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Aus dem Zusammenhang


Wie die Debatte, wenn man es so nennen kann, über Flüchtlinge geführt wird, resultiert aus einer allgemeinen Ratlosigkeit, gemeinsam mit Angst. Angst vor allem um die nächste Wurstsemmel, die uns wohl bald nicht nur weggenommen wird, sondern gleich durch Hammelfleisch ersetzt wird. So klingt es zumindest, wenn manchen Leuten zugehört wird; es ist nicht meine Meinung, um das gleich klarzustellen. Ich sehe das ganz und gar nicht so, habe auch keine Angst, zumindest nicht vor Menschen aus anderen Ländern, mehr schon vor der Dummheit von Menschen insgesamt. Und wenn ich mich nicht klar genug ausdrücke, werde ich verdientermaßen Fragen aufwerfen und von einigen nicht mehr oder endlich lieb gehabt werden.

Viele Menschen denken über die ganze Situation nach, die gerade den Kontinent spaltet. Menschen, die Nachdenken als Profession ausüben, viele Seiten geschrieben, Kontroversen in Gang gesetzt und schließlich viele Denk- und sonstige Preise bekommen haben. Ihre Gedanken unterliegen ebenso dieser verflixten Eigenart der Druckerschwärze wie jene von allen anderen, die etwas aufschreiben: Vor und nach dem Text steht nichts. Es geht einfach nur um einen Text oder ein Interview. Mein gesamtes Geschriebenes ist überschaubar, trotzdem muss ich immer schön gucken, dass die paar Zeilen so halbwegs nachvollziehbar sind und eine abgeschlossene Geschichte für sich bilden. Würde ich also heute aufschreiben, dass ich es befürworte, rund um irgendeine Gegend einen Zaun aufstellen zu lassen, aus welchem Grund auch immer, werde ich zurecht Schelte bekommen oder fetten Applaus aus einer Richtung, die mir eher weniger behagt. Ich hätte es mir verdient. Da hülfe es mir überhaupt nicht, hätte ich in den letzten fünfzehn Aufsätzen genau das Gegenteil geschrieben.

In Deutschland gibt es eine interessante Streiterei, würde ich einmal sagen. Da hat nämlich ein als linksliberal geltender Philosoph in einem Interview offenbar sehr kritische Worte zur deutschen Kanzlerin gefunden, die er unter anderem als Übergangsfigur bezeichnet. Er hat zur Flüchtlingspolitik insgesamt ein paar Dinge gesagt, von denen ein paar andere Kommentatoren überrascht waren, von diesem plötzlichen Schwenk Richtung Nationalstaatsfreude, nennen wir es einmal so. Dafür wurde er kritisiert. Einen Kollegen, der für ihn unbegreiflicherweise auch kritisiert wird, nennt er mit Vor- und Nachnamen, Angela Merkel als Frau Merkel und eben Übergangsfigur. Sind wir nicht alle Übergangsfiguren?

Ich habe eine Zusammenfassung der Auseinandersetzung gelesen und eine Replik des Philosophen in der Zeit. Um Inhalte geht und ging es gar nie, so die Vermutung. Es geht um Schelte an seine Kritiker. Die Kritik an ihm selbst hat er als Primitive Reflexe überschrieben. Hätten die nämlich nicht nur sein Gesamtwerk, sondern auch Dostojewski, Kant, Hegel, seinen kritisierten Kollegen und viele mehr ganz genau gelesen, wäre alles vollkommen klar. Da stellt sich mir folgende Frage: Darf mir eigentlich ein Stuhl von Philippe Starck gefallen, obwohl ich seine Zitronenpresse eher doof finde? Dazwischen habe ich vieles versäumt, er hat bestimmt einige tolle Dinge gebaut und es waren bestimmt welche dabei, die mir gar nicht gefallen. Steht es mir nun zu, wenn es beispielsweise einen Sessel gibt, der für mich total blöd aussieht, ihm das auch zu sagen? Ihm zu sagen: Philippe, ich mag diesen Sessel nicht, weil er nicht schön ist, komm, lass ihn uns gemeinsam schön trinken? Und wie ich das darf! Er würde wohl damit leben können, ich würde mir den Sessel wohl alleine schön trinken, und Philippe würde sich denken, muss ja nicht allen gefallen, der Sessel, oder? Aber in Ordnung, dass es jemand sagt.

Bei Kritik an manchen Personen handelt es sich um Majestätsbeleidigung, so liest es sich zumindest. Hui, da wird geschwafelt. Es geht nicht um den eigentlichen Inhalt dieser Debatte, der ist in der Zwischenzeit schon völlig egal. Es erschreckt, wie wenig Interesse an der Sache an sich hier zu finden ist: Eitelkeit ist eine fürchterlich ablenkende Eigenschaft. Flüchtlinge? Ach was, das könnte man mit mir diskutieren, wenn nur dieses blöde Volk mein Oeuvre verinnerlicht hätte, dann könnte sinnvoll was weitergehen, aber so? Man versteht mich nicht! Und so kann es leider nicht gehen!

Vielleicht ist es auch besser so, wenn diese Debatte einfach ein paar Leute weniger mitführen, weil sie zu sehr mit sich selber und ihrem Werk beschäftigt sind. Ich würde sogar sagen, dass Eitelkeit in diesen Tagen und der Beschäftigung mit Migration zu den ersten Eigenschaften zählt, die genau gar nichts hier verloren haben. In Wirklichkeit erscheint es sogar ausgesprochen zynisch angesichts der Tatsachen, die gerade stattfinden, und dazu zählen, wenn es auch plakativ erscheint, verfolgte, flüchtende, frierende, hungernde und ersaufende Menschen. Hier ist es angebracht, im Klartext an der Basis zu denken, schreiben und handeln und nicht sich über zwei Seiten A3 sich darüber zu mokieren, dass nicht kapiert wird, was gemeint war.

Der Anspruch, ein ganzes Werk gelesen zu haben, geht nicht auf, angesichts der Geschwindigkeit der heutigen Medienlandschaft – das müssten doch gerade die Denker der heutigen Zeit verstanden haben. Ansichten und Erörterungen lassen sich so formulieren, dass sie auch ohne eine Jahre dauernde Vorbereitung verstanden werden können, das ist gar nicht so schwer, hat bloß keine große Tradition. Es gibt nämlich Menschen, die nicht genug Zeit haben, alles von jemandem Geschriebene durchzuackern einerseits, und andererseits gibt es noch ein paar weitere Leute, deren Ideen, Auffassungen und Geschichten Relevanz haben. Es scheint schwer vorstellbar zu sein, aber so gemein ist das echte Leben nun einmal. Offenbar geht er aber von seiner eigenen Sackgasse in der Beurteilung von Menschen aus: Angela Merkel kommt aus der CDU, also ist ihre Grundhaltung zum Thema Flucht nicht möglich, weil sie an Menschen in Not denkt und um eine gesamteuropäische Lösung kämpft. Sie verhält sich offener, als es mancher Denker für Menschen für möglich hält, die aus einer konservativen, christlich-demokratischen Partei kommen; aber so ist es nun einmal. Einem Denker darf die Merkwürdigkeit mitgeteilt werden, wenn Gedanken formuliert werden, die als Schwenk in eine bislang unbekannte Richtung zu verstehen sind.

Die eigenen Koordinaten abzuchecken ist niemals ein Fehler. In Österreich beispielsweise kann nicht behauptet werden, als Parteibuchbesitzer der Kanzlerpartei links zu sein, der Kanzler selbst ist wieder dort angelangt, wo er herkommt: in der absoluten Banalität der Orientierungslosigkeit. Kurz war Deutschland ein Vorbild. Es war zu befürchten, dass der Kanzler ein Strohfeuer abgebrannt hat. Es ist zu menschlich geworden, jetzt wird wieder dem Publikum nach dem Maul geredet und fröhlich versucht, rechts zu überholen, nicht nur ohne Rückspiegel, sondern vor allem auch mit dreckverschmierter Windschutzscheibe, wo man nichts raussieht. Er merkt nicht, dass er bereits am Pannenstreifen fährt. Die Rettungsgasse auf der Autobahn wäre links davon. Eindrucksvoll und alles erklärend ist der Kommentar des konservativen österreichischen Präsidentschaftskandidaten zur amerikanischen Präsidentschaftswahl: Am nächsten liege ihm Bernie Sanders, obwohl links von der Mitte, was für ihn grundsätzlich nicht wählbar ist, „aber manchmal ist der Einäugige König unter den Blinden“. Das bestätigt die Vermutung, dass für die heimische konservative Abteilung alles, was von der eigenen Sicht der Dinge abweicht, nicht einfach nur anders, sondern schlichtweg falsch ist: Was für ein beeindruckend überheblicher Holzweg, zumal angesichts der beeindruckenden Wahlschlappe in Wien.

Die Debattenkultur in Deutschland ist also immer noch zu bevorzugen: Die Arroganz wird dort zumindest durch den Versuch, sachlich zu sein, ersetzt. So viel kann dort gar nicht geschwafelt und gestritten werden, als dass Abgründe und Niveauverluste so gravierend sein können dank ausreichender Korrektive. Lieber eine gut formulierte Eitelkeit, gerne auch über fünf Seiten, als auch nur wenige politische Sätze aus dem Alpenland, die uns Tränen der Verzweiflung in die Augen treiben. Ich bin übrigens gegen Zäune, und die Zitronenpresse finde ich nicht doof, sie ist nur ein wenig unpraktisch.


Bildrechte: (C) Walter Schaidinger


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[Kolumne/Walter Schaidinger/31.03.2016]







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