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Vom Gesindel

Es hätte dieser Text hier ein Stück Satire werden sollen. Ich wollte mir die so unsäglichen wie -bedarften Wortmeldungen zweier Gratiskäseblätter zum Thema Innenstadtaufwertung vornehmen; Wortmeldungen, die eh ziemlich genau das sagen, was sich der kleine Maxi vorstellt, dass ein werbewirtschaftsfinanziertes Gratiskäseblatt so sagen wird zum Thema... Im einen Fall lag Grössenwahn vor ("Der Schloßberg als Grazer Montmartre" - mehr Gastro, mehr Veranstaltungen, touristische Flaniermeilen und (Zitat) "Stände von Hobbykünstlern" auf den Schloßberg, weil da eh "keine Anrainer" gestört würden...), im anderen Fall bloß die haltlose Beschimpfung von BenutzerInnen des Stadtparks als vergnügungssüchtiges, b'soffenes Gesindel, dessen vermeintliches  Recht auf Rausch und Lärm dem Neubau von 1A-Hochpreiswohnungen im Wege stehe...

Ich hätte so getan, als ob ich den genannten Blüten des österreichischen Journalismus vollinhaltlich zustimmen würde, um dann die Gedankenimitate der Verfasser weiterzuspinnen. Es wäre in diesem meinem satirischen Altstadtaufwertungsprogramm von der Grazer Innenstadt nichts geblieben als ein buntsteirischer Vergnügungspark für zahlungskräftige Kundschaft, mit StatistInnen in Allonge-Perücken oder Lederhosen (jedenfalls aber kniebestrumpft), und die denkmalgeschützte Dächerlandschaft wäre auf Stelzen rumgestanden (denn statt der Häuser würden da effizienterweise Verkaufsstände, Achterbahnen u.ä. hingekommen sein).

Dieses Stück Text hätte ich verfasst, um darauf hinzuweisen, dass es in Graz gerade einen ganzen Haufen von metaphorischen und realen Baustellen gibt, die ein zumindest diskussionsbedürftiges Verhältnis der Stadtverwaltung nebst InvestorInnenschar zum öffentlichen Raum nahelegen... Ich hätte ihrer wohl die folgenden erwähnt: Den Pfauengarten; das Forum-Stadtpark-SeniorInnencafe, wie es sich Bürgermeister Nagl so vorstellt; die Sicherheitsverordnung zum neuen Veranstaltungsgesetz und mit ihr die Probleme von Niese, Wacuum, CuntRa, Sub und Parkhouse; die aufgestockte Stadtwache, die inzwischen selbst noch Hängematten im Stadtpark verbietet; das ewige pauschale Gehetze gegen alle dunkelhäutigen BenutzerInnen des Volks- und des Augartens in den Regionalmedien; die geplante Geldverbrennungsseilbahn entlang der Mur, die zwar eh süß ist, die Graz aber vergleichsweise nicht gaaanz so nötig braucht wie funktionierendes Park-and-Ride und ein paar neue Strassenbahnlinien... Ja. So ungefähr. Das ganze Zeug halt.

Ich hätte auch versucht, herauszuarbeiten, wie all diese so unterschiedlichen Sachzusammenhänge und Verantwortlichkeiten sich gleichwohl zu einem sehr deutlichen Bild davon verdichten, zu wessen Stadt sich Graz zusehends entwickelt; einem Bild von "Stadtplanung", die keinen Gegensatz zu "Provinizialisierung" darstellt und der ganz insgesamt ein Menschen- und Gesellschaftsbild zu Grunde liegt, vor dem mir nichts bleibt, als mich zu fürchten. Alles das hätte ich angeführt, und dann hätte ich noch "Occupy Stadtpark" erwähnt, jene Zusammenballung von Leuten, die gerne den Enterlteich, das Verkehrsübungsareal und den Kinderspielplatz im Stadtpark so behalten würden, wie sie eben sind, und die auch nix dagegen haben, dass im Parkhouse weiterhin auch nach 22:00 noch Musik aufgelegt werden kann (weils ja bis jetzt noch keine unmittelbaren Anrainer gibt, die was dagegen haben - was sich zu ändern droht). Wenn es mir gelungen wäre, in diese Erwähung noch ein-zwei Spitzen auf die lustigen Facebook-Gruppen-Wortgefechte einzubauen, die zur Zeit das salzigste Salz in der Suppe politisierten Internetkonsums darstellen, wäre ich so richtig stolz auf mich gewesen. Dass die Idee, den Luxuswohnungen im Pfauengarten was entgegenzusetzen, inzwischen von mehr als 8.000 Leuten gut gefunden wird (zumindest, s.o., auf Facebook), hätte jedenfalls in den Artikel reinmüssen.

Ich habe ihn dann aber nicht geschrieben. Ich habe ihn aus drei Gründen nicht geschrieben: Erstens, weil ich mir meinen Artikel-Output des letzten Jahres mal genauer angesehen habe und irgendwie nicht so glücklich damit war, dass ich immer, wirklich immer, nur ätzen und sempern und ganz allgemein dagegen sein konnte. Das Bewusstsein, nichts zu tun als machtlos die verbale Faust zu schütteln, ließ mich schlecht schlafen. Wie geil wäre es, einmal einen Text für KiG! aus einer anderen Grundhaltung heraus zu schreiben? Zweitens, weil der Erkenntnis wert für die verehrten LeserInnen von KiG! eher niedrig wäre: "Huch, Graz wird immer mehr zum Spielzeug einer Bande ahnungsloser Trachtenanzugs-Yuppies und ihrer (wo auch immer) embedded journalists? Na sowas! Wer hätte das gedacht? Aux armes, citoyens!" Drittens schließlich, weil über die Wurzel des Übels und Strategien zu seiner Beseitigung in der geschilderten lustigen Weise wenig, anders aber viel gesagt werden kann. Und zwar mit Hilfe der folgenden Geschichte:

Es gibt da diese Freundin von mir. Die hat einen Sohn. Der ging bis jetzt in ein traditionsreiches Grazer Gymnasium. Im Herbstsemester wechselt er die Schule. Warum? - Er wurde mehrmals von Lehrern "im Stadtpark gesehen" und hat auch Kollegen gelegentlich dazu eingeladen, sich "im Stadtpark" zu treffen. Deshalb wurde seiner Mutter nahegelegt, dass der geplante Schulwechsel "eh eine gute Idee" wäre - angehende Akademiker dürften sich nicht (Zitat) "mit Gesindel abgeben". Was steckt dahinter? - Der junge Mann hat, als einziger oder fast einziger in seiner Klasse, keinen Privatgarten und keine Terasse, in den oder auf die er seine Kommillitonen einladen könnte. Wenn er sich zum Lernen im Freien treffen will, und sich nicht immer nur einladen lassen möchte, bleibt ihm allein die Möglichkeit, den Stadtpark zu seinem Garten zu machen. Allwo aber, in der einen Interpretation des "Gesindel"-Zitates, ebendieses Gesindel lauert, auf dass er sich mit ihm abgebe und seine Würde als angehender Akademiker verliere (boshaft reiben sich Fuchs und Kater aus Pinocchio die Hände...). In der anderen Interpretation aber ist der junge Mann selbst das Gesindel, und zwar, weil er mangels elterlichem Privatvermögen den Stadtpark benutzen muss, und es ginge den PädagogInnen darum, die anderen, wohlhabenderen SchülerInnen vor seinem schlechten Einfluss zu beschützen. Wir merken uns: Wer einen Privatgarten hat, ist sicher kein Gesindel; wer keinen hat, gelegentlich schon. Vor allem dann, wenn er/sie nicht den Anstand hat, in seiner/ihrer Freizeit tunlichst aus der Öffentlichkeit zu verschwinden. Dass der Stadtpark zum pittoresken Flaniergelände für Leute werde, die seiner nicht notwendig bedürfen, um auch mal Bäume zu sehen oder abends draussen rumzuhängen, erscheint in dieser Konzeption durchaus vernünftig.

Dass der Klassenstandpunkt des Großbürgertum so explizit, so unverbrämt und in einer so unapologetisch dämlichen Form aufgetischt wird wie in diesem "Gesindel"-Sager, sind wir nicht mehr gewöhnt: Die vorangegangene Generation verstand sich erheblich besser aufs Kreidefressen. Dass es sich bei der aktuellen Politik der Stadt Graz in Bezug auf den öffentlichen Raum und die Prioritäten der Stadtplanung um wenig mehr handelt als um das Ergebnis dieses selben Denkens und dieser selben Grundhaltung, können sich viele FreundInnen und Freunde eines offenen Stadtparks deshalb einfach nicht vorstellen. Was jedoch die aktuell so triumphal durch die Stadt spazierenden FreundInnen des Fünf-Euro-Proseccos und der Designertracht sich nicht vorstellen können, ist, dass "Gesindel" - oder sonstwer - sich nicht einfach in Luft auflöst, weil man es bzw. ihn (aus welchen Gründen auch immer) nicht mehr einplant. Gartenbaukunst ist nicht die Mutterdisziplin der Stadtplanung.

Selbstverständlich wird der Kampf von "Occupy Stadtpark" verloren werden: In den Pfauengarten werden die Wohnhäuser kommen, die da hinkommen sollen, und die Leute, die sie sich leisten können, werden da einziehen (oder sie werden es nicht tun - wofür es in Form des "silbernen Elefanten" ja einen Präzedenzfall gäbe). Es wird diese oder jene Besetzungsaktion geben, Unterschriftenlisten und hilfsbereite GemeindepolitikerInnen, "Einladungen zum Gespräch" (wenn überhaupt), Volksküchen und Solidarisierungen aus anderen Städten - aber es wird alles nix nutzen. Das Parkhouse wird eine Pro-Forma-Schallschutzmauer oder sowas errichten, der Kinderspielplatz wird übersiedeln, und Ruhe wird wieder einkehren.

Bloß ist es eher unwahrscheinlich, dass es deswegen zu einem Massenexodus der Personen mit Nettomonatseinkommen unter 2.500 €, und/oder Musikgeschmack über 150 BpM kommen wird. Und irgendwo werden wir hinmüssen. Und so viele OrdnungswächterInnen wird Graz sich gar nicht leisten können, wie es brauchen wird, um diese eingekehrte Ruhe flächendeckend werden zu lassen.


Bildrechte: Public Domain.
Originalfoto hier:
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:070_Graz_von_Osten_gesehen,_lith._Wachtl_-_J.F.Kaiser_Lithografirte_Ansichten_der_Steiermark_1830.jpg
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[Kolumne/S.Schmitzer/30.07.2013]







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