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Man wird es wohl einmal sagen dürfen!

Jawohl, verändern wir den Satz, der um Thilo Sarrazin kreist, ein ganz klein wenig, anstatt „noch“ heißt es jetzt „einmal“. Sicherheitshalber bleiben wir ein wenig im Konjunktiv, damit die zwar ohnehin üppig vergebenen Unschuldsvermutungen in diesem Land auch für einen selbst gültig sein mögen. Pünktlich zu Vorwahlzeiten erreichen uns aus dem braunen Morast akustische Erinnerungen, mit wem man es hier zu tun hat, nichts Neues. Große warme Luftblasen steigen aus dem Matsch auf und zerplatzen weithin hörbar. Diese Kundgebungen werden dann von einem Großteil der eigenen Leute verteidigt, einzelne distanzieren sich davon. Die Regierungsparteien regen sich auf, was besonders lustig erscheint, hatte doch der konservative Teil davon erst kürzlich gar kein Problem, mit dem blauen Sonnenkönig zu koalieren, und zu diesem Zeitpunkt war hinlänglich bekannt, mit wem man es zu tun hat.

Jedenfalls wird hier von einem rechten Recken, dem sie warum auch immer nachsagen, dass er ein Intellektueller wäre, ein Wort verteidigt, das er für Menschen anderer Hautfarbe verwendet, da es ja nichts anderes als ein deutsches Wort wäre, das eine lange Tradition hat. Sehr viele Menschen in diesem Land nehmen das mit Wohlwollen zur Kenntnis, man wird es ja wohl noch sagen dürfen. Auch Menschen, die eigentlich gar nicht diesem braunen Sumpf angehören. Die aber anscheinend Schmerzen verspüren, wenn sie ein Wort gegen ein anderes tauschen sollen, eigentlich gar kein Aufwand. Ich bin mir nicht sicher, ob man so etwas Prinzipientreue nennen kann, Ignoranz trifft es eher. Einen Autoabstellplatz nannte man bis vor kurzer Zeit einfach Autoabstellplatz, oder Parkplatz, und wenn das arme Auto nicht mehr im Regen stehen sollte, dann wird ein Dach darüber gebaut. Da hatte niemand ein Problem, diesen Parkplatz innerhalb des eigenen Besitztums plötzlich Carport zu nennen, ein Anglizismus noch dazu, pfui. Jetzt gäbe es zumindest die Überlegung und den Wunsch, dass dieses antiquierte und beleidigende Wort für Menschen anderer Hautfarbe auch, wenn möglich, einfach zu Hause bliebe, so wie das Carport selbst. Würde ich jetzt mit ähnlicher Umsicht wie ein ehemaliger Kofferträger des ehemaligen Sonnenkönigs agitieren, der einst 300.000 „Ausländer“, um einigermaßen im Zitat zu bleiben, nach Hause schicken wollte, weil sie genauso viele Arbeitsplätze uns armen Österreichern wegnähmen, würde ich jetzt einfach fordern: 300.000 Carports sollen in ihren Urzustand zurückgeschreddert werden, in die Steinbrüche und Schottergruben und das Holz der Überdachungen wieder in die Wälder zurückgebracht werden, weil, ja weil, warum eigentlich? Weil, sagen wir, diese Carports einen schlechten Einfluss auf die traditionelle deutsche Sprache unserer Kinder und Jugendlichen haben? Wo ist unser schöner alter Parkplatz? Da müssten die rechten Brüder und Schwestern eine Heidenfreude mit mir haben, dem Verteidiger der ureigensten germanischen Begriffe.

Jedenfalls trifft die Geschichte mit diesem alten Wort auf viele offene Ohren. Das funktioniert. Trotzdem kann ich nicht wirklich glauben, dass hinter diesem ganzen Theater eine Strategie steckt. Zumindest kann es sich um keine Strategie handeln, die konstruktive Folgen hätte, das zeigt und beweist die Vergangenheit, auch die jüngste. Ein guter Teil der Aufarbeitung der schwarz-blauen Koalition Anfang des Jahrtausends findet vor Gericht statt. Im Süden wurde ein ganzes Bundesland durch die Finanzgebaren eines als Landeshausbank betrachteten und vereinnahmten Geldinstituts wirtschaftlich quasi dem Erdboden gleich gemacht. Das schlagartig abgenommen habende Niveau in der politischen Auseinandersetzung und das Wiedererstarken des dumpfen Stammtischpalavers parallel dazu in aller Öffentlichkeit kann leider nicht statistisch erfasst werden oder gemessen, spürbar ist es allerdings, so man nicht an selektivem Hörverhalten leidet. Das einzige Ziel ist die Maximierung des Stimmenanteils bei Wahlen, indem die allerniedrigsten Instinkte der Menschen angesprochen werden, soweit wird gedacht. Das Problem: Was danach kommt weiß niemand. Die aktuelle Regierung hat größte Mühe, ein eigentlich in gutem Zustand sich befindliches Land einigermaßen zusammenzuhalten und nicht in einem undurchsichtigen Smog aus Freunderlwirtschaft und latenter Rechtstendenz aus dem Ruder zu geben, der Umgang mit der kaputten Bank, die wir vom Süden überreicht bekommen haben, verursacht schon starke Bedenken an den Kompetenzen. Nicht auszudenken, was wäre, wenn, aber lassen wir solche Horrorszenarien. Als es sich um ein Spiel mit antisemitischen Symbolen in einem bestimmt sehr lustige Comicstrip drehte, wurde vom Initiator oder Verantwortlichen für dieses Produkt dem Zuseher Antisemitismus vorgeworfen, wenn er denn in dieser Zeichnung Antisemitismus erkennen könne. Diese Ansicht wurde mit Dreistigkeit verurteilt. Wo es hier um Dreistigkeit sich drehen könnte, blieb bis jetzt aber sehr gut verborgen. Raffiniert ist das alles auch nicht. Der vom Himmel gefallenen Sonne, dem Kopf dieser ganzen Abteilung, wurde einst höchstes politisches Talent bescheinigt. Wo bei einer Politik, die ausschließlich dadurch funktioniert, auf Kosten von Schwächeren und Minderheiten Kapital zu schlagen und gleichzeitig einen ganzen Landstrich wirtschaftlich zu verwüsten und zu korrumpieren, ein Talent liegt, lässt sich nicht erkennen. Die Verunglimpfung des damaligen Vorsitzenden der israelitischen Kultusgemeinde fällt ins Jahr 2001, also ins Jahr eins der schwarz-blauen Koalition. Damals war das kein Grund, diese aufzukündigen, nur zur Erinnerung, woher die Verwunderung rührt, dass sich ein Kollege aus der sogenannten Mitte sich plötzlich so fürchterlich über die rechten Brüder echauffiert.

Bei all diesen Beispielen also lässt sich Vieles dahinter vermuten, bloss kein Kalkül, denn da man getrost aus Erfahrung gelernt hat, dass nichts Konstruktives folgen wird, erhärtet sich der Verdacht, dass das alles einfach nicht gescheit ist. Bei manchen Beispielen, nämlich dem Vorschlag, 300.000 „Ausländer“ oder eben Menschen mit Migrationshintergrund in den letzten ein oder zwei Generationen abzuschieben, muss man es als sehr kontraproduktiv einordnen, autoaggressiv eigentlich sogar, da sich der Kollege mit dieser Idee selbst abgeschoben hätte. Halbmonde auf den österreichischen Gipfeln hat er auch befürchtet. Der Reflex, Antisemitismus sei nur dort, wo man ihn sehen möchte, ist nicht dreist, sondern einfach nicht genügend, setzen, leider nichts verstanden, sonst gar nichts. Auch weiß man, dass Europa ein Kontinent der Einwanderung ist, aus vielerlei Gründen, nicht zuletzt aus wirtschaftlichen, aber Wirtschaft ist eben auch kein Spezialthema der rechten Abteilung, siehe Kärnten.

Wenn man nun bewusst das Feuer schürte und Unfrieden anzettelte mit solchem Beharren auf veralterten und vor allem beleidigenden Begriffen, dann wäre das ja eigentlich dumm. Und wenn das möglicherweise nicht einmal begrenzt strategisch angewandt wäre, beruhte es gar auf Angst, auf richtiger, aufrichtiger Angst vor wem oder was auch immer. Da käme man dann relativ bald zur Vermutung, dass es sich bei den Protagonisten dieser Aussagen um Angsthasen handelt. Um dumme Angsthasen noch dazu, weil diese Angst ja einer großen Dummheit entspringt. In weiterer Folge müsste man also davon ausgehen, dass diejenigen, die diese vermeintlichen Dummköpfe oder Angsthasen oder eben beides wählen, auch Dummköpfe oder Angsthasen wären, die leider im Jahr 2014 noch nicht angekommen sind oder eine politisch und menschlich vergammelte Vergangenheit mit Erfolg in die Gegenwart mitgenommen haben. Der Regierung fällt zu all dem genau gar nichts ein, sie ist nicht einmal in der Lage, einen Bankenskandal ungeheuren Ausmasses dorthin zu verorten, wo er herkommt und also denen umzuhängen, die ihn verursacht haben, oder warum sträubt man sich so heftig gegen einen Untersuchungsausschuss? Auch hier könnte man Verdacht schöpfen, dass ein gehöriges Stück Dummheit mit im Spiel ist. Die Unschuldsvermutung für die Herstellung all dieser Dummheit steht für alle zusammen nicht einmal auf sehr wackeligen Füßen, sie löst sich langsam, ganz langsam, aber doch auf wie ein Morgennebel im Laufe eines sonnigen Herbsttages. Man wird das wohl einmal sagen dürfen!

(C) - WIKIPEDIA - This reproduction of a 1900 William H. West minstrel show poster, originally published by the Strobridge Litho Co., shows the transformation from white to "black"....




[Kolumne/Walter Schaidinger/04.04.2014]







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    Kolumne - Walter Schaidinger


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