jahr elf: Nein eleven. Uh, der war schlecht. Aber in Anbetracht der Lage ist es schier unmöglich, einen guten Witz zu machen. Am Parkplatz des Einkaufszentrums Seiersberg steht eines der prägenden und bemerkenswertesten Kunstwerke des Kulturhauptstadtjahres, degradiert zu einer eckigen Litfaßsäule inmitten eines mehrere Hektar umfassenden, hässlichen Konsumtempels, der ausschließlich dazu dient, die Menschheit bei oberflächlicher Laune zu halten und Geschichte erst gar nicht zuzulassen. Jetzt sind aber sozusagen die Hosen seit 11 Jahren unten, also ist es bereits egal: Graz stellt den Uhrturmschatten an einen Platz, wo der Schatten einen vermeintlich kleineren Schatten wirft und mit Verzierungen konturloser werden kann. Da haben sich die Verantwortlichen aber getäuscht. Der Schatten, den dieser Turm da unten seit Jahren wirft, reicht definitiv über die gesamte Stadt und ist schärfer denn je. Er unterstreicht das geistige Kleinformat dieser Idee, etwas Unangenehmes ins Abseits zu stellen, weil bitteschön nicht allzu viel erinnert werden möge. Aufgefallen ist mir die 10-Jahre-Propaganda erst dieses Jahr, als ich erstmals seit längerem wieder mit einem Auto nach Graz gefahren bin. Das war meine Begrüßung der Landeshauptstadt zum Beginn des neuen Jahres, nur keine Illusionen.

Dieses Gefühl schlägt sich auch nieder, wenn man sich ein wenig umhört, was die finanziellen Befindlichkeiten von kleinen Kunst- und Kulturinitiativen betrifft. Da wird gekürzt, dass nur so die Fetzen fliegen, während bei anderen Kulturgroßveranstaltungen über eventuelle Defizite gesprochen wird, die so groß sind, dass allein damit unzählige Initiativen und Einrichtungen lange Zeit existieren könnten. Der Chef einer dieser Großveranstaltungen hält, angesprochen auf mögliche Negativzahlen, selbstbewusst fest, dass nicht Österreich die Veranstaltung, sondern umgekehrt die Veranstaltung den Staat Österreich finanziert. Könnte man in akzentfreiem  Finanzbeamtenjargon entgegnen, dass das Zahlen von Steuern nun einmal dazugehört und in der Gesamtstruktur wohl was falsch läuft, wenn ein Defizit übrigbleibt. So würde es zumindest einem durchschnittlichen Unternehmer glasklar um die Ohren flattern. Natürlich gilt nach wie vor, dass Neid verboten ist und es außerdem verboten ist, Kultur gegen Kultur auszuspielen, die Devise ist immer noch, an einem Strang zu ziehen. Allerdings drängt sich bei einem so ausgeprägten Selbstbewusstsein vorsichtig die Idee zu einem sozialen Experiment auf. Zu den Salzburger Festspielen kommen anscheinend Menschen aus über 70 verschiedenen Ländern. Das ist schön und gut für das Land. Viele Menschen aus diesem Land würden sich bestimmt auch gerne das eine oder andere Konzert oder Theaterstück ansehen, können es sich aber nicht leisten aufgrund der Ticketpreise. Manche Veranstaltungen sind nicht unter einer dreistelligen Eurosumme zu bekommen.

Jetzt rechnen wir: Nehmen wir geradeaus ein Ticket um 100 Euro. Das ist für ganz viele Leute ein Zehntel des Monatsgehalts. Wenn sie allein zum Konzert gehen, zu zweit ein Fünftel. Die Kinder müsste man auch noch unterbringen usw. usf. Ich würde Preise versuchsweise so gestalten, dass ein Ticket jeden Gast zehn Prozent des theoretisch zur Verfügung stehenden Monatsbudgets unter Berücksichtigung des gesamten Vermögens kostet. Vermutlich würden dann manche Tickets um mehrere Millionen Euro über den Tisch gehen müssen. Eine Freude für die Veranstalter! Defizit ade! Stellt sich die Frage, ob diese Tickets gekauft würden. Es wäre nicht mehr als ein Versuch. Als Antwort würde man vermutlich bekommen, dass diese Preise in keinem Verhältnis stünden. Also könnten diese Leute herzlich und mit Freude im ganz echten Leben begrüßt werden. Weg von dort, wo es nicht vorstellbar ist, welch hohen Prozentanteil etwas Simples wie eine Konzertkarte, also der schlichte Zugang zu Kunst und Kultur, vom Gesamtbudget wegzwickt. Hereinspaziert in der Welt, in der sogar beim Brot nachgedacht werden muss, welches und wie viel oder ob es überhaupt eines sein darf. Es wäre ein Test für die eventuell noch vorhandenen Rudimente solidarischer Potentiale. Es wäre interessant, überhaupt Preise in eine Relation zu stellen mit den monatlichen Einkünften bzw. mit den Vermögensverhältnissen. Und gleichzeitig wäre es natürlich noch spannender, welche Fantasie und Innovationskräfte freigelegt würden, um große Vermögen durch Auslagerungen und andere Manöver aus den Gesamtbudgets herauszunehmen, um sie zu schonen und nur ja nicht antasten zu müssen. Dieser Versuch wäre wohl eine große Enttäuschung in Anbetracht vollkommen überzogener Erwartungen an eine Solidarität, von der wir aber ohnehin wissen, dass sie nicht existiert. Zu festgefahren sind die Verhältnisse. Ein Joghurt um 28.000,00 Euro. Dieses Experiment wäre eine hübsche Möglichkeit, um Geld in Umlauf zu bringen, das sehr oft, außer in reiner Anwesenheit als abstrakte Zahl in einem kleinen Büchlein dahinzugammeln und mehr zu werden, genau gar nichts bewirkt. Außerdem wäre es eine gute und veranschaulichende Gelegenheit, um ein wenig Werbung für eine Vermögenssteuer zu machen, die für einige in diesem Land so absurd ist wie Datenschutz. Seit das Telefon der deutschen Bundeskanzlerin abgehört wurde, sieht das alles ein wenig anders aus. Spionage: Warum denn nicht, aber bitte nicht bei uns Mächtigen. Da haben sie sich schön geschnitten. Und wenn es jemanden selbst betrifft, verändert sich die Sichtweise schlagartig. Helmut Schmidt hat in einem Gespräch einmal erzählt, dass er und viele andere Politiker seinerzeit bei Telefonaten erst einander und anschließend die Kollegen vom Abhördienst auch gleich begrüßt haben, da verwundert es umso mehr, dass Merkel wohl dem Irrtum aufsitzen muss, dass mit dem Schluss des eisernen Vorhangs auch das Hinterhältige und Böse aus der Welt verschwunden wäre. Und so könnten wir uns im neuen Jahr weiter ärgern über den, den, na, den Ding und die, „Sie miassn des jo wissn, Sie håm des doch in da Schui g´lernt, oder?

Na is ja wurscht, aber bein Heirign, do hat's Persönlichkeiten geben: der Petzner Masl, Woitschkerlbuam, Korschinek Vickerl, Nezwerka Pepi...“¹
Schauen wir einfach über den Schatten drüber, springen wir den Blicken nach und wundern wir uns nicht, wenn frei nach einem öffentlich-rechtlichen Rundfunk alles besser bleibt. Nach einem Rundfunk, dessen ehemalige Mitarbeiter aus Nachrichtenredaktionen plötzlich für eine Partei arbeiten, die vor langer Zeit als Arbeiterpartei begonnen hat, das österreichische Durchschnittseinkommen auf dreitausend Euro brutto schätzen. Das sind keine Bagatellen, wie solche Dinge gerne kleingeredet werden, sondern Symbole von Autismus des politischen Parketts in diesem Land.  

¹(Helmut Qualtinger/Carl Merz, Der Herr Karl)
(c) Foto:  Wikipedia - Shopping City Seiersberg
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[Kolumne/Walter Schaidinger/07.02.2014]







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